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Deutschland, China, USA: Wer sind die Verlierer von Trumps Handelskrieg? Ein Besuch bei Mercedes-Mitarbeitern

Erst Tiraden, dann Zölle – Donald Trump entfesselt einen Handelskrieg und bedroht damit das globale Wirtschaftsmodell. Das Beispiel eines Autos zeigt, wer verlieren wird. In Deutschland. In China. Und auch in den USA.

Trumps Politik und die Folgen: Ein Besuch bei Mercedes-Mitarbeitern

US-Präsident Donald Trump möchte auf heimischen Straßen am liebsten nur noch amerikanische Autos sehen. Das will er mit hohen Zöllen für China und Europa erreichen. Entwickelt wird beispielsweise der Mercedes GLE in Deutschland, produziert in den USA, verkauft in China

Werner Funk hat Sorgen. Er ist Betriebsrat bei Daimler in der Stuttgarter Konzernzentrale und fragt sich: Wie lange werden seine weltweit 289.000 Kollegen noch Arbeit haben?

Walt Maddox hat Sorgen. Er ist Bürgermeister von Tuscaloosa im armen US-Südstaat Alabama, Standort einer großen Mercedes-Fabrik, und fragt sich: Wird seine Stadt wieder vom Wohlstand abgehängt?

Und auch Wang Wei* hat Sorgen. Er ist Autoverkäufer bei einem der größten Mercedes-Händler in Shanghai und fragt sich: Wie lange wird das Geschäft mit den Luxusfahrzeugen noch laufen?

Donald Trump entfesselt einen Handelskrieg

Drei Männer, drei Kontinente, verbunden durch ein Auto: der Mercedes GLE, ein Edel-Geländewagen mit bis zu 585 PS, der in der Coupé-Variante zwischen 72.000 und 133.000 Euro kostet. Für manche mag der Wagen ein überteuertes Protzmobil sein, für viele aber bedeutet er ein sicheres Auskommen: entwickelt in Deutschland, montiert in den USA, verkauft vor allem auch in China.

Aber – wie lange noch? US-Präsident Donald Trump ist gerade dabei, einen globalen Handelskrieg zu entfesseln. Beschimpfungen und Kampfansagen, Zölle und Gegenzölle – plötzlich steht das komplette Wirtschaftsmodell der internationalen Arbeitsteilung und des freien Handels infrage.

"Was jetzt durch Donald Trump losgetreten wird, birgt große Gefahren", sagt Werner Funk, Betriebsrat bei Daimler-Benz in Stuttgart

"Was jetzt durch Donald Trump losgetreten wird, birgt große Gefahren", sagt Werner Funk, Betriebsrat bei Daimler-Benz in Stuttgart

Werner Funk zückt einen Block samt Kugelschreiber und beginnt zu zeichnen. Der 59-Jährige, Kumpeltyp in Jeans und Blazer, arbeitet seit fast drei Jahrzehnten als Betriebsrat und hat schon einige Krisen erlebt. "Was jetzt durch Donald Trump losgetreten wird, birgt große Gefahren", sagt er. Der Stift rast übers Papier. "Das ist China. Unser größter Absatzmarkt für SUVs wie den GLE. Wenn Trump immer mehr Zölle auf Produkte von dort erhebt und die Chinesen mit Gegenzöllen auf Autos reagieren, bricht der Verkauf ein." Das schade dem Konzern – und seinen Beschäftigten. 2017 gab es mit 5700 Euro je Arbeitnehmer die höchste Gewinnbeteiligung aller Zeiten. Inzwischen hat der Konzern eine Gewinnwarnung herausgegeben. Wegen des Handelsstreits könnten sich die Geschäfte deutlich verschlechtern.

Motor und Getriebe für den GLE werden in Untertürkheim gebaut und in die USA geschickt. Trump droht nun, den Zoll dafür zu erhöhen – von 2,5 auf 25 Prozent. Die Anhörungen dazu fanden vergangene Woche im US-Handelsministerium statt, die amerikanische Autoindustrie warnte scharf vor Verlusten, für diese Woche hat sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu Verhandlungen in Washington angesagt, eine Entscheidung soll spätestens im August fallen.

Die Fronten? Verhärtet.

Die Folgen? Gewaltig.

Globalisierung als Erfolgsgeschichte

Für Betriebsrat Funk sind sie eine einfache Rechnung: Die Autos würden teurer, der Absatz ginge zurück und damit auch die Produktion. Er fuchtelt mit dem Kugelschreiber: "Es ist nicht zu fassen. Bei alldem schneidet sich Trump doch ins eigene Fleisch. Viele Arbeitsplätze werden in seinem eigenen Land über den Jordan gehen." Aber, so fügt er kopfschüttelnd hinzu, "auch bei uns".

