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Vorzeitiger Ruhestand: Kann man mit 50 aufhören zu arbeiten - ohne Einbußen? Wir haben es durchgerechnet

Früher aufhören zu arbeiten und nur noch vom Ersparten leben - ohne sich beim Konsum einschränken zu müssen. Das ist der Traum vieler. Aber wie realistisch ist das? Wir haben es von Experten durchrechnen lassen.

Nie mehr arbeiten müssen - ein Traum oder machbar?

Nie mehr arbeiten müssen - ein Traum oder machbar?

Getty Images

Das Thema finanzielle Unabhängigkeit und vorzeitiger Ruhestand hat sich in letzter Zeit zum Trendthema entwickelt. In den USA hat sich dafür der knackige Begriff "FIRE" etabliert, was für "Financial Independence, Retire Early" (Finanzielle Unabhängigkeit und vorzeitiger Ruhestand) steht. Im Netz gibt es haufenweise Blogs und Foren, die sich mit der Frage befassen, wie man es schafft, mit 40 oder 45 Jahren mit dem Arbeiten aufzuhören und nur noch von seinem Ersparten zu leben.

Auch in Deutschland verfolgt eine wachsende Community den Traum, nicht bis 67 arbeiten zu müssen und vorzeitig aus dem Hamsterrad auszusteigen. Hierzulande hat sich dafür der Begriff "Frugalismus" durchgesetzt. Frugal leben heißt im Wortsinn "einfach, bescheiden leben", was sich erstmal ziemlich cool anhört. Allerdings könnte man anführen, dass auch Hartz-IV-Empfänger ein frugales Leben führen - wenn auch nicht freiwillig.

Sehen Sie im Video: "Mit 30 oder 40 in Rente gehen – so kann es funktionieren"

Alternatives Lebensmodell: Mit 30 oder 40 in Rente gehen – so kann es funktionieren

Damit der Traum vom vorzeitigen Ruhestand nicht auf Hartz-IV-Niveau endet, müssen Frugalisten also erst einmal eine beträchtliche Summe Geld ansparen, bevor sie dem Arbeitsleben Adieu sagen. Deshalb spielt bei allen Fire-Fans und Frugalisten auch der Begriff des "passiven Einkommens" eine große Rolle. Die Idee ist, dass man in den Jahren, die man arbeitet, soviel Geld zurücklegt, dass man anschließend allein vom Ersparten und den Zinsen leben kann.

Erst sparen, dann den Job kündigen

Aber kann diese Rechnung überhaupt aufgehen? Der Online-Vermögensverwalter Growney hat für den stern Szenarien durchgerechnet, die zeigen, unter welche Bedingungen es tatsächlich möglich ist, früher aus dem Arbeitsleben auszusteigen und den Lebensstandard auf dem gleichen Niveau zu halten.

Da es für einen Normalverdiener kaum möglich ist, ohne extreme Verrenkungen bis 40 einen ausreichenden Betrag zu sparen, setzen wir als Ziel den vorzeitigen Ruhestand mit 50 Jahren.

Um das Gedankenexperiment nicht zu überfrachten, treffen wir zudem einige vereinfachende Annahmen. So betrachten wir zunächst einen vollzeitbeschäftigten Normalverdiener - Single, konfessionslos, wohnhaft in einem westdeutschen Bundesland - mit einem Bruttogehalt von 3771 Euro (2324 Euro netto). Um das Rechenbeispiel einfacher zu halten gehen wir davon aus, dass er oder sie mit 25 Jahren anfängt zu arbeiten und sein gesamtes Berufsleben - bis zu seinem 50. Geburtstag - das gleiche Gehalt bekommt. Die ersten fünf Jahre seines Berufslebens gibt er sein gesamtes Netto-Gehalt von 2324 Euro für Konsum aus - für ein Auto, Möbel für die erste Wohnung, was man halt so braucht.

Mit 30 kommt er auf den Trichter, dass er nicht bis zur Rente arbeiten will und fängt an, zu sparen. Sein Ziel ist es, über 20 Jahre jeden Monat so viel zur Seite zu legen, dass er mit 50 aufhören kann, zu arbeiten. Dabei will er sich bis zu seinem erwarteten Ableben mit 87 Jahren finanziell nicht einschränken müssen - und weiterhin jeden Monat den gleichen Betrag für Konsum zur Verfügung haben.

