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Abgeltungssteuer: Aktien für die Ewigkeit

Die Börsenkurse sind auf Berg- und Talfahrt. Wer aber trotz der aktuellen Krise bis zum Jahresende in Aktien investiert, kann sich für alle Zeit Steuervorteile sichern - auch mit der Abgeltungssteuer. Drei Finanzexperten erklären, wie sie ihr Vermögen langfristig investieren würden.

Von Joachim Reuter

"Kaufen Sie sich sichere Aktien, an die Sie glauben, nehmen Sie danach Schlaftabletten - und wenn Sie nach einigen Jahren wieder aufwachen, können Sie sich über einen hübschen Gewinn freuen." Das ist das wohl populärste geflügelte Wort von André Kostolany. Der 1999 verstorbene Börsenaltmeister riet Anlegern immer wieder, Aktien "gaaanz lange" liegen zu lassen. Dabei wusste er sich in guter Gesellschaft mit einem anderen erfahrenen Investor: Der Amerikaner Warren Buffett wurde mit der gleichen Strategie - auf Englisch "buy and hold" - zu einem der reichsten Männer der Welt. Buffett hat immer nur Aktien von Unternehmen gekauft und gehalten, deren Geschäft er versteht.

Die Strategie der ruhigen Hand wird in den verbleibenden Monaten dieses Jahres wieder hochaktuell. Denn ab dem 1. Januar 2009 beginnt für Aktienanleger eine neue Zeitrechnung. Die Abgeltungssteuer von 25 Prozent trifft vor allem die Kursgewinne, die bislang nach Ablauf der Spekulationsfrist von einem Jahr steuerfrei waren. Eine empfindliche Einbuße, denn schließlich zeigen Langzeitstudien, dass sich die Rendite aus Aktien zu zwei Dritteln aus Kurssteigerungen speist. Noch ist also Zeit, sein Geld abgeltungssteuerfrei anzulegen und lange liegen zu lassen - sozusagen für alle Ewigkeit.

Der stern hat drei bekannte Finanzexperten gefragt, wie sie jetzt ihr Geld investieren würden, um es über viele Jahre arbeiten zu lassen: den langjährigen Kostolany-Partner Gottfried Heller, den früheren ARD-Finanzexperten Frank Lehmann und den Bankgründer Karl Matthäus Schmidt. Alle drei setzen auf die Börse - sei es direkt mit einzelnen Aktien oder in Form von Investmentfonds, zwei von ihnen auch auf Anleihen, die Zinsen bringen.

Ran an die Börse - ausgerechnet jetzt?

Die Aktienkurse fahren Achterbahn, seit Jahresanfang hat der Deutsche Aktienindex Dax rund 25 Prozent verloren. Die Stimmung ist mies, wie eine aktuelle Anlegerstudie der Fondsgesellschaft Union Investment zeigt: 42 Prozent der Deutschen rechnen mit weiter fallenden Kursen in den nächsten sechs Monaten, nur jeder Vierte glaubt an einen Aufwärtstrend.

Dabei ist der Zeitpunkt zum Einstieg vielleicht gar nicht so schlecht. Die Kurse wurden regelrecht geprügelt, Aktien einzelner Unternehmen sind im langfristigen Vergleich entsprechend niedrig bewertet. Und mit dem Kauf noch in diesem Jahr können sich Anleger die Freiheit von der Besteuerung der Kursgewinne sichern.

Stellt sich nur die Frage: Welche Werte taugen für die lange Frist? Wer sich auf die Spuren von Kostolany und Buffett begeben will, schaut nach Aktien von Unternehmen, die schon lange mit einem erfolgreichen Geschäftsmodell am Markt sind - und es aller Voraussicht nach in Zukunft sein werden. Sie sollten zu den führenden Anbietern ihrer Branche gehören, denn es nutzt dem Aktionär, der die Ewigkeit im Blick hat, nichts, wenn das Unternehmen von einem anderen geschluckt wird, wie einst etwa Mannesmann von Vodafone. Denn in solchen Fällen werden die Kleinaktionäre herausgedrängt oder erhalten im Tausch Aktien des übernehmenden Konzerns. Die Steuerfreiheit für Kursgewinne ginge verloren. Dieses Risiko lässt sich mit dem Kauf von Aktienfonds ausschalten.

Anleger brauchen starke Nerven

Schlau wäre es, in Aktien mit hohem Kurspotenzial zu investieren und den Gewinn nach langer Haltedauer steuerfrei zu kassieren. Papiere also von Unternehmen aus Wachstumsbranchen, vorzugsweise Technologie-Pioniere. Problem Nummer eins: Im Dax sind bis auf den Softwarekonzern SAP und den Halbleiterhersteller Infineon keine Wachstumswerte vertreten. Anleger müssen bei der Suche schon auf die zweite Reihe ausweichen. Im Tec-Dax etwa finden sich Wachstumsunternehmen aus der Informations-, Energie- und Biotechnologie. Problem Nummer zwei: Anleger brauchen bei solchen Investments starke Nerven. Die Kursschwankungen dieser Aktien sind beträchtlich. Zweistellige Gewinne wechseln sich binnen kurzer Zeit mit zweistelligen Verlusten ab. Also nichts für den normalen deutschen Anleger, der - wenn er sich schon an die Börse traut - meist eher vorsichtig agiert.