Funk zeichnet weiter. Das nächste Szenario: Was würde der Strafzoll von 25 Prozent für Daimler insgesamt bedeuten? 375.000 in Deutschland hergestellte Fahrzeuge exportiert der Konzern jedes Jahr in die USA und erzielt damit bisher einen Umsatz von rund 15 Milliarden Euro. Auch der würde schrumpfen. Funk zieht einen langen Strich unten auf dem Papier. "Insgesamt kann ich mir vorstellen, dass Daimler im Falle eines Handelskrieges weltweit 250.000 bis 300.000 Autos weniger verkaufen wird." Er macht eine Pause: "Damit wären in Deutschland rund 10.000 Arbeitsplätze gefährdet."

"Wir reden hier von tausenden und abertausenden Leuten, die über Nacht ihren Job verlieren können", sagt Walt Maddox, Bürgermeister von Tuscaloosa in Alabama, Standort einer Mercedes-Fabrik

"Wir reden hier von tausenden und abertausenden Leuten, die über Nacht ihren Job verlieren können", sagt Walt Maddox, Bürgermeister von Tuscaloosa in Alabama, Standort einer Mercedes-Fabrik

Beim Daimler zu schaffen war immer eine feste Bank, wie alte Mercedes-Werkler gern sagen. Als gelernter Feinmechaniker fing Werner Funk 1977 in der Getriebefertigung an, wechselte zur Versuchsabteilung, machte in der Abendschule den Industriefachwirt und ging in den Vertrieb, bis er 1990 erstmals zum Betriebsrat gewählt wurde. Heute lebt der zweifache Familienvater im eigenen Häuschen, fährt eine Mittelklasse, kann regelmäßig Urlaubsreisen machen. "Man hat sich ein gutes Leben aufgebaut", sagt Funk, "so ist es bei den meisten Kollegen."

Für die Daimler-Arbeiter war die Globalisierung eine Erfolgsgeschichte – wie für so viele Beschäftigte in den exportstarken Industrien Deutschlands. Dank europäischem Binnenmarkt und Welthandelsabkommen wird auf der ganzen Welt eingekauft und produziert, was deutsche Ingenieure entwickelt haben. Nicht jedes Modell muss in jedem Land hergestellt werden, die Spezialisierung der Standorte spart Kosten. Zölle wurden verringert oder ganz abgeschafft. Im Durchschnitt sanken sie von einst 30 auf nur noch 3 Prozent. So wurden im Laufe der Jahre globale Lieferketten geknüpft, die jetzt zu reißen drohen.

Längst gibt es keine rein deutschen oder rein amerikanischen Fahrzeuge mehr, so wie es Donald Trump gern erzählt. Sie alle sind Weltautos. BMW und Mercedes etwa haben entschieden, die großen, teuren Geländewagen ausschließlich in den USA fertigen zu lassen. Dabei wird nur ein Drittel der in Tuscaloosa produzierten GLE in den Vereinigten Staaten gekauft, zwei Drittel gehen in 130 andere Länder. Nach BMW ist Mercedes heute der zweitgrößte Autoexporteur der USA.

Tuscaloosa war ein Armenhaus

Als Walt Maddox gerade erklären will, was Trumps Handelskrieg für die Menschen in Alabama bedeutet, entert hinter ihm im Büro-Fernseher plötzlich sein Präsident beim Nato-Gipfel in Brüssel die Bühne und beschimpft Deutschland als "Gefangenen Russlands", triumphierend, belehrend. Ausgerechnet die Deutschen, die Maddox so sehr mag und so sehr braucht. Er schlägt die Hände vors Gesicht. Ein neuer Tiefpunkt, auch für ihn. "Die Welt muss denken, wir sind verrückt geworden", sagt er.

Walt Maddox ist Bürgermeister von Tuscaloosa, knapp 100.000 Einwohner, im Westen Alabamas, Standort von Mercedes U. S., Arbeitgeber für 3700 Menschen. An der Autofabrik hängen in der Region mehr als 10.000 Arbeitsplätze, erklärt Maddox, rund 20 Prozent aller Jobs. "Ein Handelskrieg ist verheerend für uns", sagt der Bürgermeister. "Wir reden hier von Tausenden und Abertausenden Leuten, die über Nacht ihren Job verlieren können, ohne Aussicht, bald einen neuen zu finden."

Leute, die Trump doch angeblich beschützen will. Arbeiter aus Amerika, das er mit allen Mitteln "great again" machen will.

