VG-Wort Pixel

Coronakrise Konzertveranstalter Marek Lieberberg klagt an: "Wir sind keine Kultur zweiter Klasse!"

Fans bei Rock am Ring 2019
Fans bei "Rock am Ring" im Jahr 2019: "Die leidenschaftlichste Wechselwirkung zwischen Künstlern und ihren Fans"
© Thomas Frey/dpa
Die Live-Kultur und ihre Millionen Beschäftigten sind in der Pandemie eigentlich verstärkt auf staatliche Hilfen angewiesen, leiden stattdessen aber seit Monaten unter krasser Vernachlässigung. Ein Interview mit Marek Lieberberg, Chef des Branchenriesen Live Nation, über Hardliner-Signale aus dem Kanzleramt und die Bedeutung des Rock'n'Roll für unsere Gesellschaft.

Herr Lieberberg, hätten Sie Mitte März gedacht, dass Sie für den Rest des Jahres 2020 kein einziges Konzert mehr besuchen würden?

Das Unheil hat sich nicht gleich in seinem ganzen Ausmaß entfaltet. Aber die Anzeichen wurden mit jedem Tag bedrohlicher und unser Horizont verdunkelte sich zusehends. Bei den ausverkauften Shows von Cirque du Soleil im Zelt auf der Münchner Theresienwiese hieß es erst, man könne sich beispielsweise eine Kapazitätsverminderung von 2.500 auf 1.000 vorstellen. 24 Stunden später erfolgt die willkürliche Reduzierung auf 500, was das Aus bedeutete. 

Wie ging es dann weiter?

Wie Dominosteine purzelten alle unsere Projekte ins Nichts. Uns wurde schnell klar, dass wir nicht nur die Ersten waren, denen einen Berufsverbot auferlegt wurde, sondern auch die letzten beim Re-Start nach der Pandemie sein würden. 

Hier spenden. Und gewinnen.
*Gewinnspielteilnahme von Spende unabhängig

Sie haben mit dem geplanten Open Air in Düsseldorf im Spätsommer den Versuch gestartet, ein virussicheres Konzert zu veranstalten. Wie groß ist eigentlich ihr Groll, dass nachträgliche Kapazitätsbeschränkungen seitens der Politik diesen Plan zunichte gemacht haben?

Das Düsseldorfer Konzert hatte Modellcharakter für sichere Veranstaltungen in Zeiten der Pandemie. Die zuständigen städtischen Behörden und anerkannte Virologen sprachen von einer Übererfüllung der Maßnahmen zum Infektionsschutz.

Um welche Maßnahmen hat es sich da gehandelt?

Zum Beispiel die Kapazitätsreduzierung auf 25 Prozent, den obligatorischen und verpflichtenden Mund-Nasen-Schutz, soziale Distanz, Alkoholverbot sowie zeitlich abgestufter Ein- und Auslass. 

Und was war das Problem?

Die Landespolitik wollte das nicht, offenbar auch bedrängt durch Hardliner-Signale aus dem Kanzleramt und Bayern. Deshalb hat man sich für den Winkelzug einer nachträglichen Begrenzung auf 1000 Besucher – statt 12.000 – entschieden, um diesem Projekt endgültig den Garaus zu machen. Damit wurde gleichzeitig der dringend erforderliche Wiedereinstieg in das Live-Geschehen torpediert, der genauso elementar für unsere Branche ist wie die lange hinausgezögerten Hilfen. 

Würden Sie denn zustimmen, dass Konzerte und Festivals dummerweise wie ein Musterbeispiel für alles stehen, was gerade auf gar keinen Fall sein darf: Nähe, Umarmung, Enthemmung?

Sie stehen auf jeden Fall für die leidenschaftlichste Wechselwirkung zwischen Künstlern und ihren Fans. Ich würde diese einzigartige Begeisterung keineswegs als Enthemmung bezeichnen. Und die Frage der Nähe ließe sich mit Verantwortungsbewusstsein und der Toleranz, die unser Publikum zweifelsfrei auszeichnet, in den Griff bekommen. Den Dialog hierüber hat die Politik bisher verweigert. Beim evidenten Mangel von Distanz in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens wurde einfach weggeschaut – dagegen war es ein Leichtes, die Live-Branche mit Verboten und Beschränkungen vollständig zu lähmen. 

Maskenpflicht und Social Distancing klingt ja zunächst einmal wie das Gegenteil von Rock’n’Roll – warum sind Sie trotzdem überzeugt, dass solche Events auch in Zeiten einer Pandemie funktionieren könnten?

Rock 'n' Roll ist seit über fünf Jahrzehnten der kreative Soundtrack unserer Zeit. Es geht um die künstlerische Freiheit und Entfaltung, die nicht abgewürgt werden dürfen. Es müssen Auswege aufgezeigt werden. Wenn das unter anderem Maskenpflicht bedingt, sehe ich darin in dieser speziellen Situation überhaupt kein Hindernis, solange Hören und Sehen als gemeinsames Erlebnis erhalten bleiben.

Marek Lieberberg
Marek Lieberberg ist Geschäftsführer des Konzertveranstalters "Live Nation" und Gründer des Festivals "Rock am Ring"
© Andreas Arnold/dpa

Warum gibt es in der Politik eigentlich so gar kein Gefühl für die emotionale und intellektuelle Bedeutung von Musik und Kultur für die Gesellschaft?

