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Arend Oetker: Im Reich des anderen Oetker

Neben dem Stammhaus existiert noch eine zweite Oetker-Firmengruppe. An der Spitze steht BDI-Vizepräsident Arend Oetker. Große Teile des Vermögens hat er in die Schweiz verschoben.

Sie als arme Verwandte zu bezeichnen, wäre wirklich falsch - aber Ursula Oetker und ihre fünf Kinder galten lange als der zu kurz gekommene Familienzweig. Ursula, die ältere Schwester des Konzernherrn Rudolf-August, trennte sich früh von ihrer Beteiligung an den Bielefelder Hauptwerken und den Reedereien. Von 1939 an lebte die Familie auf einem Rittergut bei Detmold.

Dort wuchs Arend Oetker auf, der heute als Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie das prominenteste Mitglied des Clans ist. Seine Mutter hatte bei der Vermögensteilung der Oetkers die Kontrolle über die Schwartauer Werke erhalten, einen Marmeladenhersteller, an dem die Familie sich schon vor dem Krieg beteiligt hatte. Hinzu kamen Aktienpakete einer Nähmaschinenfabrik und des Druckhauses Gundlach sowie ein Getränkehersteller.

"Musste retten, was zu retten war"

Als die Unternehmen in den sechziger Jahren in die Krise gerieten, stieg der junge Arend in das Management ein. "Ich musste retten, was zu retten war", sagte er später der "Wirtschaftswoche". Als Sanierer erzielte er spektakuläre Erfolge. So verzehnfachte sich der Umsatz der Schwartauer Werke innerhalb von 20 Jahren.

Zugleich engagierte sich Arend Oetker in zahlreichen Vereinigungen und Organisationen. Heute ist er unter anderem Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und Vorsitzender der exklusiven Atlantik-Brücke. Ein Multi- und Vorzeigeunternehmer, der sich nicht scheut, im Fernsehen politisch heikle Themen anzusprechen. Seine Geschäfte betreibt er allerdings noch diskreter als der Rest der Familie. Auch wenn er öffentlich ein wichtiger Vertreter der deutschen Wirtschaft ist, hängt er als Unternehmer nicht am Standort Deutschland.

Mit einer raffinierten Firmenkonstruktion verlagerte er große Teile seines Besitzes in die Schweiz. Es ist eine Auswanderung auf Raten. Die entscheidende Holding - die FIM AG - sitzt im Kanton Zug, wo die Unternehmenssteuern besonders niedrig sind. 1995 übernahm Oetker die Mehrheit am Schweizer Lebensmittelkonzern Hero AG. Der nach Einschätzung der "Neuen Zürcher Zeitung" "reichlich intransparente" Deal gelang ihm über eine Beteiligungsgesellschaft, die dann die FIM AG in Zug übernahm - jene Holding, in der die Aktienmehrheit der Hero lag.

Geschäfte mit sich selbst

Fast zeitgleich mit dem Einstieg Oetkers beim Hero-Konzern kaufte dieser Auslandsgesellschaften der Schwartauer Werke - die Arend Oetker gehörten. Oetker machte also praktisch Geschäfte mit sich selbst. So auch 2002, als die Hero die Mehrheit am so genannten Markengeschäft der Oetkerschen Marmeladenwerke in Schwartau übernahm. Diese Aktivitäten, darunter Verkauf und Produktion von "Schwartau", "Schwartau extra" und "Corny", waren zuvor in eine eigene Gesellschaft gepackt worden: die Schwartauer Werke GmbH & Co. KGaA. Für 51 Prozent an dieser Firma zahlte der Hero-Konzern, der von Oetker kontrolliert wird, 183 Millionen Euro an eine Oetker-Beteiligungsfirma in Deutschland.

Der Erlös war nach den von der rot-grünen Regierung geschaffenen Regelungen für Firmenverkäufe steuerfrei. Oetker schanzte der Hero zudem das Recht zu, ab 2009 auch den Rest des Schwartau-Markengeschäfts zu kaufen. Listig sorgte CDU-Mitglied Oetker sogar für den Fall vor, dass seine Partei die nächste Bundestagswahl im Herbst 2006 gewinnt und die Steuervorteile bei Firmenverkäufen streicht: Dann darf die Hero, die Oetker mittlerweile zu 100 Prozent kontrolliert, schon im Mai 2007 in Schwartau zuschlagen - also bevor Reformen einer neuen Regierung im Gesetzblatt stehen.

Der Schwartauer Betrieb zahlt zwar grundsätzlich weiter Steuern ans deutsche Finanzamt. Aber in internationalen Konzernen besteht die Kunst darin, die Gewinne da anfallen zu lassen, wo die Steuern am niedrigsten sind. Dazu gibt es viele Möglichkeiten - zum Beispiel indem man in Hochsteuerländern die Kosten für Zulieferungen und Dienstleistungen eigener Konzerngesellschaften in die Höhe treibt.

Privat bleibt er in Deutschland

Oetkers Transaktionen blieben von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Dem stern teilte er mit, für Standortentscheidungen seien vor allem Markt- und Ertragspotenziale wichtig: "Erträge werden auch durch Steuern beeinflusst", fügte er hinzu. Privat will der Spitzenvertreter der Wirtschaft in Deutschland bleiben. "Ich bin und bleibe Deutscher mit Wohnsitz in Deutschland." Das Gleiche gelte für seine Kinder. Oetker, der ein erklärter Gegner der Erbschaftssteuer ist, beteuerte, dass in seinen Überlegungen zur Vermögensübertragung auf die nächste Generation weder die FIM AG noch andere Schweizer Gesellschaften eine Rolle spielten.

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