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Drohende Megapleite: Was Prokon-Anleger jetzt wissen müssen

Die Ökoenergiefirma Prokon verwaltet 1,4 Milliarden Euro von 75.000 Kunden. Nun droht die Insolvenz, das Geld ist in Gefahr. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Das Unternehmen Prokon hat über viele Jahre hinweg hohe Summen bei Kapitalanlegern eingesammelt und üppig verzinst. Nun droht jedoch ein Insolvenzverfahren. Anleger haben laut Unternehmenshomepage inzwischen Genussrechte im Wert von rund 188 Millionen Euro gekündigt (Stand: Dienstagmorgen). Während Verbraucherschützer schon seit langem vor Investitionen bei Prokon warnen, sieht sich das Unternehmen aus Itzehoe selbst als Opfer einer Kampagne.

Was für ein Unternehmen ist Prokon und wer steckt dahinter?

Prokon - die Abkürzung steht für PROjekte und KONzepte - wurde 1995 von Carsten Rodbertus gegründet mit dem Unternehmensziel, in erneuerbare Energien zu investieren. Zunächst verkaufte Prokon Kommanditanteile an geschlossenen Windparkfonds. Ab 2007 veränderte sich das Geschäftsmodell: Heute finanziert sich Prokon überwiegend über Genussrechtsanteile von Anlegern. Das Unternehmen investiert nicht mehr nur in Windenergie, sondern auch in Biokraftstoffe und Biomasse und ist als Stromversorger tätig. Der 52-jährige Rodbertus ist nach wie vor Geschäftsführender Gesellschafter.

Was hat Prokon den Anlegern versprochen?

Das Unternehmen wirbt mit einer hoch verzinsten Anlage in ökologisch orientierte Sachwerte wie Windparks. Dabei erweckte Prokon in der Vergangenheit den Eindruck, die Anlage sei sehr sicher. Das Geld floss in 52 Windparks in Deutschland und Polen, eine Ölmühle in Magdeburg, Wälder und einen holzverarbeitenden Betrieb. Als Rendite versprach Prokon seinen Anlegern mindestens sechs Prozent und zahlte auch bis 2013 zuverlässig. Ab sofort sollen die Anleger die Zinsen im Unternehmen lassen, um die Liquiditätslage zu entspannen.

Warum könnte es zur Insolvenz kommen?

Prokon finanziert langfristige Investitionsgüter wie Windkraftwerke mit dem kurzfristigen Finanzierungsinstrument der Genussrechte. Wenn viele Anleger sich von ihren Papieren trennen, fehlen jedoch flüssige Mittel, um die laufenden Kosten zu begleichen. Dieser Fall ist nun eingetreten.

Wie ist die aktuelle finanzielle Lage bei Prokon?

Es liegen derzeit keine belastbaren Unternehmenszahlen vor. "Die veröffentlichten Zahlen sind wenig aussagekräftig und werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten", sagt der Düsseldorfer Rechtsanwalt Julius Reiter. Prokon hat seit Jahren keine geprüften und testierten Konzernberichte veröffentlicht und verwendet auf seiner Internetseite zum Teil selbsterdachte Definitionen für seine finanzielle Leistungskraft. Aus den bekannten Fragmenten lässt sich schließen, dass Prokon die Mittel für die Zinszahlungen an die Anleger nicht mit seinen Geschäften erwirtschaftet. Deshalb verdächtigen Verbraucherschützer das Unternehmen, die Zinsen aus frischem Anlegergeld zu bezahlen. Das wäre ein illegales Schneeballgeschäft.

Was sagt Prokon zu den Vorwürfen?

Das Unternehmen weist den Verdacht seit Jahren zurück und beschuldigt seinerseits Medien und Institutionen wie die Stiftung Warentest oder die Verbraucherzentralen, eine Negativkampagne zu betreiben. Anfangsverluste in der Investitionsphase seien normal, Gewinne würden später fließen. Die Anlagergelder seien sicher, weil sie in konkrete Sachwerte wie Windkraftwerke geflossen wären. Das Unternehmen weist jedoch selbst darauf hin, dass im Fall von Notverkäufen für die Sachanlagen nicht der volle Marktpreis erzielt werden könnte.

Wie sollten Anleger jetzt reagieren?

Eine Kündigung der Genussscheine muss nach Einschätzung von Verbraucherschützer Niels Nauhauser nicht automatisch zur Insolvenz von Prokon führen: "Wenn die Windkraftanlagen werthaltig sind, sollten sich Banken finden, die die Projekte finanzieren." Bekomme Prokon keinen Bankkredit, sei das "allerdings ein Zeichen für die Anleger", sagt der Experte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagte: "Ich würde davon abraten, vorzeitig zu kündigen, oder sich auf eine Änderung der Zahlungsmodalitäten einzulassen". Vieles sei derzeit unklar. Das Unternehmen müsse Anleger jetzt umfassend informieren und einen testierten Jahresabschluss vorlegen, forderte der Aktionärsschützer.

Was würde eine Planinsolvenz für die Genussrechte-Inhaber bedeuten?

Die wirtschaftlichen und rechtlichen Folgen einer Planinsolvenz unterscheiden sich nach dem Gesetz nicht von denjenigen bei einer Regelinsolvenz. Zunächst werden andere Gläubiger befriedigt - etwa Banken, Beschäftigte oder Lieferanten. Erst wenn deren Forderungen vollständig ausgeglichen sind und noch Geld übrig ist, können Inhaber von Genussscheinen mit Zahlungen rechnen. "Je früher sich ein Unternehmen mit dem Gedanken einer Insolvenz beschäftigt, desto größer sind allerdings die Chancen, Unternehmenswerte zu retten und das Unternehmen erfolgreich zu sanieren", sagt der Insolvenzverwalter Christoph Niering.

Warum stecken Anleger ihr Geld in riskante Finanzprodukte?

Mit bis zu acht Prozent Zinsen lockt Prokon. Angesichts der derzeitigen Minizinsen für Sparbuch und Co. scheint dies auf den ersten Blick ein lukratives Geschäft zu sein. Doch in der Regel gilt: Je höher die Zinsen, desto größer ist auch das Risiko. Zudem stellte das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein bereits 2012 fest, den Verbrauchern werde vorgetäuscht, die Anlage sei ebenso sicher wie ein Sparbuch. Doch die Anleger ließen sich davon offenbar nicht beirren. "Das Unternehmen hat in der Vergangenheit Zinsen gezahlt, da glaubten viele an das Produkt und nicht den Kritikern", sagt Nauhauser.

bak/DPA / DPA