So pauschal würde ich das nicht sagen, nur weil es die Kanzlerin, ihr Gesundheitsminister und einige Landesfürsten an Verständnis und Empathie vermissen lassen. Dennoch gibt es eine ambivalente Haltung gegenüber der modernen Live-Kultur. Mit dem Feigenblatt der geförderten Kultur, die größtenteils von finanziellen Einbußen verschont geblieben ist, ließ sich die systemische Diskriminierung der Musik-Branche bequem kaschieren – zumal die Medien lange Wahrnehmungsprobleme hatten. 

Allein in Deutschland hängen rund 1,5 Millionen Menschen von der erweiterten Livebranche ab – sind viele von denen eigentlich überhaupt noch zu retten?

Die Situation ist gravierend. Diese so diverse Branche erlebt seit acht Monaten in Teilbereichen einen existentiellen Erosionsprozess. Eine wundervolle Vielfalt droht verloren zu gehen, weil sich viele Dienstleister und Spezialisten in der Not andere Jobs suchen mussten. Diese wichtigen Strukturen müssen wiederhergestellt werden. Aber Live wird kämpfen und mit größter Kraft zurückkommen, denn Millionen warten auf die Renaissance ihrer Kultur.

Wie kann den Clubbetreibern, Bühnenbauern, Caterern und den vielen anderen Menschen, die hinter den Kulissen arbeiten, in diesem Winter konkret geholfen werden?

Die Novemberhilfe wird vielleicht die gröbste Not lindern, in die so viele Gewerke unverschuldet geraten sind. Gemeinsam mit der Überbrückungshilfe III kann so eventuell dem Niedergang Einhalt geboten werden. 

Und darüber hinaus?

Genauso elementar ist ein Gedankenaustausch von Veranstaltern, Behörden, Politikern und Gesundheitsexperten, weil nur so zuverlässige Kriterien für die Live-Branche erarbeitet werden können. Wir müssen endlich wissen, wie und wann es weitergeht, damit nicht nur zehntausende von verschobenen Veranstaltungen, sondern auch neue Projekte gewährleistet sind. 

Gerade die Livemusik ist traditionell eine sehr unabhängige Branche ohne Förderung. Spüren Sie zurzeit eine besondere Wut unter den Betroffenen, weil sie in dieser existenzbedrohenden Zeit anscheinend einfach vergessen werden?

Wir präsentieren seit Jahrzehnten Kultur für Alle, für die Mehrheit der Bevölkerung, ohne Subventionen und auf eigenes Risiko. Dieser Beitrag ist bisher überhaupt nicht ausreichend gewürdigt worden. Natürlich verstehen wir, dass Subventionen in Teilbereichen der Kultur wichtig und erforderlich sind. Gerade deshalb erwarten wir in einer derartigen Ausnahmesituation mehr Akzeptanz und schnellere Hilfsmaßnahmen. Wir sind keine Kultur zweiter Klasse!

Wie würden Sie die Bedeutung ihrer Branche stattdessen beschreiben?

Die Rockmusik hat entscheidende Impulse für die Öffnung unserer demokratischen Nachkriegsgesellschaft ausgelöst. Ende der 50er Jahre entstand erstmals eine eigenständige Jugendkultur, die sich von den Vorbildern der Vergangenheit abwendete und Beethoven sprichwörtlich überrollte.  

Das dürfte heute nicht mehr vielen bewusst sein.

Die Rolle der modernen Musik als Wegbereiter und Motor gesellschaftlicher Entwicklung ist nach meiner Überzeugung noch nicht ausreichend untersucht und gewürdigt worden. Es waren die Hymnen dieser Zeit, die Missstände und autoritäre Strukturen anprangerten, den Aufbruch der Beat-Generation artikulierten. Sie fügten sich zu einem Kanon zusammen, dessen Lieder Geschichte definierten. 

Inwiefern?

Die Musik hat zum Widerstand gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Gewalt motiviert. Ob Bürgerrechtsbewegungen oder Studentenproteste, die Sehnsucht nach Gleichberechtigung der Menschen, Religionen und Geschlechter – dieses Verlangen amplifizierte die Musik. Sexualität und sexuelle Neigungen ließen sich nicht länger unterdrücken und auch die Utopie eines friedlichen und freien Zusammenlebens im Einklang mit der Natur wurde von Rock, Folk und Pop transportiert. 

Wie neidisch sind Sie eigentlich auf jene Branchen, denen der Staat in der aktuellen Situation stärker unter die Arme greift?

Überhaupt nicht. Ich freue mich für jeden, dem geholfen wird. 

Und wie machen Sie Ihren eigenen Mitarbeitern derzeit Hoffnung in dieser so hoffnungslos scheinenden Lage?

"We shall overcome", sang einst Pete Seeger – und das gilt heute mehr denn je. Es wird ein gewaltiges Comeback sein, wenn den Menschen ihre Musik zurückgegeben wird. 

Aber besteht nicht auch die Gefahr, dass die Angst der Menschen vor Massenveranstaltungen irgendwann größer sein wird als die Sehnsucht nach Live-Musik?

Vakzine, Schnelltests und gute Hygienekonzepte werden helfen, potenzielle Ängste zu überwinden und der Live-Branche wieder zu ihrem vorherigen Stellenwert zu verhelfen. 

Was ist für Sie persönlich eigentlich schlimmer in der Situation: der Stillstand an sich – oder die Ungewissheit, wann es weitergeht?

Ich glaube, wie die meisten Menschen sehne ich mich einfach danach, unser Leben zurückzugewinnen. 


Mehr zum Thema