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Ebay: Drei, zwei, eins ... kostenfrei!

Bei Ebay zahlen Privatverkäufer keine Eröffnungsgebühren mehr. Das Internetauktionshaus erfindet sich neu. Nicht ganz freiwillig.

Von Silke Gronwald

Hinter der großen, verstaubten Schaufensterscheibe war einmal ein kleiner Sportladen. Es ist noch nicht lange her, da standen hier Skier, Laufschuhe und Tennisschläger - und vor der Tür die Autos der Kunden Schlange. "Die ganze Straße war zugeparkt", erinnert sich der Ladenbesitzer Jan Otto, "und alle wollten zu uns. Die Leute fuhren extra aus Kiel, Flensburg und Hamburg bis nach Rabenkirchen, um bei uns einzukaufen."

Heute kommt keiner mehr zu Sport- Otto. Dort, wo einst das Geschäftsschild hing, ist nur noch ein Rahmen aus Schmutz zu sehen. Auf den Weiden links und rechts grasen ein paar Kühe, von einem der umliegenden Bauernhöfe kräht ein Hahn. Sonst ist es still in Rabenkirchen, dem 600-Seelen- Dorf in Schleswig-Holstein, rund 50 Kilometer südlich der dänischen Grenze.

Sport-Otto ist kein Einzelfall. Jedes Jahr geben in Deutschland mehrere Tausend Einzelhändler auf. Weil die Konkurrenz zu stark oder der Weg für die Kunden dann doch zu weit wird. Damit ist die Geschichte normalerweise zu Ende. Bei Sport-Otto allerdings fing sie erst richtig an: Sohn Jan, 23, und Vater Norbert Otto, 59, haben ihren Laden ins World Wide Web verlegt. Nun verkaufen sie ihre Inlineskates und Skier im Internetauktionshaus Ebay. Eine Million Euro Umsatz machen die Ottos heute und zählen damit zu den größten deutschen Sportartikelhändlern bei Ebay.

Fabrikneue Ware

Ebay ist längst nicht mehr der virtuelle Flohmarkt, über den Privatleute den Ramsch vom Dachboden verhökern, sondern ein riesiges virtuelles Schaufenster für professionelle Händler. Mit fabrikneuer Ware, die per Sofortkauf direkt an den Mann gebracht werden soll. Und zum Leidwesen vieler Kunden auch nicht automatisch billiger als anderswo.

Die privaten Verkäufer, die einst den Charme des Auktionshauses ausmachten, die mit ihren teils skurrilen Angeboten Schnäppchenjäger und Sammler anzogen, die immer für einen Überraschungsfund gut waren: Sie sind auf dem Rückzug. Abgeschreckt von hohen Gebühren, ungeklärten Rechtsverhältnissen und der Dominanz der sogenannten Powerseller, erfahrener Großverkäufer, die ihre Produkte zu Kampfpreisen im Internet feilbieten.

Bei Sport-Otto verlassen täglich rund 150 Pakete den Hof. Der einstige Laden ist bis unter die Decke vollgestopft mit allem, was die Trendsport-Industrie an Neuigkeiten produziert. Am Boden stapeln sich lange Kartonreihen mit Eishockeystiefeln, darüber Skateboards in allen Variationen, Volleybälle, Wanderstöcke; und ganz oben im Regal, fast unter der Decke, quetschen sich Hunderte von Hightech- Schlafsäcken. 8.500 unterschiedliche Artikel gehören zum Sortiment. Das alte Geschäft reicht als Stauraum schon lange nicht mehr. Die Ottos mieteten drei weitere Hallen im Ort an. Und so lagern allein in einem ehemaligen Schweinestall Sportgeräte im Wert von bis zu 40.000 Euro. Um die Massen ranzuschaffen und den ständigen Nachschub zu sichern, leisten sich die Ottos einen eigenen Laster samt Fahrer.

Professionalisierung bereitet Ebay Probleme

Und damit der 40-Tonner bei Regenwetter nicht im Schlamm stecken bleibt, ließen die Ottos die kleine enge Straße vor dem Lager auf eigene Kosten verbreitern. Ist im Winter der Weg mal verschneit oder vereist, dann rücken Bauern bereitwillig mit ihren Traktoren an und schaufeln für den Ebay-Händler den Weg frei. Ein Akt der Solidarität in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft - aber auch ein Stück Eigennutz. Immerhin haben rund 20 Rabenkirchener bei Sport-Otto einen Teilzeitjob gefunden. Sie laden den Laster ab, stellen die Pakete mit den Lieferungen zusammen, packen und verkleben alles transportsicher, sitzen vor dem Computer, beantworten die Mails der Ebay-Kunden.

