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Noteinsatz in der Favela Drogenkrieg, Corona, Armut: Niemand traut sich mehr nach Gruta – doch sie lassen sich nicht stoppen

Vic, Day und Priscila vom Aktionsbündnis „Pandemie ohne Hunger“
Vic, Day und Priscila vom Aktionsbündnis „Pandemie ohne Hunger“ mit der Favela-Bewohnerin Elisabete. Die blauen Tüten, die von den Frauen verteilt werden, enthalten Grundnahrungsmittel.
© Acão Social
Die Stiftung stern unterstützt zahlreiche Hilfsorganisationen und -projekte. Eines davon: "Pandemie ohne Hunger". In Rio de Janeiro helfen arme Frauen den Ärmsten. Weil es sonst keiner tut.

Die drei Frauen kannten die Favela nur vom Hörensagen: "Gruta", die Grotte, eines der ärmsten Viertel in der Großstadt Niterói. Sie wussten von der sozialen Not dort und den hohen Corona-Zahlen und der Verzweiflung der alleinerziehenden Mütter, denen in der Pandemie die Jobs als Hausangestellte weggebrochen sind. 

Sie wussten auch von dem Krieg, der in Gruta und dem gesamten Favelakomplex Ititioca zwischen den großen Drogenkartellen tobt. In solchen Momenten trauen sich viele nicht mehr in die Armenviertel: keine Hilfsorganisation, keine Sozialarbeiter, sogar die Polizei nicht. Aber die Frauen vom Aktionsbündnis "Pandemie ohne Hunger" gehen rein. 

Der Weg in die Grotte

Es ist ein schwüler Sommertag Anfang Dezember, 35 Grad, ein Tropensturm liegt in der Luft. Die Aktivistinnen Priscila, Day und Vic treffen sich am Eingang der Favela mit einem Prediger, der ihnen die Verhaltensregeln erklärt: Den drei Frauen werde nichts zustoßen, solange sie bei ihm sind, einem zum Glauben konvertierten früheren Drogendealer, der hier jeden Winkel und Gangster kennt. 

Gekleidet in weiße T-Shirts mit der Aufschrift "Sozialaktion Pandemie ohne Hunger" steigen die Helferinnen mit schweren Plastiksäcken einen betonierten Abhang hinab, der mal eine Treppe war. Vorbei an lose baumelnden Elektroleitungen und durch tunnelartige Gassen, in denen Hunde humpeln. Tief hinein in den zwischen bemoosten Felsen gelegenen Hüttenkomplex, der tatsächlich wie eine Grotte aussieht. 

"Ein Geschenk des Himmels"

Der Prediger führt sie zur ärmlichsten aller Hütten, wo eine abgemagerte junge Frau mit Kind auf dem Arm aus einem Loch zwischen den Backsteinen schaut. Es ist weniger eine Hütte als eine Baracke mit einem Zimmer, in dem die Frau mit ihren drei Kindern wohnt, ein viertes ist an Meningitis gestorben.

Die Frauen liefern die ersten Säcke ihrer "cesta básica" ab, einen Warenkorb aus Grundnahrungsmitteln: fünf Kilo Reis, ein Kilo Bohnen, zwei Flaschen Speiseöl, Milchpulver, Zucker, Maismehl.

"Ihr seid ein Geschenk des Himmels", sagt Elisabete, die junge Mutter. 

"Es ist eher ein Geschenk aus Deutschland", sagt Day. Sie erklärt der verblüfften Mutter, dass ihre Noteinsätze in Favelas, in die sonst keine Hilfe kommt, Spendern aus Deutschland zu verdanken sind: die Lebensmittellieferungen, die Ausbildungskurse, die Obdachlosenspeisung.

Elisabete, 28, lässt sie herein in eine Küche, deren Boden aus nichts als Erde besteht, darauf ein Regal aus einer einzigen Holzplatte, auf der ihr letztes Paket Reis und etwas Zucker liegen. "Dieser Ort ist ein Tiefpunkt", sagt Priscila. Brasilien mag weit gekommen sein, aber in vielen Gegenden, so stellen die Frauen bei ihren Einsätzen fest, ist es noch Dritte Welt, besonders sichtbar in der Corona-Krise.

Die ärmsten Familien der ärmsten Viertel

Die Frauen von "Pandemie ohne Hunger" besuchen in den Trabantenstädten von Rio die ärmsten Viertel und dort die ärmsten Familien, oft mit kleinen Kindern. Die Pandemie hat vor allem das Leben der Schwächsten durcheinandergewirbelt: Es gibt keinen Schulunterricht für die Kleinen, keine Jobs für die Eltern, keinen Schutz vor Covid-19. Viele haben das Virus bekommen, weil sie doch rausmüssen, als Bonbonverkäufer, Sexarbeiterinnen oder Tagelöhnerinnen – wie Elisabete.