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Das Mercedes-Werk liegt ein paar Kilometer vor der Stadt, hingestreckt wie ein weißer Riese. Die Straßen heißen Mercedes Drive und Daimler Benz Boulevard. Seit dem Gründungsjahr 1995 hat Daimler rund sechs Milliarden Dollar investiert. 2017 wurden hier insgesamt 286.000 Fahrzeuge gebaut. Im vorigen Jahr kündigte der Konzern an, eine weitere Milliarde in Tuscaloosa auszugeben, für die Produktion von Elektroautos bis Anfang des nächsten Jahrzehnts. Doch wird es jetzt dabei bleiben?

Maddox, 45 Jahre alt, viermal hintereinander zum Bürgermeister gewählt, hier geboren und zur Schule gegangen, weiß noch allzu gut, wie sehr die Region krankte, bevor Mercedes kam. Mittlerweile ist Tuscaloosa die am schnellsten wachsende Stadt in Alabama. Die Leute verdienen mehr als anderswo, bis zu 70.000 Dollar im Jahr. Der Bürgermeister kann die ständigen Vorwürfe Trumps, auf Amerikas Straßen führen zu viele deutsche Autos, nicht mehr hören. Er hält sie für absurd. "Mercedes bedroht uns nicht", sagt er. "Mercedes ist eine Erfolgsgeschichte für Tuscaloosa."

In seinem Büro in der City Hall rückt Maddox jetzt auf dem Lederstuhl ein bisschen nach vorn. Er will etwas klarstellen. Es ist ihm wichtig. Wenn er könnte, würde er genau das gern auch seinem Präsidenten sagen: "Das Know-how und die Motoren werden zwar aus Deutschland geliefert, viele andere Teile kommen mittlerweile aber von Zulieferern aus Alabama!" So gesehen sei der Mercedes GLE nicht nur "made in Germany", sondern auch "made in Alabama".

Manche fühlen sich als Verlierer

Trotzdem ahnt der Bürgermeister, dass Tuscaloosa nicht viel zu melden haben wird in diesem großen Spiel. Es geht um Trumps Wiederwahl 2020, davon ist er überzeugt. Dem ordne der Präsident alles unter. Erstaunlicherweise kann Trump dabei auch auf die Unterstützung vieler Wähler in Alabama setzen. Der Bundesstaat ist unerschütterlich konservativ. Trump-Land. 62 Prozent haben bei der Präsidentschaftswahl für ihn gestimmt. In Tuscaloosa knapp die Hälfte, wahrscheinlich auch viele Mercedes-Arbeiter. "Wenn du hart arbeitest und eine Familie großziehst, hast du nicht die Zeit, das 'Wall Street Journal' zu lesen", sagt Maddox. Politik sei in Amerika ein emotionales Geschäft. Und auf Emotionen versteht sich kaum einer so gut wie Donald Trump.

Der Freihandel hat zwar vielen Menschen geholfen, aber eben längst nicht allen. Manche fühlen sich als Verlierer – nicht wenige sind es tatsächlich, etwa die amerikanischen Arbeiter in der Kohle-, Erz- und Stahlindustrie, vor allem im Nordosten des Landes, dem sogenannten Rust Belt. In solchen Regionen liegt die politische Basis von Trump, sie will er mit den Strafzöllen auf Stahl bedienen. 25 Prozent Aufschlag verlangen die USA seit März. Das trifft vor allem China, heute der größte Stahlproduzent der Welt – und auch der billigste. Aber, und damit zielt Trump durchaus auf einen heiklen Punkt, ist der chinesische Stahl so günstig, weil die Volksrepublik ihre wirtschaftlichen Vorteile ausspielt? Oder machen niedrige Löhne, laxere Umweltstandards und staatliche Subventionen den Wettbewerb unfair?

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Auch die Trump'sche Kritik an Deutschland birgt einen wahren Kern: Die Deutschen exportieren in Massen, aber sie konsumieren und investieren vergleichsweise wenig. Das bemängeln viele europäische Regierungen genauso wie der wutschnaubende US-Präsident. Im vergangenen Jahr verkauften die Deutschen für 50 Milliarden Euro mehr Güter in die USA, als sie von dort bezogen. Solche Zahlen stellt Trump gern heraus. Nicht darin enthalten sind allerdings Dienstleistungen und Lizenzen. Wenn Microsoft, Google oder neuerdings Netflix in Europa viel Geld verdienen, dann profitieren davon auch Programmierer, Entwickler oder Schauspieler in den USA. Aber die leben in Kalifornien und gehören nicht unbedingt zu Trumps Wählern.

