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Finanzmarktkrise: "Banken haben den Überblick verloren"

Die Börsen kommen nicht zur Ruhe, die Finanzkrise belastet weiter die Märkte. Im stern.de-Interview spricht Anlageexperte Gottfried Heller über Kreditinstitute, die den Überblick verlieren, über Sinn und Unsinn von Hedgefonds sowie über die Gefahren niedriger Zinsen.

"So lange die Geschäfte immer weiter laufen, bringen sie Rendite. Stoppt die Musik, also der Fluss des Geldes, gibt es Turbulenzen"

"So lange die Geschäfte immer weiter laufen, bringen sie Rendite. Stoppt die Musik, also der Fluss des Geldes, gibt es Turbulenzen"

Herr Heller, wie kam es aus Ihrer Sicht zu den Problemen am weltweiten Finanzmarkt, die am Wochenende das Ende der SachsenLB beförderten? Sie musste sich aus reiner Not von der Baden-Würtembergischen Landesbank kaufen lassen

Die Banken und Hedgefonds haben einfach den Überblick über ihre Risiken verloren. Sie wissen zu keinem Zeitpunkt, wo sie genau stehen. Sie haben sich diese Probleme selbst geschaffen, indem sie Risiken ständig neu verpackt haben. Diese wurden dann von Ratingagenturen wie S&P oder Moody's bewertet - oft als ganzes viel besser als die Summe ihrer Teile wirklich war. Solche Pakete sind Black-Boxes und eigentlich nicht marktfähig. Niemand kennt die eigentlichen Schuldner. Trotzdem wurden sie im großen Stil verkauft.

Die Produkte haben komplizierte Namen: Sie heißen "Collateraliized Debt Obligation" (CDO) oder "Asset Backed Securities" (ABS). Kennen wenigstens Sie als Experte die Unterschiede solcher Papiere?

Die Unterschiede zwischen diesen Papieren kenne ich schon: ABS ist der Oberbegriff für verbriefte, besicherte Wertpapiere. CDO bedeutet besicherte Schuldverschreibungen, besonders im Immobilienbereich. Über die Qualität der Sicherheiten sagen diese Begriffe allerdings nichts aus. Ich würde sie deshalb nicht anfassen, weil sie Finanzkreationen sind, deren Wert nicht durch Angebot und Nachfrage am Markt entstanden ist, sondern von einem Computermodell errechnet wurde. Fakt ist jedenfalls: Solche Finanzprodukte haben dafür gesorgt, dass die Zinsspanne zwischen guten und schlechten Kreditrisiken immer kleiner geworden ist. Am Ende haben unsichere Schuldner kaum mehr für ihre Kredite zahlen müssen, als erstklassige. Das ist in höchstem Maße gefährlich und endet verlustreich, wie wir gerade sehen.

Hat auch das niedrige Zinsniveau insgesamt geschadet?

Ja. Extrem niedrige Zinsen in Japan haben so genannte "Carry Trades" erst möglich gemacht: Kredite wurden in japanischen Yen zu Zinsen nahe Null aufgenommen, in andere Währungen getauscht und in Märkten mit höheren Zinsen, etwa in Neuseeland oder Australien wieder angelegt. Das ist wie beim Spiel "Reise nach Jerusalem": So lange die Geschäfte immer weiter laufen, bringen sie Rendite. Stoppt die Musik, also der Fluss des Geldes, gibt es Turbulenzen bei den Wechselkursen - und die Verluste häufen sich.

Momentan versuchen weltweit Notenbanken mit hunderten von Milliarden Euro und Dollar, die Krise zu stoppen. Haben sie Erfolg?

Mit der Geldpresse kann man das Bankensystem stabilisieren und den Geldkreislauf aufrechterhalten. Viele Hedgefonds werden dabei allerdings Pleite gehen. Ihnen werden die Notenbanken nicht helfen.

Sie scheinen darüber nicht besonders traurig zu sein?

Die Hedgefonds mischen in allen Bereichen des Marktes mit. Sie müssten stärker kontrolliert werden. Finanzminister Peer Steinbrück wollte bei den G8-Finanzministern strengere Regeln für sie durchsetzen. Aber er ist an seinen Kollegen aus England und den USA gescheitert. In diesen Ländern wird ein wesentlicher Teil des Bruttoinlandsproduktes von der Finanzindustrie, darunter viele Hedgefonds, erwirtschaftet.

Diese Staaten würden sich ins eigene Fleisch schneiden?

Genau. Deswegen werden uns die Probleme mit diesen gefährlichen Finanzerfindungen erhalten bleiben. André Kostolany hat mal gesagt: "Hedgefonds sind ein doppelter Etikettenschwindel: Sie sind weder richtige Fonds, noch sind sie gehedgt." Sie machen Investments, die bis zu 90 Prozent kreditfinanziert sind. Fällt der Wert der Investition um zehn Prozent, haben sie 100 Prozent Verlust. Nachdem schon einige Hedgefonds Pleite gegangen sind und weitere folgen werden, dürften ihre Geschäfte in Zukunft eher schlecht laufen. Der Markt ist ein besserer Regulierer als die Politik.

Interview: Jan Boris Wintzenburg