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Umworbener Trainer: So tickt Thomas Tuchel

Ganz Fußballdeutschland redet über Thomas Tuchel. Er wird von Vereinen umgarnt, bekommt Rekord-Angebote. Wie denkt der Mann, der als größte Trainerhoffnung Deutschlands gilt?

Thomas Tuchel ist in aller Munde. Für die einen ist er der vielversprechendste Trainer der Zukunft, für andere ist der Hype um Tuchel konstruiert. Der Hamburger SV buhlt um ihn, plant offenbar, ihn mit einem Rekord-Angebot an die Elbe zu locken.

Wer ist der Trainer, über den Fußballdeutschland spricht? Was kann er, was hat er schon erreicht? Wo hapert es? Der stern stellt den Coach vor.

Tuchels Start als Profi-Coach

Es war eine große Überraschung als Aufsteiger Mainz im August 2009 Thomas Tuchel als neuen Cheftrainer vorstellte. Sein Vorgänger Jörn Andersen hatte die Rheinhessen schließlich gerade erst zurück in die Bundesliga geführt. Tuchel hatte die Mainzer A-Jugend zuvor zur deutschen Meisterschaft gemacht. Und der Coach rechtfertigte die mutige Entscheidung der Bosse. Er überzeugte von Beginn an.

Das hat Tuchel erreicht

In 183 Spielen für Mainz holte Tuchel einen Punkteschnitt von 1,43 Zählern pro Spiel - ein sehr guter Wert. Es ging schon gut los: Gleich in seiner ersten Saison schlug Mainz am dritten Spieltag den FC Bayern, aus den ersten sechs Spielen holte er drei Siege und zwei Unentschieden - am Ende der Saison landete Mainz auf Rang neun. Mehr als respektabel für einen Aufsteiger. Die weitere Bilanz:

- 2. Saison: 5. Platz - Europa League-Qualifikation
- 3. Saison: 13. Platz - dazu Niederlage in Europa-League-Quali gegen Gaz Metan
- 4. Saison: 13. Platz
- 5. Saison: 7. Platz (Europa-League-Qualifikation)

Was er nicht geschafft hat

Unter Tuchel hat sich Mainz in der Bundesliga etabliert, ist zu einem festen Bestandteil geworden. Doch trotz aller Euphorie hat Tuchel es nicht erreicht, Mainz wirklich in die Europa League zu führen. Im wichtigen Spiel gegen Gaz Metan versagten den 05ern im Elfmeterschießen die Nerven. Zwei 13. Plätze zeigen zudem: Tuchel ist kein Zauberer. In beiden Jahren hatte Mainz allerdings nichts mit dem Abstieg zu tun, jeweils deutlichen Vorsprung auf Rang 16.

Darum stieg er bei Mainz aus

In einem kürzlich erschienen Interview mit der "Zeit" sagte Tuchel zu seiner Entscheidung, bei Mainz aufzuhören: "Also, den einen Grund gibt es nicht. Es war eine Mischung aus vielen Faktoren." Darunter sei dieser Grund gewesen: "14 Jahre Trainersein. Das war eine sehr intensive Zeit, denn ich habe die U14 des VfB mit derselben Energie begleitet wie die Profis in Mainz." Tuchel sagte weiter: "Noch vor meiner letzten Saison hatte ich das Gefühl: Lass es uns beenden, solange es noch so gut ist."

So nutzte er das Sabbatjahr

Tuchel verbrachte viel Zeit mit der Familie und versuchte zudem, sich weiterzubilden. Er besuchte Junioren-Turniere, tauschte sich mit Basketball- und Volleyball-Trainern aus. Tuchel traf sich mit Pep Guardiola zum Abendessen und mit einem Mathematiker, der statistische Erhebungen zu Fußballspielen aufstellt. Tuchel sagt: "Ich liebe Sport". In seinem Sabbatjahr wollte er ihn von vielen Seiten kennenlernen.

Seine Spielphilosophie

Tuchel verehrt - wie sehr viele Fußballfreunde - den Spielstil des FC Barcelona. Ihn fasziniert allerdings nicht unbedingt der Ballbesitzfußball, sondern er sagt: "Ich bin der Meinung, dass es die herausragende Leistung von Barcelona war, mit welcher Hingabe und Leidenschaft nach einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte die komplette Mannschaft sofort versucht hat, den Ball zurückzuerobern." Genau so funktioniert auch der Tuchel-Fußball: Pressing, Gegenpressing, am besten in der gegnerischen Hälfte. Doch wenn sein Team den Ball hat, soll es schnell in die Spitze gehen. Einen konsequenten Ballbesitzfußball wie Pep Guardiola fordert er nicht.

Drei Stimmen zu Thomas Tuchel

Jupp Heynckes: "Er ist ein Trainer, der irgendwann prädestiniert ist, den FC Bayern zu trainieren. Er ist ein sympathischer Kollege, arbeitet sehr gut, er hat immer etwas in petto. Tuchel ist immer für eine Überraschung gut."

Ex-Mainz-Torwart Heinz Müller:

"Was er mit mir gemacht hat, war Mobbing hoch zehn! Tuchel ist ein Diktator."

Uwe Seeler:

"Ich glaube, das ist ein guter Trainer. Er ist der Richtige, um einen Neuaufbau zu gestalten, der bei uns nötig ist".

Felix Haas