"Wenn Sie nicht wirklich professionell sind, haben Sie keine Chance", sagt auch Ulrike Kalb. Die 26-Jährige aus dem bayerischen Dingolfing betreibt einen Internetbaumarkt. Bohrmaschinen, Werkbänke, Kettensägen von Metabo, Bosch und Einhell beherrschen die Arbeitswelt der gelernten Kosmetikerin und Steuerfachgehilfin. Vor fünf Jahren hat sie den Shop aufgemacht und seitdem viel über den Onlinehandel gelernt. "Wer heute noch eine Marktlücke sucht, hat eigentlich keine Chance mehr. Die Felder sind fest abgesteckt und in den Händen gewerblicher Händler."

Doch genau diese Professionalisierung bereitet dem Milliardenkonzern Ebay gewaltige Probleme. Der einstige Flohmarktcharakter des Unternehmens ist weg - und mit ihm der Spaß für die Kunden. Durch den Trend zum Angebot von Neuware mit Festpreis befindet sich das Auktionshaus auf dem Weg zu einer Preissuchmaschine. Aber davon gibt es schon genug im Internet. Viele Analysten meinen, Ebay habe seinen Zenit überschritten. Der Wert der Aktie halbierte sich seit ihrem Höchststand Ende 2004, und Anzeichen für einen neuen Höhenflug sind nicht in Sicht. Die Fantasie ist raus aus dem Papier.

Neue Website

Nun soll der neue Amerika-Chef des Unternehmens, John Donahoe, den drohenden Verfall stoppen. Mit zahlreichen Neuerungen will der Manager wieder Schwung auf den Marktplatz bringen. Geplant sind Einschnitte, die zu den radikalsten in der Geschichte des Auktionshauses zählen. Angefangen von einer neu aufgebauten Website über eine komplett veränderte Kostenstruktur bis hin zu einem reformierten Bewertungssystem.

Und um vor allem wieder mehr private Verkäufer anzulocken, hat das Auktionshaus seit Februar die pauschalen Einstellgebühren abgeschafft. Die Eröffnung einer klassischen Ebay-Auktion mit einem Startpreis von einem Euro ist für Privatpersonen nun kostenlos. "Viele Leute hat die Vorstellung abgeschreckt, dass Kosten entstehen, auch wenn sie auf ihrem Artikel sitzen bleiben", sagt Deutschland-Chef Stefan Groß-Selbeck. Im Gegenzug steigt allerdings die Verkaufsprovision deutlich. Mussten die Verkäufer bislang zwischen zwei und fünf Prozent des erzielten Preises an Ebay abgeben, sind es nun bis zu acht Prozent.

Und für alle deutschen Profi-Händler macht es Donahoe richtig kompliziert. Erstmals gilt für sie ein eigenes differenziertes Gebührenmodell. Die rund 12.000 gewerblichen Verkäufer, die zum Teil einen Großteil ihres Lebensunterhaltes mit Ebay verdienen, müssen ihre Waren in verschiedene Produktkategorien einteilen. Einstellgebühr und Provision richten sich dann nach der Gewinnmarge der jeweiligen Kategorie.

Zurück zu den Wurzeln

Die Powerseller, Ebays treueste und wichtigste Partner, reagieren empört auf die Neuerungen und drohen mit Boykott. Besonders ärgert sie das einseitige Bewertungssystem. Ab Juni 2008 dürfen die Händler ihre Kunden nicht mehr negativ beurteilen, sondern nur noch positiv oder gar nicht. Ebay will damit Käufer vor sogenannten Rachebewertungen schützen. Das heißt, wer mit einem Artikel unzufrieden ist und Kritik übt, soll keine Angst haben, im Gegenzug ebenfalls einen negativen Kommentar zu kassieren. "Wir möchten sicherstellen, dass Käufer ihre Geschäftspartner ehrlich und zutreffend bewerten", sagt Groß-Selbeck.