Die Strategie des Kaufens und Haltens klappt auch mit Papieren von Unternehmen, die dem Anleger nicht unbedingt schlaflose Nächte bereiten. Das sind die sogenannten wertorientierten Aktien. Diese Unternehmen erwirtschaften stetige Gewinne und stecken sie nicht, wie die Wachstumsfirmen, vor allem in Investitionen, sondern schütten regelmäßig einen großen Teil davon an die Aktionäre aus - in Form von Dividenden. Zu den dividendenstarken Konzernen im Dax gehören beispielsweise die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, der Chemiekonzern BASF sowie die Energieversorger Eon und RWE. Sie bieten Produkte und Dienstleistungen, die immer gebraucht werden. Ein stetiges Geschäft also, mit dem sie und ihre Aktionäre auch in konjunkturschwachen Zeiten Geld verdienen können.

Aktien kaufen, wenn die Kanonen donnern, lautet ein weiterer populärer Börsenspruch. Den beherzigt gerade Warren Buffett, Kostolanys Bruder im Geiste. Er hat kürzlich ganz tief in die Tasche gegriffen und für fünf Milliarden Dollar Aktien der US-Bank Goldman Sachs gekauft. Deren Kurs war im Verhältnis zum Vorjahreszeitraum um 70 Prozent eingebrochen. Der Mann hat offenbar einen gesunden Schlaf.

Gottfried Heller zum Thema Aktien

"Schon nach fünf Jahren lässt sich mit Aktien mehr verdienen als mit Anleihen"

Für mich kommt nur eine Anlage an den internationalen Börsen infrage. Dabei muss ich nicht die Ewigkeit vor Augen haben, denn schon ab einem Zeitraum von mehr als fünf Jahren lässt sich mit Aktien mehr verdienen als mit Anleihen. Die bringen nur drei bis vier Prozent Zinsen und können kaum die Inflation ausgleichen - doch die Preise werden weiter steigen. Mein Geld verteile ich zu gleichen Teilen auf zehn Positionen und lasse es - wie mein früherer Geschäftspartner André Kostolany riet - einfach liegen. Weil ich die Aktien oder Fonds noch in diesem Jahr kaufe, kann ich die Kursgewinne steuerfrei kassieren. Meine Tipps sind:
• iShares DivDax, ein börsengehandelter Indexfonds, ETF genannt. Er bildet die Wertentwicklung von 15 Aktien aus dem Dax ab, die die höchste Dividendenrendite zahlen. ETFs sind kostengünstig und verzichten auf ein teures Fondsmanagement.
• iShares S&P Global Clean Energy, auch ein ETF. Er orientiert sich am Index der weltweit 30 größten börsennotierten Unternehmen, die an der Erzeugung sauberer Energieformen oder deren Technologie beteiligt sind.
• Ein Fonds für Schwellenländer darf nicht fehlen. Ich nehme den Pro Fonds (Lux) Emerging Markets, den ich seit 14 Jahren selbst manage und der zu den renditestärksten Schwellenländer-Fonds zählt.

Für den Rest wähle ich Aktien von europäischen und amerikanischen Firmen:
• BASF, einer der weltweit am besten aufgestellten Chemiekonzerne, verfügt mit seiner Produktpalette über sehr gute Wachstumsaussichten auch in konjunkturschwachen Zeiten.
• Bayer ist ein global agierender Konzern, der in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und der Produktion hochwertiger Materialien führend ist.
• Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk zählt zu den Top-Herstellern von Insulin, das wegen zunehmenden Diabeteserkrankungen in den Industrieländern stärker nachgefragt wird.
• ABB aus der Schweiz produziert Kraftwerke und Turbinen aller Art, für die es vor allem in den Schwellenländern hohen Bedarf gibt.
• Der US-Konzern Anglo American beschäftigt sich mit der Förderung und Weiterverarbeitung von Rohstoffen, die immer knapper werden.
• Conoco-Phillips aus den USA fördert Öl und Gas in politisch stabilen Regionen.
• Und schließlich der Fast-Food-Konzern McDonald's, der zunehmend auf gesündere Nahrung setzt und in den Entwicklungsländern beste Wachstumsaussichten hat.

Etwas Kleingeld habe ich noch übrig, dafür kaufe ich zwei Flaschen guten italienischen Wein: Barolo und Brunello. Fallen meine Aktien, kann ich meinen Frust herunterspülen, steigen sie im Kurs, stoße ich auf mein Wohl an.