"Ich will auch helfen", sagt Elisabete spontan. "Ich habe kein Geld, aber ich kann meine Arbeitskraft anbieten."

"Genau so haben wir angefangen", sagt Day, Mutter zweier Kinder, die zudem noch ihre Neffen aufgenommen hat. "Wir kommen selber aus der Armut. Wir wissen, wie es sich anfühlt, Hunger zu haben."

Sie selbst erinnert sich bei den Einsätzen immer wieder an die eigene Kindheit. Wie die Mutter den Job verlor und sie und ihre Schwester zum Großmarkt schleppte, um im Müll nach abgelaufenen Lebensmitteln zu suchen. Wie viel Scham sie anfangs empfand und später dann Stolz, dass sie als Neunjährige beim Überleben der Familie half. Und wie immer von irgendwo eine helfende Hand kam, auch als sie ganz unten waren und in einer Holzbaracke im Wald lebten. Da schwor sie sich: Wenn ich groß bin, helfe ich.

Hilfsprojekt in der Favela "Gruta"
Wenn Nahrung ankommt, ist die Dankbarkeit groß. Auch bei Valdair Campos.
© Maxi Santos

Kein Tropfen auf dem heißen Stein

"Es hilft, diese eigene Erfahrung gemacht zu haben", sagt sie. "Wer Hunger kennt, diesen Schmerz im Magen, will nie, dass andere das erleben." Priscila fügt hinzu: "Vor allem wissen wir aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, ein paar Monate der Not zu überbrücken und da nicht in ein Loch zu stürzen, aus dem man nicht mehr rauskommt. Unsere Hilfe ist nicht der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, sondern ein echter Rettungsanker."

Ursprünglich wollte das Frauenbündnis im eigenen Armenviertel ein Stadtteilzentrum aufbauen, um Menschen in seelischer und sozialer Not zu helfen. Sie halfen dort bei der Organisation Ser Poderosa. Sie verteilten Spielzeuge an Kinder und Decken im Winter. Doch dann kam die Pandemie, und sie merkten sofort: Jetzt geht es darum, den Hunger zu lindern, Soforthilfe zu leisten, vor allem verarmte Familien durch diese Krise zu bringen, ohne dass sie auseinanderbrechen. Und ein Ende ist nicht in Sicht: "Das Jahr 2021 wird erst mal schlimmer, denn die staatliche Nothilfe, genannt "auxilio", 300 Real pro Monat (48 Euro), fällt weg", sagt Day. 

Die Helferinnen liefern noch weitere Lebensmittel und Medikamente in der Grotte ab, verteilen Trost und Spielzeug, vermitteln medizinische Hilfe und Behandlungen beim Zahnarzt. Die Einsätze machen sie und weitere Frauen ehrenamtlich. Sie arbeiten als Bäckerin, Köchin, Haarstylistin, Verkäuferin. Keine ist Sozialarbeiterin. Keine zur Uni gegangen. Sie führen keine Organisation mit Wasserkopf. Sie gehen nicht mit Bodyguards in die Favelas – wie große Organisationen. Sie binden sich an keine Kirche oder Ideologie. Sie sind: arme Frauen, die noch ärmeren Frauen in der Not helfen. 

Schockierende Schicksale

Drei Tage später bereiten die Aktivistinnen von "Pandemie ohne Hunger" die nächste Aktion vor: Sie kochen zu Hause Dutzende "quentinhas", warme Mahlzeiten, und verteilen sie im Armenviertel Capote an einem verseuchten Bach. Sie stoßen dabei auf zwei Menschen mit besonders bewegenden Schicksalen und übernehmen deren Betreuung: eine 58-jährige alleinstehende Frau, Opfer von Sklavenarbeit, Analphabetin, die drei Kinder verlor und keine Dokumente besitzt, keine Geburtsurkunde – und daher nicht einen Centavo staatliche Hilfe beziehen kann. Und einen verwahrlosten älteren Mann, der depressiv ist, seit sein Sohn vom Drogenkartell hingerichtet wurde.

In den Monaten der Pandemie haben die Frauen mit Hilfe der Spenden pro Monat mehr als 600 Mahlzeiten verteilt, mehr als 100 Warenkörbe a 20 Kilo und in Dutzenden Gesprächen Wege aus der Lebenskrise aufgewiesen. So wie jemand einst sie in den dunkelsten Tagen durchbrachte, so tragen die Frauen diese Menschen ein Stück des Weges, bis sie wieder selbst gehen können.


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