Altersarmut Sozialverbände schlagen Alarm


Bis zu 15 Millionen Geringverdiener, Arbeitslose und kleine Selbstständige müssen sich nach Einschätzung des Sozialverbands Deutschland darauf einstellen, im Alter in Armut zu leben.

Derzeit gibt es rund 19 Millionen Rentner, Tendenz steigend. Doch wer wenig bis gar nichts in die Rentenversicherung einzahlt, wird im Alter auch nicht mehr als das Sozialhilfeniveau bekommen - eine Tatsache, die gerade kleine Selbstständige und Mini-Jobber gerne verdrängen. Weil sie geringe oder keine Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlten und keinen Spielraum zum privaten Sparen hätten, sei Altersarmut für sie programmiert, sagte Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD) in Berlin. Der Verband forderte Gegenmaßnahmen.

Geringverdiener droht Armutsfalle

Darüber hinaus erwerben aber auch regulär Erwerbstätige mit geringen Einkommen, selbst bei jahrzehntelanger Beitragszahlung, nur Ansprüche knapp oberhalb des Sozialhilfeniveaus. Immerhin verdient heute ein Drittel aller Erwerbstätigen weniger als 75 Prozent des Durchschnittsverdiensts. Bauer nannte das Beispiel von Friseuren in Sachsen, die 3,82 Euro die Stunde bekämen.

"Die Politik muss sich stärker als bisher dem Problem der Altersarmut stellen", sagte Bauer. Nötig sei ein höheres Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente. Es dürfe keine weiteren Einschnitte geben, auch nicht den geplanten Nachholfaktor oder die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre. Darüber hinaus fordert der SoVD eine "Erwerbstätigenversicherung", die nicht nur Arbeitnehmer in regulären Jobs, sondern auch Selbstständige einbezieht.

Gerne vergessen: Selbstständige

Hier lauert nach Darstellung des SoVD-Rentenexperten Klaus Michaelis eine mögliche Kostenlawine für den Staat. Denn von rund vier Millionen Selbstständigen falle derzeit nur eine Million unter eine Rentenversicherungspflicht, darunter zum Beispiel selbstständige Hebammen oder Freiberufler. Von den übrigen drei Millionen habe eine Vielzahl weder Angestellte noch Kapital und mutmaßlich auch keine ausreichende private Alterssicherung. Für ihre Grundsicherung aus Steuergeldern müsse im Alter notfalls der Staat aufkommen, warnte Michaelis.

Die geforderte Erwerbstätigenversicherung brächte den Menschen Versicherungsschutz und eigene Rentenansprüche. Eine langfristige finanzielle Entlastung des gesetzlichen Rentensystems sei zwar nicht zu erwarten, weil die Ansprüche später abgegolten werden müssten. Kurzfristig sei allerdings durchaus eine Senkung des Beitragssatzes durch die zusätzlichen Einzahlungen denkbar, sagte Michaelis. Die genaue Ausgestaltung einer solchen Ausweitung der Versicherungspflicht soll eine Expertengruppe von Sozialverbänden und Gewerkschaften nun berechnen. Bauer sagte zum Risiko der Altersarmut, betroffen seien vor allem Millionen von Empfängern des Arbeitslosengelds II, für die nur noch minimale Beiträge an die Rentenversicherung überwiesen werden.

AP/Reuters AP Reuters

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