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Altkleider-Business: Das passiert mit den Klamotten, die wir in den Container werfen

Wir werfen alte Kleider in den Container. Und dann? Beginnt eine Milliardenindustrie, daraus Geld zu machen - von Franken bis nach Indien. Der stern ist der Spur der weggeworfenen Klamotten gefolgt.

Von Joachim Rienhardt

Willkommen im Altkleidergeschäft: Ein Arbeiter von Jindal Woolen Industries im indischen Panipat

Willkommen im Altkleidergeschäft: Ein Arbeiter von Jindal Woolen Industries im indischen Panipat

Sachin Jindal teilt sich mit seinem großen Bruder ein Haus mit 1000 Quadratmeter Wohnfläche, sieben Autos und den Besitz des Unternehmens "Jindal Woollen Industries" . Der Name prangt an dem rostigen Fabriktor ihrer Außenstelle nahe der indischen Hafenstadt Kandla. Sachin Jindal steuert seinen Geländewagen auf den Hof, eilt in sein Büro, wäscht sich die Hände und zieht sofort die Schuhe aus. Dann nimmt er Haltung ein vor dem silberfarbenen Schrein, in dem Ganesha wohnt, der elefantenköpfige Gott. Jindal tränkt ein Wattebäuschchen in Öl, entzündet es, faltet die Hände zum Gebet. Dann erklärt er lächelnd: "Ganesha bringt mir Glück und Reichtum."

Es ist zehn Uhr in der Früh in der Industriezone am arabischen Meer. Kandla hat den größten Privathafen Indiens. Draußen bugsiert ein Lkw gerade rückwärts einen Container mit der Aufschrift "Hamburg Süd" an die Laderampe. Auch er wird den Reichtum der Gebrüder mehren, verlässlicher als die Gottheit der Elefanten. Sachin Jindal knallt die Ladepapiere auf den Tisch: "Alte, gebrauchte, unverschnittene, desinfizierte Strickware aus Wolle und synthetischen Stoffen" , steht da. "47 Ballen, 20 480 Kilo." Jindal erhebt sich. Er will die frische Ware in Augenschein nehmen. "Für euch im Westen ist das Abfall. Für uns ist es Gold", sagt der 36-Jährige. 

Wie aus Lumpen Milliarden werden
Frische alte Ware: Ein Arbeiter von Jindal Woolen Industries sortiert Altkleider, die mit einem Laster angeliefert wurden

Frische alte Ware: Ein Arbeiter von Jindal Woolen Industries sortiert Altkleider, die mit einem Laster angeliefert wurden

Bei den Jindal-Brüdern landen Klamotten, für die Wohlfahrtsorganisationen keine Bedürftigen finden und Altkleiderverwerter keine Abnehmer. Auch nicht in Afrika oder in der Ukraine. Sie sind die vorerst Letzten in der Verwertungskette im Milliardengeschäft mit Kleiderspenden. Allein in Deutschland werden damit geschätzt 800 Millionen Euro im Jahr umgesetzt, obwohl die Branche hierzulande leidet. Denn die Menge der entsorgten Textilien wächst zwar, weil Modetrends immer schneller wechseln. Wiederverwertbar ist allerdings davon immer weniger, weil die Qualität sinkt.

Kleidung aus der ganzen Welt

Die Inder freuen sich. Vor zwei Jahren zahlten sie noch doppelt so viel für einen Container wie heute. 100.000 Tonnen kaufen sie jedes Jahr. "Ich bekomme Ware aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Belgien, aus Kanada, den USA – praktisch aus der ganzen Welt", sagt Sachin Jindal. "Indien ist das einzige Land der Welt, das damit noch etwas anfangen kann."

Die alten Klamotten sind hier die Basis einer ganzen Industrie, die in Jindals Heimatstadt Panipat angesiedelt ist, zwei Autostunden nördlich von New Delhi. Dort produzieren Sachin Jindal und sein Bruder Garn aus alten Pullovern. Früher wurden damit hauptsächlich Decken für den indischen Markt gewoben. Inzwischen aber ist der wiederaufbereitete Faden zu einem Exportschlager geworden.

Es kann sein, dass eine Strickjacke, made in China, gespendet von einer Bäuerin aus Franken, hier auf dem Hof in Kandla landet und ihr Rohmaterial Monate später irgendwo auf der Welt wieder auftaucht. Als Poncho für Indios in Bolivien. Als Decke für Bauern in Äthiopien. Als Schal für Massai in Kenia. Oder, im besten Fall, als Blazer eines italienischen Designers in Mailand. Alles eine Frage der Qualität. 

