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Gründerinnenszene in Nairobi Die Frau, die Afrika Flügel verleiht – Anne Nderitu und ihr Drohnen-Start-up Swiftlab

Anne Nderitu (links) und einer ihrer Mitarbeiterinnen von Swift Lab mit dem Prototyp einer selbstentwickelten Drohne in Nairobi
Anne Nderitu (links) und einer ihrer Mitarbeiterinnen von Swift Lab mit dem Prototyp einer selbstentwickelten Drohne in Nairobi
© Jonas Wresch
Afrika, das ist mehr als Krisen, Kriege und Katastrophen. In den Großstädten hat sich eine umtriebige Start-up-Community etabliert. Frauen wie die Kenianerin Anne Nderitu wollen mit Technologie ihr Land vorantreiben – zum Beispiel mit Drohnen. Ein Besuch in Nairobi.

Der Hunger kehrt zurück – mehr als 40 Millionen Menschen sind weltweit akut betroffen. Der stern und die Welthungerhilfe begleiten in einem einzigartigen Projekt das Dorf Kinakoni in Kenia, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort und Start-ups aus Nairobi Lösungen zu finden. Hier finden Sie alle Hintergründe.

Es ist eine Szene, wie sie sich Tag für Tag, Dorf für Dorf, in tausenden Familien Kenias abspielt. Ein kleines Mädchen bastelt einen Flieger. Etwas ungelenk faltet sie das Papier zu Flügeln und Rumpf, hält die Konstruktion in den Händen. Sie spürt wie leicht und fest der Flieger ist, sie tritt nach draußen in die Sonne. Wirft. Schaut. Und staunt.

Es ist eine rührende Szene – auf die meist nichts folgt. Der Flieger landet im Dreck. Wird zertreten und vergessen.

"Es klingt wie ein Klischee, aber bei mir waren das entscheidende Momente – die Papierflieger. Da wusste ich, was ich später einmal machen will", sagt Anne Nderitu.

20 Jahre später sitzt Nderitu im Besprechungszimmer ihrer Firma in Kenias Hauptstadt Nairobi und zeigt, was aus dem Flieger des kleinen Mädchens wurde: ein gut zwei Meter langes Flugzeug aus Holz, Plastik und Elektronik – ihre selbst entwickelte Drohne.

Das andere Afrika

Anne Nderitu, heute 26, eine Frau mit wachen Augen und gewinnendem Lächeln, ist eine von drei Gründerinnen von Swift Lab, eines kenianischen Start-Ups, das solche unbemannten Flugzeuge entwickelt, um damit Felder zu vermessen, Samen auszubringen oder Medikamente zu transportieren. Und sie stellt gleich mehrere Klischees zu Afrika auf den Kopf.

Katastrophen, Kriege und Krisen – das ist der Dreiklang, den noch immer viele mit dem Kontinent verbinden. Nicht alles daran ist falsch – auch im Jahr 2021 leidet Afrika unter großen Problemen. Ostafrika zum Beispiel erlebt eine Rückkehr des Hungers. Klimawandel, Heuschreckenschwärme und auch die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie haben dazu geführt, dass wieder mehr Menschen Hunger leiden.

Zugleich aber gibt es auch das andere Afrika, das von Frauen wie Anne Nderitu. Städte wie Lagos, Kigali oder eben auch Nairobi haben sich zu Start-Up-Zentren entwickelt. In bunten Lofts haben sich Co-Working-Spaces angesiedelt, die kaum anders aussehen als in Brooklyn oder Berlin – außer, dass die Jungunternehmer mit den Kopfhörern im Ohr und dem To-go-Kaffee in der Hand alle schwarz sind. Selbst im Corona-Jahr 2020 flossen 1,3 Milliarden Risikokapital in den Kontinent – ein neuer Rekord.

In Kenia begann der digitale Aufbruch vor über zehn Jahren. Die von einheimischen Programmierern geschaffene Plattform Ushahidi half nach der Wahl 2007 Übergriffe gegen Oppositionelle zu dokumentieren. Im gleichen Jahr kam M-Pesa auf den Markt: ein System, um mit dem Handy zu bezahlen. Heute kann man damit an jedem Kiosk selbst in den Slums seine Cola bezahlen.

"Ich ärgere mich wahnsinnig über die Klischees, die über Afrika im Umlauf sind", sagt Nderitu. "Als ob hier alle Frauen nur Wassereimer auf dem Kopf balancieren würden!"

Ihre Flugzeuge helfen bei der Cholera-Bekämpfung

Tatsächlich hat Nderitus Firma Swift Lab wenig mit diesem Afrika gemein. Die insgesamt neun Mitarbeiter haben sich ein paar Räume in einem Gebäude im Zentrum von Nairobi gemietet. Laptops stehen auf den Tischen, daneben Kabel und Werkzeug. Der große Konferenztisch dient, wenn gerade kein Besuch da ist, auch als Werkbank, auf dem an Prototypen der Drohnen gebastelt wird.

Denn das ist ein Teil des Geschäfts: Die Männer und Frauen von Swift Lab entwickeln auch selbst Drohnen, um sie zu vermarkten. Noch allerdings sind es vor allem die Kartierungs- und Agraraufträge, die das Geschäft voran treiben. So haben Nderitus Drohnen schon dabei geholfen, in Cholera besonders gefährdete Gebiete zu lokalisieren – indem sie Zusammenhänge von Wasserflächen aufzeigen konnte. In mehreren kenianischen Provinzen wurden sie schon von Farmern beauftragt, Pestizide auszubringen, günstiger und sicherer als es durch Arbeiter hätte geschehen können. Und auch beim gemeinsamen Projekt "Kinakoni – Ein Dorf gegen den Hunger" von stern und Welthungerhilfe sind sie mit dabei. Dort kartieren die Drohnen die trockene Umgebung auf der Suche nach den besten Anbauflächen. Wie bei vielen Start-Ups ist aber manches auch bei Swift Lab noch improvisiert.

Ungewöhnlich allerdings, dass eine Frau an der Spitze steht. Denn gleich ob im Silicon Valley oder in Silicon Savannah, wie Nairobi genannt wird: Die Tech-Branche ist dominiert von Männern.

"Es war vor allem mein Vater, der mich dazu angetrieben hab. Dem war es egal, ob ich ein Mädchen oder Junge bin. Der sah einfach, dass mich Mathe und Wissenschaften faszinierte", sagt Nderitu.

Das Team um Anne Nderitu (Mitte) bei der Arbeit an einer Drohne
Das Team um Anne Nderitu (Mitte) bei der Arbeit an einer Drohne
© Jonas Wresch

Nach ihrem Schulabschluss zog sie von ihrer Heimat in der Nähe des Mount Kenya nach Nairobi. Hier studierte sie Luftfahrttechnik. Schon während des Studiums experimentierte sie mit Drohnen, auf einer Akademie in Malawi erwarb sie dann im vergangenen Jahr die Lizenz, die kleineren, Mini-Hubschraubern ähnelnden Geräte kommerziell zu steuern. Zurück in Kenia folgte die Lizenz für die großen Drohnen mit Flügeln – als erste Frau überhaupt im Land.

Die erste, die beste, das sind die Worte, die Nderitu immer wieder hört. "Stimmt schon", sagt sie, "aber viel wichtiger ist doch: Dass ich nicht die letzte bin"

Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.
Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.

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