Frank Lehmann zum Thema Gold

"Gold taugt als Krisenanlage. Krisen werden nie ausbleiben"

Der durchschnittliche Privatanleger bekommt schon die Krise, wenn von Zeiträumen über 20 oder 30 Jahren die Rede ist. Motto: "Ich bin doch statistisch gesehen bereits nach 13 Jahren vom Partner wieder geschieden. Länger kann ich doch gar net denke." Also: schwierig, dem auf schnellen Erfolg erpichten Normalanleger mit Anlagen "für die Ewigkeit" zu kommen. Packe mer's trotzdem.

Anlage aufteilen

Grundsatz jeder Geldanlage ist die Diversifikation. Also breit streuen, Risiken und Chancen gescheit verteilen. Alte Börsenregel: Nicht alle Eier in einen Korb legen! Darum erstens Sicherheit: Staatsanleihen aus dem Euroland, voran deutsche, sind ein Muss. 25 Prozent sollten's sein. Eine vierprozentige Bundesanleihe bringt nach Abzug der neuen Abgeltungssteuer nur um die drei Prozent Nettorendite, aber das Kapital bleibt trotz Inflation per saldo erhalten. Der Staat geht nicht pleite, also eine garantierte Sicherheit.

Aber: no risk, no fun! Spaß haben ist das Salz in der Lebenssuppe, auch bei der Geldanlage. Daher zweitens mit 45 Prozent ins Risiko gehen, und zwar mit Aktien und/oder Fonds. Ziel ist, das Geld nicht nur zu erhalten, sondern möglichst zu mehren. Infrage kommen nur ausgewiesene, langfristig (!) erfolgreiche Qualitätsaktien oder Fonds. Konstante Dividendenzahlungen sind das Kriterium.

Defensive und zyklische Werte mischen

Wichtig: Bei der Anlage "defensive" Aktien oder Fonds (Nahrungsmittel, Energieversorger) mit "zyklischen", also von der Konjunktur abhängigen wie Automobil- oder Chemiebranche, mischen. Wer mag, kann noch Fonds hinzunehmen, die in Rohstoffe oder in Aktien aus Schwellenländern investieren.

Drittens: Bis zu zehn Prozent des Vermögens in Gold anlegen. Es bringt zwar keine Zinsen, doch es gilt als Krisenanlage, und Krisen werden (leider) nie ausbleiben. Viertens: 20 Prozent Kasse, denn "cash ist fesch". Momentan bringt Tagesgeld mehr als fünf Prozent. Auch "bis zur Ewigkeit" wird es immer wieder attraktive Angebote der Finanzindustrie geben, um an unser Bestes - unser Geld - zu kommen. Der Wettbewerb des in Europa einmaligen Dreigestirns aus Sparkassen, Volks- und Privatbanken bleibt heftig. Und das ist gut so.

Karl Matthäus Schmidt zum Thema Indexfonds

"Indexfonds sind deutlich kostengünstiger"

Mit knapp 40 Jahren stehe ich in der Mitte meines Berufslebens und habe noch einen Anlagezeitraum von etwa 20 Jahren vor mir. Deshalb entscheide ich mich für ein ausgewogenes Depot, das je zur Hälfte aus Aktien und Anleihen besteht. Ich kaufe jedoch keine einzelnen Wertpapiere, sondern sogenannte Exchange Traded Fonds, kurz ETF. Das sind börsengehandelte Investmentfonds, die ohne Fondsmanager auskommen, weil sie sich stur an einem bestimmten Vergleichsindex orientieren. Der Vorteil gegenüber den herkömmlichen Fonds: Sie sind deutlich kostengünstiger und bringen dem Anleger deshalb einen deutlich höheren Ertrag. Und weil ihre Wertentwicklung exakt dem jeweiligen Index folgt, sind sie langfristig den individuellen Strategien der Fondsmanager überlegen, denn nur sehr wenige können auf Dauer den Index schlagen.

Mit ETFs kann ich mich in ganze Branchen oder Märkte einkaufen. Meinen Aktienanteil teile ich folgendermaßen auf: 20 Prozent investiere ich in einen ETF mit dividendenstarken Aktien aus Europa, für weitere 30 Prozent kaufe ich Aktien aus den USA, aus Asien und wegen der höheren Renditeerwartung Aktien aus den Schwellenländern.

Die andere Hälfte meines Depots bleibt ganz konservativ: Mit Anleihen gehe ich kaum ein Risiko ein. Ich wähle ETFs, die sich am Index deutscher Rentenwerte orientieren, zum Beispiel von Pfandbriefen. Das ganze Depot stelle ich mir noch in diesem Jahr zusammen, denn diese Anlagen sind auch künftig, nach Ablauf von zwölf Monaten, im Hinblick auf die Kursgewinne frei von der Abgeltungssteuer. Die Dividendenerträge aus meinen Aktienanlagen muss ich, wie heute schon, versteuern.

Ein solches Depot aus ETFs bringt im Vergleich zu gewöhnlichen Investmentfonds mit einem teuer bezahlten Fondsmanager eine Kostenersparnis von etwa 1,3 Prozent im Jahr. Das zahlt sich langfristig aus: Über einen Zeitraum von zehn Jahren erzielt der Anleger etwa 20 Prozent mehr Ertrag.

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