Die Kleider werden geschreddert, um aus dem Material neue Stoffe gewinnen zu können

Die Kleider werden geschreddert, um aus dem Material neue Stoffe gewinnen zu können

Kleiderspenden aus Creußen

Knapp zehn Meter hoch stapeln sich Ballen mit bereits vorsortierten Altkleidern an der Wand hinter der Laderampe. Bunte Bündel, voll mit zusammengepressten Pullovern, Strickjacken, Sweatshirts, festgezurrt mit blauen Plastikbändern. Vielleicht stammen sie aus Brüssel? Vielleicht aus New York? Oder auch aus Creußen in Oberfranken – wie womöglich der Schal mit dem Logo des FC Bayern München, der in einem der Ballen steckt.

Dort, in Creußen, sitzt die Firma von Jean Bilsheim, einem von Jindals Lieferanten aus aller Welt. Bilsheims Familienbetrieb kauft in dritter Generation Kleiderspenden auf, meist vom Bayerischen Roten Kreuz, manchmal auch von kommerziellen Sammlern. Für sein Geschäftsmodell macht das keinen Unterschied.

Bilsheim zahlt dem Roten Kreuz derzeit rund 50 Cent pro Kilo und verscherbelt noch tragbare Kleidung an Secondhandläden, an Ebay-Händler oder an Märkte in Osteuropa oder Afrika. Das ist sein Geschäft. "Aber höchstens die Hälfte der Kleidung ist dafür noch gut genug", sagt Bilsheim. Aus dem Rest macht er Putzlappen und Isolier- oder Rohmaterial für Hutablagen in der Autoindustrie. Was auch dafür nicht mehr taugt, schickt er nach Indien. "Es sind fünf bis zehn Prozent. Für uns ist das Müll", sagt Bilsheim. Rund 3000 Euro bekommt er pro Container, 13 Cent das Kilo. Das ist weit unter seinem Kaufpreis. Es deckt noch nicht mal seine Kosten für das Sortieren. "Aber die einzige Alternative ist Wegschmeißen", sagt Bilsheim. Dann müsste er noch viel Geld für Entsorgung aufbringen. So übernimmt er lieber sogar noch die Kosten für das Verschiffen ins ferne Indien.

Die Brüder Nitin Jindal (links) und Sachin Jindal vor einem Porträt ihres Vaters, der die Firma einst gründete

Die Brüder Nitin Jindal (links) und Sachin Jindal vor einem Porträt ihres Vaters, der die Firma einst gründete

"Wenn wir es nicht kaufen, kauft es keiner"

Dort, in Kandla, ist Sachin Jindal inzwischen an der Laderampe angekommen. Seine Leute öffnen den gerade gelieferten Container. "Wir sind in einer perfekten Position", sagt Jindal. "Unsere Lieferanten rennen uns die Türen ein. Wenn wir es nicht kaufen, kauft es keiner." 100 Container importiert er im Monat. Seine einzige Bedingung: Er nimmt nur Pullover und Sweatshirts. Auch deswegen unterzieht er jede Lieferung einem ersten Qualitätscheck. Noch an der Rampe lässt er einen Ballen öffnen. "Mittelmäßig, aber okay", urteilt Jindal.

Zehn Cent pro Kilo hat er dem Lieferanten bezahlt. Es ist ein amerikanischer Wohltätigkeitsverein. Er weiß nicht, welcher. "Mich interessiert das auch nicht", sagt er. "Mich interessieren nur die Pullover." Vermittelt hat sie ein indischer Broker in New York. Jetzt fährt ein Arbeiter die Ware mit einem Gabelstapler in den Hof, wo 150 Männer und Frauen unter einem Wellblechdach die Lieferung nach Qualität und Rohstoff trennen.

Eine schwarze Strickjacke von Calvin Klein scheint nagelneu. Ebenso ein grauer Pullover von Donna Karan. An etlichen Teilen hängen noch handgeschriebene Preisschilder. 3,99 Dollar für einen pinkfarbenen Rollkragenpulli, 1,99 für eine grüne Weste – offenbar Ware, die auf Wohltätigkeitsbasaren keine Käufer gefunden hat. Fünf Männer machen in Kandla die erste Sichtung. Der Chef braucht Acrylwolle für sein Garn. Baumwolle verkauft er gleich weiter. Kaschmir und alles, was mehr als 80 Prozent Wollanteil hat, landet auf einem Extrahaufen. Das geht unbearbeitet direkt nach Prato in Italien. Dort wird es zu Wollgarn recycelt, das wiederum zu Blazern und Jacken verarbeitet wird.