Powersellerin Ulrike Kalb befürchtet jedoch, durch die Einseitigkeit erpressbar zu werden. "Schwarze Schafe können die neue Regelung leider ausnutzen und den Verkäufern mit negativem Feedback drohen." Wie leicht das geht, hat die Niederbayerin erlebt, als ein Kunde mehrere elektrische Garagentorantriebe bei ihr bestellte. Kaum war die Ware geliefert, wollte der Mann noch ein rund zwölf Euro teures Zubehörteil, einen Innentaster, haben - gratis versteht sich, andernfalls gäbe es eine schlechte Note. Ulrike Kalb ließ sich auf den erpresserischen Deal nicht ein. "Seitdem trage ich zwei negative Bewertungen von diesem Käufer in meinem Profil mit mir herum." Doch jede negative Stimme kostet Kunden. Und wer weniger als 98 Prozent positive Käuferbewertungen hat, verliert zudem seinen Powerseller-Status und damit zahlreiche Vergünstigungen bei Ebay.

Die Strategie des neuen Ebay-Chefs Donahoe ist klar: zurück zu den Wurzeln und den alten Charme des Hauses wiederbeleben - auch wenn dies auf Kosten der Profi-Händler geht.

Ebay als Rettung

Weiterhin ungelöst bleibt jedoch eine ganze Reihe ungeklärter rechtlicher Fragen. Ab wann etwa ist ein Verkäufer eigentlich ein gewerblicher Verkäufer? Muss ein Privatanbieter Umtausch und Rückgaberechte gewähren? Findige Rechtsanwälte haben in dieser juristischen Lücke bereits eine lukrative Einnahmequelle entdeckt und überziehen Händler, deren Angaben nicht einwandfrei formuliert sind, mit Abmahnungen.

Bernd Willmers beispielsweise kürzte in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen seinen Vornamen mit B. ab. Schon kassierte er eine Abmahnung über mehrere Hundert Euro. Begründung: "Es ist nicht zu erkennen, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Verkäufer handelt." Als ob es darauf ankäme.

Bevor der gelernte Hutmacher sein Geschäft ins Internet verlegte, hatte er, wie schon sein Vater und Großvater vor ihm, in Köln einen Hutladen. Irgendwann konnte er allerdings die Kunden an den Fingern seiner rechten Hand abzählen. "Vor allem junge Leute hatten regelrechte Schwellenangst. Selbst wenn wir coole Mützen für HipHopper im Angebot hatten - Leute unter 20 haben sich nicht in den Laden getraut."

Goldgräberzeiten im Internet vorbei

Als kurz nach der Jahrtausendwende das Ladenlokal abgerissen wurde, weil es einem Einkaufscenter weichen musste, versuchte Willmers gar nicht erst, ein neues anzumieten. Stattdessen stopfte er Keller und Garage seines Einfamilienhauses in Troisdorf mit den übrigen Kopfbedeckungen voll und setzte sich an den Computer. Heute verkauft er seine Westernhüte bis nach Ghana, und seine strassbesetzten Lederkappen liefert er innerhalb weniger Tage selbst in die entlegensten Winkel Europas.

Doch auch wenn die virtuellen Händler Absatz- und Umsatzrekorde feiern, am Ende des Tages bleiben bei vielen nur Centbeträge in der Kasse hängen. Die Goldgräberzeiten im Internet sind vorbei. Und weil der nächste Konkurrent immer nur einen Mausklick weit entfernt ist, tobt unter den Verkäufern ein gnadenloser Preiskampf.

Wegen der niedrigen Gewinnmargen muss selbst ein Topverkäufer wie Sport-Otto sparen, wo es nur geht. "Fast täglich gibt es irgendeinen Shop im Netz, der seine Sachen noch billiger losschlägt. Oft unter Einstandspreis, vielleicht weil er gerade sein Lager leer räumen muss oder weil er ganz aufgibt." Zusätzlich zehren die hohen Ebay-Gebühren an den ohnehin schon mageren Profiten. So mancher Händler versucht deshalb seine Abhängigkeit zu reduzieren und die Waren ohne den Auktionskonzern zu verkaufen - im eigenen Shop oder auf Auktionsplattformen wie hood.de oder auvito.de. Doch ganz ohne Ebay geht es bei den meisten nicht. Noch nicht.

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