China Das rote Kasino


Das Reich der Mitte boomt. Je stärker das Land wächst, desto mehr Anleger lockt es an. Doch die Risiken an Chinas Börsen sind hoch.

Der Schritt in den Kapitalismus kostete Lehrgeld. Kaum hatte Hu Meng seine ersten Aktien gekauft, stürzte prompt der Kurs ab. Das war 1993 - das Jahr, in dem die Chinesen die Börsen entdeckten. Hu studierte Finanzwissenschaft an der renommierten Fudan-Universität in Shanghai. Für jede Transaktion fuhr er mit dem Fahrrad zum Wertpapierhändler und stellte sich in die Schlange, manchmal eine halbe Stunde lang. Er lernte: Anleger brauchen Geduld. Hu wartete. Ein halbes Jahr später hatten sich seine Aktien erholt, und er verkaufte sie mit 200 Yuan Gewinn, etwa 20 Euro. Das Börsenfieber hatte ihn gepackt. Und nicht nur ihn.

1993 spielte das ganze Land verrückt. An der Shanghaier Börse verdreifachte sich die Zahl der notierten Unternehmen. Und die Bevölkerung wollte nur eins: mit Aktienkauf reich werden. Schon einige Monate zuvor war im südchinesischen Shenzhen das Militär zu Hilfe gerufen worden. Eine Million Menschen hatte den ganzen Tag in der Sonne um Kaufanträge für Aktien angestanden. Als es um 21 Uhr keine Formulare mehr gab, griffen wütende Kleinanleger die Börsenbeamten an. Die Soldaten setzten Tränengas ein.

Inzwischen hat sich das Börsenfieber bei Chinas Anlegern abgekühlt. Die Erfahrung ist ernüchternd: Nur 17 Prozent, so das Ergebnis einer Untersuchung der Beratungsfirma CBC, haben mit Aktien tatsächlich etwas verdient. Zehn Jahre nach Chinas erstem Börsenwunder stehen die roten Firmen dennoch wieder hoch im Kurs - bei Ausländern.

Wo immer attraktive Aktien aus dem Reich der Mitte auftauchen - ob an den Börsen in Hongkong oder New York -, finden sie reißenden Absatz. China Life Insurance, die größte Lebensversicherung des Landes, löste beim Börsengang im Dezember 3,46 Milliarden Dollar ein - die größte Emission des Jahres 2003. Das Shanghaier Onlineportal Ctrip.com schaffte, was drei Jahre lang keine Firma erreicht hatte: Nach dem Start an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq verdoppelte sich der Kurs binnen Stunden. Und sogar chinesische Bauernhöfe locken Anleger in Scharen an. Bei der Erstnotierung der Agrarfirma China Green Holdings im Januar war der Ansturm so groß, dass das Papier 1604fach überzeichnet war. Am ersten Handelstag kletterte die Aktie um 60 Prozent.

Ein Ende des Booms ist nicht absehbar: Allein in der Finanzmetropole Hongkong stehen nach Expertenschätzungen rund 100 Firmen vor dem Börsengang. Im vergangenen Jahr legte der Hang Seng China Enterprises Index, der die 37 wichtigsten chinesischen Unternehmen an der Hongkonger Börse zusammenfasst, um 152 Prozent zu. "Dahinter steckt viel Wunschdenken der Investoren, aber der Trend stimmt: China wird zur Weltwirtschaftsmacht, und der Hongkonger Aktienmarkt spiegelt das wider", sagt Michael Preiss, Chefstratege beim Wertpapierhandelshaus CFC Securities.

Amerikanische Politiker und Lobbyisten sprechen bereits von der "roten Gefahr" und meinen damit nicht den Kommunismus, sondern den chinesischen Kapitalismus. An der Ostküste Chinas sind gigantische Fabrikstädte entstanden, die nur für den Export in den Westen produzieren. Allein im vergangenen Jahr wurden in der Volksrepublik mehr als 40.000 ausländische Tochterunternehmen gegründet. "Das Risiko, nicht dabei zu sein, ist größer als das, dabei zu sein", beschreibt Siemens-Chef Heinrich von Pierer die Stimmung. Keiner möchte die Chancen in China verpassen. Und alle setzen auf die Olympischen Spiele in Peking 2008, die das Land unter Druck setzen, sich der Welt weiter zu öffnen.