Ein Kilo Kaschmir bringt 23 Euro

Kaschmir ist besonders begehrt. Für ein Kilo bekommt Jindal 23 Euro. Mitunter, wie später am Nachmittag, fischen seine Leute über 200 Kilo aus einer Lieferung. Dann kassiert der Chef allein dafür schon mehr, als er für den ganzen Container bezahlt hat. "Die Italiener sagen, man merke nicht, dass das Produkt nicht von frisch gesponnener Wolle stammt" , sagt Jindal. Vor 30 Jahren haben die noch selbst sortiert. "Aber bei den Lohnkosten geht das nicht mehr."

In Jindals Büro hängt ein großes Porträt seines Vaters Hansraj. Er hat den Italienern in den 80er Jahren ihre ausgedienten Spinnmaschinen abgekauft. Seine Söhne hat er auf die Uni geschickt. Sachin hat in New Delhi studiert, sein großer Bruder Nitin in London. Vor zehn Jahren sind sie in die Firma eingestiegen. Seither wächst das Exportgeschäft, in den vergangenen drei Jahren jeweils um 20 Prozent. Die Belegschaft hat sich verdreifacht. Die Brüder verstehen sich vorzüglich auf Ökonomie. Und sind vorbereitet auf die Frage, ob sie sich nicht an Spenden bereichern. Jindal lächelt milde. "Wir leben nicht von Spenden. Wir bezahlen für unsere Ware."

Die besten unter Jindals Arbeitern, es ist etwa ein Dutzend, können mit geschlossenen Augen erspüren, wie hoch der Wollanteil einer Faser ist. Sie bekommen rund drei Euro am Tag. Die 650 anderen müssen sich mit zwei Euro begnügen. Immer wieder landen Teile zwischen ihren Händen, die aussehen, als seien sie noch nie getragen worden. Dahinter steckt der Zeitdruck der Exporteure etwa in Deutschland. Eine genaue Sortierung ist schlicht zu teuer.

Weibliche Mitarbeiter untersuchen, ob in der vorsortierten Kleidung noch Knöpfe, Reißverschlüsse oder andere Metallteile stecken 

Weibliche Mitarbeiter untersuchen, ob in der vorsortierten Kleidung noch Knöpfe, Reißverschlüsse oder andere Metallteile stecken 

Warum werden so gute Stücke entsorgt?

Kaum einer der Arbeiter in Indien kann aber verstehen, warum so gute Stücke überhaupt entsorgt worden sind. "Die Menschen in den fremden Ländern haben kein Wasser zum Waschen. Oder keine Zeit dafür" , sagt Rajeshwari, eine der Tagelöhnerinnen. Sie trägt eine geringelte Weste, die auch aus den Containern stammt. "Vielleicht", mutmaßt sie, "ist Wasser auch viel zu teuer, um es zum Waschen zu verwenden."

Die 44-Jährige steht, wie 20 andere neben ihr, an einer kleinen Kreissäge, mit der sie Teil um Teil zerstückelt. Kein Stück darf noch tragbar sein, wenn es den Industriehafen verlässt. Das fordert die indische Regierung, die so verhindern will, dass Spendenkleidung auf lokalen Märkten landet und – wie in Afrika – die örtliche Textilindustrie zerstört. Außerdem wäre die Gefahr groß, dass die Kleider auf dem Weg zur Spinnerei gestohlen werden.

Dort, im 1200 Kilometer entfernten Panipat, liegt eine dichte Staubwolke über der Stadt. Panipat, nördlich von Delhi, ist so etwas wie die Welthauptstadt des Recycling. Schäbige Fassaden, überall Müll, in dem Schweine fressen, Menschen, die in Zeltverschlägen am Straßenrand hausen, davor Kinder, die barfuß im Dreck spielen. Und immer dichter Verkehr, in den sich Pferdefuhrwerke mischen und zahlreiche Traktoren, die auf Anhängern Stoffballen transportieren.

"Man sollte sich von dieser Infrastruktur nicht täuschen lassen. Es gibt hier viele reiche Menschen", sagt Nitin Jindal, 39. Er rast mit seinem Audi Q7, weiße Ledersitze, durch das Chaos Richtung Firma. Und wie sein kleiner Bruder Sachin eilt auch er als erste Amtshandlung zunächst zum Schrein mit dem Elefanten-Gott Ganesha. Dann legt er die Lieferscheine der letzten Container auf den Tisch. Kenia, Chile, Malawi – alles dabei. "Wir liefern überall dort hin, wo die Winter oder die Nächte kalt sind und die Menschen arm. Seit einem Jahr auch nach China", sagt Jindal stolz. "Wir sind sicher einer der großen Player."

