HOME

Deutsche Wirtschaft: Wie schlimm die Krise wirklich ist

Die Deutschen sind verunsichert. Horror-Meldungen aus der Wirtschaft lassen viele um ihren Arbeitsplatz zittern. Doch es gibt auch positive Nachrichten. Und wirklich angekommen ist die Krise bei den meisten auch noch nicht. Deshalb zurück zur wichtigsten Frage: Wie tief steckt Deutschland wirklich in der Krise?

Von Christoph Schäfer

Die Krise hat Deutschland fest im Griff, doch schon im nächsten Jahr wird nach Ansicht der meisten Forschungsinstitute die Trendwende kommen

Die Krise hat Deutschland fest im Griff, doch schon im nächsten Jahr wird nach Ansicht der meisten Forschungsinstitute die Trendwende kommen

Schießer ist pleite, Rosenthal ebenso, Schaeffler nicht mehr weit davon entfernt. Die Banken sitzen immer noch auf einem riesigen Berg fast wertloser Papiere. Viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Fast täglich gibt es neue Horrormeldungen über Milliardenverluste, Einsparprogramme oder die düstere Zukunft im Allgemeinen.

Und trotzdem kennen die meisten Deutschen die Krise nur aus den Medien, sie ist bei ihnen persönlich noch nicht spürbar. Massenentlassungen sind bislang ausgeblieben, auch dank des verlängerten Kurzarbeitergeldes. Der private Konsum läuft ebenfalls noch ganz passabel. Wie steht es also um Deutschland, die größte Exportnation der Welt?

Die Antwort ist zunächst wenig überraschend: Die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefen Rezession. Daran gibt es nichts zu deuteln. Das um Sondereffekte bereinigte Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Quartal um 2,1 Prozent gefallen. Das ist der größte Rückgang gegenüber einem Vorquartal, den das wiedervereinigte Deutschland je erlebt hat.

"Rechnet man die aktuellen Zahlen für das vierte Quartal 2008 aufs Jahr hoch, dann fällt die Wirtschaftsleistung im Moment um acht Prozent", sagt US-Ökonom Nouriel Roubini im aktuellen stern. Damit gehe es Deutschland "zurzeit schlechter als den USA".

Erschreckend ist die Zahl auch, weil die deutsche Wirtschaftsleistung bereits im zweiten und dritten Quartal 2008 um jeweils 0,5 Prozent gesunken war. Mit anderen Worten: Die Deutschen stellen derzeit mehr als drei Prozent weniger Waren her, als zu Beginn des vergangenen Jahres.

Die rasant schrumpfende Wirtschaft lässt sich auch an anderen Indikatoren ablesen: Die Industrie produzierte im Dezember fast fünf Prozent weniger Waren als im November. Die deutschen Maschinenbauer erhielten im gleichen Monat 40 Prozent weniger Aufträge als ein Jahr zuvor. Besonders hart trifft die Krise den Exportweltmeister bei den Ausfuhren. Weil auch in anderen Ländern das Geld knapp wird, gingen die Exporte von Oktober bis Dezember um zwölf Milliarden Euro auf 72,3 Milliarden Euro zurück.

All das sorgt in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft für denkbar schlechte Laune. Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts fiel von 83 Zählern im Januar auf 82,6 Punkte im Februar. Damit sank der Indikator für die Stimmung in der Wirtschaft auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Kaum verwunderlich, dass mancher Experte die Zukunft des Landes schwarz malt. "Es gibt derzeit keinen einzigen Wirtschafts-Indikator, der nach oben zeigt", sagt beispielsweise Heiner Flassbeck, der Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD), stern.de.

Keinen einzigen? Das stimmt auch wieder nicht: So sank die Inflationsrate - vor wenigen Monaten noch das Sorgenkind der Experten schlechthin - im Januar auf hervorragende 0,9 Prozent. Für die erfreulich niedrige Inflation sind insbesondere die fallenden Rohstoffpreise verantwortlich, vor allem der Ölpreis. Im Juli 2008 war dieser auf sein Allzeit-Hoch von rund 145 Dollar pro Barrel gestiegen.

Damals hatten zahlreiche Experten prophezeit, dass der Ölpreis weiter steigen und der Weltwirtschaft massiv schaden werde. Doch stattdessen ist der Preis für ein Barrel Rohöl mittlerweile auf unter 45 Dollar gesunken. So unglaublich es klingt: Über die wirtschaftlich größten Sorgen des vergangenen Sommers - den hohen Ölpreis und die hohe Inflationsrate - redet heute kein Mensch mehr. Höchstens unter umgekehrten Vorzeichen: "Ich glaube, die Weltwirtschaft wird in eine Phase der Deflation eintreten: fallende Preise, auch für Rohstoffe, steigende Arbeitslosigkeit", prophezeit Roubini.

"Die Krise ist bei den Verbrauchern noch nicht angekommen

Allerdings lässt die Krise die deutschen Verbraucher bislang erstaunlich kalt. Das Weihnachtsgeschäft lief überraschend gut, und auch das Konsumklima im Februar ist erstaunlich positiv. Der Indikator für die sogenannte Anschaffungsneigung liegt nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit 14,6 Punkten derzeit um fast 30 Zähler über dem Vorjahreswert. "Die Verbraucher erhalten die Nachrichten über die Krise aus den Medien, aber bei ihnen selbst ist sie noch nicht angekommen", erklärt GfK-Chef Klaus Wübbenhorst.

Nicht zuletzt werden die 50 Milliarden Euro aus dem zweiten Konjunkturpaket der Regierung ihre Wirkung noch entfalten. Bis auf die Abwrackprämie - die hervorragend anläuft - gibt der Staat das Geld für Investitionen und Steuersenkungen erst ab dem Sommer aus. Die niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank sollen langfristig dazu beitragen, dass die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt.

Arbeitsmarkt noch stabil

Bislang hat die Krise auch den Arbeitsmarkt noch nicht voll erreicht. Im Februar dieses Jahres waren etwas mehr als 3,5 Millionen Menschen arbeitslos. Das sind 63.000 Menschen mehr als im Januar. Aber - und diese Zahl ist entscheidender - es sind rund 70.000 Personen weniger als ein Jahr zuvor. Experten hatten mit schlimmeren Werten gerechnet.

Zudem schlossen die deutschen Unternehmen vergangenes Jahr stolze 616.000 Ausbildungsverträge ab, fast so viele wie im Rekordjahr 2007.

Relativ gut gehalten hat sich bislang auch der Aktienmarkt. Der deutsche Leitindex pendelt derzeit um die 4000-Punkte-Marke. Damit hat der Dax seit seinem Allzeit-Hoch im Dezember 2007, als der Index über 8000 Punkte schnellte, zwar die Hälfte seines Wertes eingebüßt. Nach der geplatzten New-Economie-Blase und den Terror-Anschlägen in New York war der Einbruch jedoch deutlich schärfer. Im März 2003 fiel der Index unter 2500 Punkte.

Insgesamt dürften die meisten Institute und auch die Regierung Recht haben, wenn sie die Lage als ernst bezeichnen. In diesem Jahr dürfte das deutsche Bruttoinlandsprodukt um zweieinhalb bis vier Prozent fallen, die Arbeitslosenzahl um eine halbe Million Menschen steigen. Allerdings rechnen derzeit die meisten Institute damit, dass es schon im nächsten Jahr wieder aufwärts geht.