HOME

Die Deutschen und ihre Krisen: "Angst war ein Leitmotiv"

Atomkrieg, Waldsterben oder Vogelgrippe: Die Deutschen waren immer offen für Horrorszenarien aller Art. Historiker Frank Biess sieht im stern.de-Interview eine "emotionale Intensität der Angstkonjunkturen" - und begründet sie mit den Erfahrungen von Gewalt und Zusammenbrüchen.

Herr Biess, Sie sind Historiker und beschäftigen sich mit der Geschichte der Angst seit 1945. Wie gehen die Deutschen mit der aktuellen Krise um?

Mein Eindruck ist: Die jetzige Krise ist von einer ganz eigenen Art. Das ist wirklich eine internationale Krise, die mit nationalen Kontexten nichts mehr zu tun hat. Sie ist vielleicht am ehesten mit der Weltwirtschaftskrise der 70er Jahre zu vergleichen, in der ebenfalls internationale Verflechtungen verstärkt in den Blickpunkt rückten. Die momentane Reaktion wirkt, auch im Vergleich zu früheren Angstwellen und zu anderen Ländern, noch relativ gemäßigt. Das kann sich jedoch sicher schnell ändern.

Haben die Deutschen eine besondere Art, auf Krisen zu reagieren?

Die Vorstellung einer "German Angst" geht davon aus, dass die Deutschen eine psychopathologische Eigenart haben. Als Historiker bin ich da skeptisch. Eine derartige Konstante als nationale Charaktereigenschaft lässt sich aus den Angstzyklen der Nachkriegszeit kaum ableiten. Die größere emotionale Intensität der Angstkonjunkturen in Deutschland zeugt aber sicher vom Nachhall extremer Gewalt- und Zusammenbruchserfahrungen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Die vielfältigen Zusammenbruchserfahrungen der Deutschen im 20. Jahrhundert provozierten ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, das bis in die Gegenwart wirkt und für viele Ostdeutsche mit dem plötzlichen Zusammenbruch der DDR erneut belebt wurde. Angst war ein Leitmotiv. Mehr als andere empfanden die Deutschen ihre neugewonnene Geborgenheit nach 1945 als prekär und fragil. Allerdings wird die Vorstellung einer "deutschen Angst" häufig gebraucht, um ganz andere Argumente oder Interessen durchzusetzen.

Zum Beispiel?

In der Vergangenheit wurde das etwa von der politischen Rechten gebraucht - um Angst vor einer nationalen Machtpolitik zu kritisieren. Die Deutschen sollten selbstbewusster werden und aus dem Schatten der Vergangenheit heraustreten. Die "deutsche Angst" halte sie davon ab. Die Linke dagegen kritisierte unter dem Stichwort "deutsche Angst" die vermeintliche Reformunfähigkeit und den fehlenden Veränderungswillen der Deutschen.

Was waren die Voraussetzugen dafür?

In Deutschland existierten spezifische Bedingungen, die intensivere Angstzustände als in anderen Ländern ausgelöst haben. Zum einen sind das die Nachwirkungen von Krieg, Diktatur und Holocaust - das hatte immer eine angstfördernde Wirkung, gerade auch weil die Erinnerung an eine katastrophale Vergangenheit in die Zukunft projiziert wurde. Zum anderen ist es die exponierte Lage im Kalten Krieg. Die Deutschen wussten: Ein Krieg zwischen den Supermächten würde auf ihrem Boden stattfinden. Das hat Ängste ausgelöst - und intensiviert.

Ökokatastrophe, Vogelgrippe, Atomkrieg - die Deutschen waren immer besonders gut darin, Horrorszenarien zu entwickeln.

Zunächst ist es wichtig, öffentlich artikulierte Angstzustände nicht gleich als hysterisch zu brandmarken, sondern erstmal ernst zu nehmen und auf historische Entstehungsbedingungen zu untersuchen. Angst muss nicht unbedingt negativ sein. Sie weckt Aufmerksamkeit und kann auch mobilisierend wirken. Die Friedens- und Umweltbewegung der 80er Jahre ist hierfür ein Beispiel. Aber nicht alle Deutschen haben diese Ängste empfunden - deshalb würde ich auch nicht von einer deutschen Eigenart sprechen. Es gab sie in bestimmten Milieus oder politischen Lagern. Eine Figur wie Helmut Schmidt beispielsweise hat sich immer als rationaler Krisenmanager präsentiert, der Ängsten gegenüber weitgehend resistent blieb. Vielleicht erklärt dies auch seine Popularität gerade in der jetzigen Krise.

In der jetzigen Krise wird das Verhältnis zum Staat für viele neu definiert. Was für ein Verhältnis haben die Deutschen zum Staat?

Der Staat war in der Nachkriegszeit - durch den Sozialstaat - eine Quelle der Sicherheit. Auf der anderen Seite gab es - gerade von der linken Seite - immer ein Misstrauen und einen Verdacht gegen ihn. Es bestand die Sorge, die Instrumente des Staates könnten benutzt werden, um die Demokratie auszuhebeln. Sehr deutlich wurde das auch in der Debatte in den 60er Jahren um die Notstandsgesetze. Bis in die 80er Jahre war dies in der Bundesrepublik präsent. Geändert hat sich das erst mit dem Beginn der Kohl-Regierung. Die Kritiker merkten: Selbst eine konservative Regierung veränderte nicht die Substanz der Republik.

Sie haben mal geschrieben, dass sich die Zeit seit 1945 als eine Abfolge unterschiedlicher Angstzyklen lesen lasse. Wie meinen Sie das?

Zunächst veränderten sich die Ausdruckbedingungen von Angst: Während in den 50er Jahren die öffentliche Artikulation von Angst und von Emotionen eher verpönt war, rückten öffentliche Angstbekundungen in den 1980er Jahren ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Auch verschoben sich die Objekte der Ängste: von den Kriegsängsten der 50er Jahren zu eher "inneren Ängsten" in den 60er und 70er Jahren. Ein Beispiel dafür: Es gab seit den 60er Jahren eine weit verbreitete Sorge, dass es innerhalb der westdeutschen Gesellschaft eine autoritäre Grundstimmung gebe - die möglicherweise wieder zum Tragen kommen könnte. Das hatte mit einer verstärkten Thematisierung der Nazi-Vergangenheit in den NS-Prozessen zu tun. Die Enttarnung vermeintlich angepasster bürgerlicher Staatsbürger als Massenmörder weckte einen Grundverdacht gegenüber der liberalen Demokratie. Konnte man der stabilen Außenfassade trauen? Oder verbarg sich dahinter etwas anderes? Dies war ein Angstzustand. Weitere sollten folgen.

Interview: Axel Hildebrand