Schreiende Farben für Afrika

Fünfzehn Meter hoch sind die Stoffberge, die sich, nach Farben sortiert, in seinen Lagerhallen türmen. Frauen zerkleinern, am Boden sitzend, die bereits untragbar gemachten Pullover mit Erntemessern zu kleinen Fetzen. Gut die Hälfte davon wird gebleicht und neu gefärbt. Arbeiter treten sie dann barfuß zum Trocknen in große Wäscheschleudern. "Die Afrikaner lieben die schreienden Farben", sagt Jindal. "Die Südamerikaner eher die gedeckten."

60 Kilo schwere bunte Bündel werden per Lkw direkt vor Nitin Jindals Büro angefahren. Arbeiter tragen sie auf den Schultern in die Fabrikhalle. An 50 Meter langen Produktionsstraßen wird das Material gerissen und immer weiter verfeinert. Am Ende sieht es wie Putzwolle aus. Diese wird unter Zugabe von Öl und Wasser verwoben zu einer Art Vlies, aus der die Maschinen dann Garn spinnen. 

Die Stoffe werden je nach Bestimmungsort gefärbt: Schreiende Farben gehen nach Afrika, gedeckte nach Südamerika.

Die Stoffe werden je nach Bestimmungsort gefärbt: Schreiende Farben gehen nach Afrika, gedeckte nach Südamerika.

Heute ist Ware für einen Kunden in Äthiopien dran. Es wird ausschließlich in Pink produziert, acht Tonnen in gut zehn Stunden. Ein Container-Lkw fährt zur Beladung heran, während Nitin Jindal in seinem Büro mit Kunden aus Kenia bereits neue Verträge schließt. Früher hat das Land selbst Garn hergestellt, heute aber kann in Kenia, was Preis und Qualität angeht, keiner mehr mit den Indern mithalten.

Kaum eine Minute vergeht, ohne dass Jindal Geschäfte macht. Er telefoniert mit italienischen Kunden, die in Delhi feststecken, kurz drauf empfängt er die größten Broker für Wolle und Kaschmir für den indischen Markt. Die Zukunft allerdings gehört dem Export."Das Ausland ist ein Wachstumsmarkt", sagt Jindal.

Kunstfaserdecken sind in Mode

Auch in Indien steigt der Verkauf von Kunstfaserdecken, obwohl sie teurer sind als jene aus dem Altkleiderfaden. Sie sind geschmeidiger und auch deswegen in Mode, weil sie als Statussymbol gelten und für wirtschaftlichen Aufstieg stehen. Deswegen ziehen die Jindal-Brüder als zweites Standbein einen Produktionsbetrieb für Kunstfaserdecken hoch. Noch allerdings wird die Mehrzahl der Decken aus Garn von Lumpen gewebt.

"Das Geschäft läuft immer noch ganz gut", sagt Piyush Mittal, 36, der Chef der ältesten und größten Recycel-Weberei am Ort. "Spätestens im Winter sind die Lager wieder leer." Vor seinem Betrieb steht ein Pferdegespann, beladen mit Rollen grünen Garns aus der Produktion der Jindal-Brüder. Er kauft gern die knalligen Farben. In der Halle verpacken Arbeiter gerade Tücher in große Ballen. Manche Stoffe haben Comicfiguren als Muster, andere buddhistische Ornamente. 

Das Färben der recycelten Stoffe ist knallharte Handarbeit

Das Färben der recycelten Stoffe ist knallharte Handarbeit

Zu Piyush Mittals Kunden gehören die Vereinten Nationen, Armeen, Krankenhäuser. Katastrophen wie das Erdbeben in Nepal vor eineinhalb Jahren sind gut fürs Geschäft. Aus Panipat wurden im Auftrag der Regierung 500.000 Decken in das Notstandsgebiet geliefert. Früher hat er in drei Schichten rund um die Uhr produziert. Heute rattern seine Webmaschinen nur noch im Einschichtbetrieb. Seine Firma produziert 5000 Decken am Tag, 100.000 sind es insgesamt in der Stadt. Ein Bruchteil der Produktion aus guten Zeiten. Würde die Lumpenindustrie dichtmachen, blieben für unbrauchbare Altkleider aus den reichen Ländern nur die Mülldeponien. Die Kosten für Entsorgung würden ein wenig steigen, und vielleicht würden einige Kunden zurückhaltender einkaufen, wenn sie ihre abgelegten Fetzen nicht mehr so leicht in Sammelcontainern loswerden könnten.

Piyush Mittal, der Chef der größten Weberei in Panipat, kann der Textilindustrie diese Sorge zunächst einmal nehmen. "Das Geschäft hier wird mit Sicherheit überleben", sagt der 36-Jährige. Ein gewisser Grundbedarf an billigen Recycling-Decken sei in Indien gewährleistet. "Wirtschaftlicher Aufschwung hin oder her. Indien bleibt ein großer Markt", sagt er. "Arme wird es bei uns immer geben."

 

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