Der Boom lockt auch immer mehr deutsche Anleger, und die Finanzplätze haben auf die wachsende Nachfrage reagiert. So bietet die Börse Berlin-Bremen bereits den Handel mit rund 1.000 China-Aktien an - zu Inlandsgebühren. Wer sein Geld in chinesischen Aktien anlegen will, sollte das aber nicht gerade mit dem Notgroschen für schlechte Zeiten tun. Chinesische Aktien sind etwas für Spekulanten. Wer hier mitmischen will, sollte sich bewusst sein, dass möglichen Chancen hohe Risiken gegenüberstehen. So erfordert das Anlegen in Einzelaktien schon sehr gute Kenntnisse des Marktes - Normalanleger sollten die Finger davon lassen. Auch die etwa drei Dutzend spezialisierten Investmentfonds - viele setzen ihren Schwerpunkt auf China und Hongkong, manche kaufen zusätzlich taiwanesische Aktien - haben Nachteile: Mit jährlichen Gebühren zwischen 1,5 und gut zwei Prozent pro Jahr sind sie sehr teuer. Hinzu kommt ein einmaliges Aufgeld von rund fünf Prozent der Anlagesumme, das jedoch mit Vermittlern verhandelbar ist.

Bei allen Jubelnachrichten aus dem "Rendite-Reich der Mitte" übersehen viele die inländischen Gefahren. Die Buchhaltungspraxis chinesischer Betriebe macht ihre Bilanzen zu einem Zahlenwerk ohne Aussage. Chinas Banken stehen vor einem Milliardenberg fauler Kredite, die sie kaum jemals zurückbekommen dürften. Ein Zusammenbruch des Bankensystems könnte die ganze Wirtschaft in den Abgrund reißen. Im November druckte das Anlegermagazin "Caijing" einen Artikel über China Southern Securities. Das fünftgrößte Wertpapierhaus des Landes hatte Kundengelder in Millionenhöhe veruntreut. Noch immer machen Regierungsbeamte, Manager und Makler viele Deals unter sich aus - für ausländische Anleger völlig undurchsichtig. Berühmt wurde das Zitat des Pekinger Ökonomen Wu Jinglian, der im staatlichen Fernsehen kritisierte, Chinas Börsen seien "schlimmer als ein Kasino".

"China steht erst am Anfang und hat noch einen weiten Weg zu gehen", sagt auch Mark Mobius. Er ist ein alter Fuchs im Anlagegeschäft, Experte für die Schwellenländer. Seit 1987 reist der Fondsmanager für die US-Investmentgesellschaft Franklin Templeton durch die Welt, um die ihm anvertrauten elf Milliarden Dollar Anlegergelder in lukrativen Märkten zu investieren. Er versprüht Zuversicht: Zwar seien einige Aktien schon überteuert. "Aber es gibt durchaus noch gute Deals", sagt Mobius. "Man muss nur danach suchen."

Die Shanghaier Börse ist ein glänzender Triumphbogen aus Stahl und Beton. Auf dem blanken Marmorboden des Foyers spiegeln sich die Schuhe der Besucher, der Handelsraum ist einer der größten der Welt. Liu Xiaodong, Vizepräsident der Shanghaier Börse, ist ein nüchterner Mann. "Die Chinesen sind Spielernaturen", sagt er, und seine Stimme klingt dabei fast feierlich. "Die Anleger müssen risikobereit sei. Sie können sich verbrennen - aber sie lernen dabei", sagt Liu. An den Wochenenden treffen sich die Aktionäre auf der Guangdong-Straße mit ihren alten Kolonialgebäuden. Zahlen schwirren durch die Luft, Wertpapierkennnummern und Gewinnprozente. Eine Gerüchteküche. "Aktien braten", nennen das die Chinesen. Meister Song kommt seit acht Jahren. Nachdem ihn die Shanghaier Stahlfabrik entlassen hat, verkauft der alte Mann hier Bücher und Börsenzeitungen, die er auf zwei alten Pappkartons vor sich ausgebreitet hat. Song hat sie alle gelesen: André Kostolanys "Börsenpsychologie" und William J. O'Neils "Crashkurs für Privatanleger". Er selbst hat noch nie eine Aktie besessen. "Zu riskant", sagt er. "Mit meinem Bücherverkauf kann ich mehr Geld verdienen." Mitarbeit: Frank Donovitz

Janis Vougioukas print

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