Ungleichgewichte, Dumping, Schutz von geistigem Eigentum – normalerweise würden die Staaten versuchen, solche Probleme in internationalen Abkommen zu lösen. Welthandelsabkommen sind so etwas wie eine Bauordnung der wirtschaftlichen Architektur. Doch der Immobilieninvestor Trump will keine besseren Regeln, er will einen guten Deal. Sein Weltbild sieht nicht vor, dass bei einem guten Handelsvertrag alle beteiligten Volkswirtschaften gewinnen können. Ihm sind die Gefühle der Stahlarbeiter in Pittsburgh wichtiger als Wohlstand der Welt.

Konsumrausch in China

Am Freitagmorgen ist es noch ruhig bei Mercedes in der Innenstadt von Shanghai. Durch das Autohaus, einen silbergrauen, vierstöckigen Tempel, schlendern drei Pärchen, die Männer in hellen Polohemden, die Frauen mit übergroßen Einkaufstüten von Gucci und Louis Vuitton am Handgelenk.

Wang Wei ist Anfang 30 und trägt einen von diesen global modernen, eng geschnittenen Anzügen. Sein ganzes Arbeitsleben hat er in der Autobranche verbracht, und stets ging es aufwärts, stets kletterten die Verkaufszahlen. Zur Jahrtausendwende, als Wang noch die Mittelschule besuchte, gab es in China gerade einmal fünf Millionen Autos. In zwei Jahren soll die Zahl auf über 200 Millionen steigen. 610 965 Fahrzeuge hat Mercedes im vergangenen Jahr hier verkauft – fast doppelt so viele wie auf dem deutschen Heimatmarkt. Längst ist auch dieser Konzern abhängig vom Konsumrausch der jungen chinesischen Mittelschicht. Und jetzt?

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Bisher konnten Wang und seine Kollegen jeden Monat rund ein Dutzend GLEs unter der Elite verteilen. Nun aber hängt die neue Lieferung im Zoll am Shanghaier Hafen fest. Lange hatten die Abgaben auf ausländische Autos 25 Prozent betragen. Anfang Juli senkte die Regierung sie um 10 Prozentpunkte auf 15 Prozent, dann folgten wenig später neue Strafzölle in Höhe von 25 Prozent für aus den USA importierte Fahrzeuge – und so steigt die Belastung für diese Autos nun also auf 40 Prozent.

Mercedes hat in China noch keine neuen Preise mitgeteilt. Offiziell will sich das Unternehmen ohnehin nicht zu den Strafzöllen äußern. Auch Wang darf eigentlich nicht mit Journalisten reden. Doch seine Angst ist zu groß, um einfach nur zu schweigen. Er fürchtet, dass schon der günstigste GLE bald mehr als 100.000 Euro kosten wird. "Das ist ein großes Investment", sagt Wang, "und jeder Autokäufer wird sich die Anschaffung genau überlegen."

Nachdem die USA im Juni Strafzölle auf Stahl und Aluminium eingeführt hatten, konterten die Chinesen mit Abgaben auf ein Handelsvolumen von 34 Milliarden Dollar, etwa auf Fleisch, Soja und Autos wie den GLE. Nun will Trump im Gegenzug weitere Zölle auf Waren im Wert von 200 Milliarden erheben. "Wir wollen nicht kämpfen, doch wir fürchten uns nicht vor einem Handelskrieg", sagte Politbüro-Mitglied Yang Jiechi in der vergangenen Woche. Pekings Staatsfernsehen CCTV rief seine Zuschauer sogar zu "persönlichen Opfern" im "Krieg um den Wohlstand des Landes" auf. Ein Krieg, der am Ende nur Verlierer kennt.

Zweifel

Autoverkäufer Wang hofft, dass Mercedes die Importzölle nicht im vollen Umfang an die Kunden weitergibt. Denn, so fragt Wang, "wer soll den GLE sonst noch kaufen?" Bürgermeister Maddox hofft, dass die Demokraten mit einem Erfolg bei den Kongresswahlen im November diesen Trump irgendwie noch bremsen können. Er selbst kandidiert als Gouverneur von Alabama.

Und Betriebsrat Funk hofft, dass die Europäische Union sich mit dem US-Präsidenten noch einigt. Irgendwie. Doch seine Zweifel sind groß. Die Welt hat es schließlich mit Donald Trump zu tun.

*Name von der Redaktion geändert

"The Trump of the Week": Absurde Show: Trump mimt sich selbst - doch am Ende kommt die traurige Wahrheit heraus