Grafik: Mit 50 in Rente - erst Vermögen aufbauen und dann verbrauchen

Grün: Mit 30 Jahren fängt unser Normalverdiener an zu sparen und hat bis zu seinem 50. Geburtstag ein Vermögen von rund 300.000 Euro angespart. Rot: Bis zum offiziellen Renteneintritt mit 67 lebt er ausschließlich von den Ersparnissen und verbraucht einen Großteil davon. Blau: Mit dem Rest der Ersparnisse bessert er bis zu seinem erwarteten Ableben mit 87 die staatliche Rente auf. Über den gesamten Zeitraum (von 30 bis 87 Jahren) hat er jeden Monat den gleichen Betrag von 1607 Euro zur Verfügung.

Grün: Mit 30 Jahren fängt unser Normalverdiener an zu sparen und hat bis zu seinem 50. Geburtstag ein Vermögen von rund 300.000 Euro angespart. Rot: Bis zum offiziellen Renteneintritt mit 67 lebt er ausschließlich von den Ersparnissen und verbraucht einen Großteil davon. Blau: Mit dem Rest der Ersparnisse bessert er bis zu seinem erwarteten Ableben mit 87 die staatliche Rente auf. Über den gesamten Zeitraum (von 30 bis 87 Jahren) hat er jeden Monat den gleichen Betrag von 1607 Euro zur Verfügung.

Für die Modellrechnung bedeutet dies, dass er von seinen 2324 Euro netto rund 717 Euro sparen muss und 1607 Euro ausgeben kann. An seinem 50. Geburtstag hat er so ein Vermögen von rund 300.000 Euro angespart. Bis zum Renteneintritt mit 67 lebt er ausschließlich von seinen Ersparnissen und hebt weiter jeden Monat 1607 Euro von seinem Konto ab. Zudem muss er sich in dieser Zeit selbst krankenversichern. Ab dem 67. Geburtstag erhält er eine staatliche Rente von 1254 Euro im Monat und muss nur noch die Hälfte der Krankenversicherung selbst bezahlen. Die restlichen Ersparnisse reichen, um den zur Verfügung stehenden Betrag jeden Monat auf die gewohnten 1607 Euro aufzustocken - und zwar bis zum Tod mit 87 Jahren (siehe Grafik). 

Wie kommt man auf die Sparsumme?

Entscheidend für das Gelingen des Plans ist, dass unser freiwilliger Frührentner bis zu seinem Abschied aus dem Erwerbsleben tatsächlich genug gespart hat. Das kann nicht mit einem Tagesgeldkonto funktionieren, sondern nur mit einer risikoreicheren Anlageform. Unser Beispiel-Frugalist investiert seinen kompletten Sparbetrag in Aktien-ETF, also einen breitgefächerten Aktienfonds, der die Entwicklung eines Indizes nachbildet.

Auf Grundlage der jahrzehntelangen Entwicklung der Aktienmärkte rechnen die Experten von Growney mit einer Rendite von 5,65 Prozent, wobei ein Abschlag für die Inflation (2 Prozent) und Kosten von 1 Prozent bereits einberechnet sind. Allerdings ist die angepeilte Rendite bei einer zu 100 Prozent auf Aktien ausgerichteten Anlage keinesfalls sicher, da die Aktienmärkte schwanken.

Wer sich lieber nicht vollständig den Launen der Aktienmärkte ausliefern will, muss seinem Depot sicherere Anlageformen wie Anleihen beimischen. Das verringert die Schwankungen, senkt aber auch die zu erwartende durchschnittliche Rendite. Die Experten von Growney haben daher auch verschiedene Szenarien durchgerechnet, wie viel man monatlich sparen müsste, wenn man von geringeren Renditen ausgeht. Die Tabelle zeigt, wie sich in der Rechnung die monatliche Sparrate und der zur Verfügung stehende Konsumbetrag ändern, wenn man von geringeren Renditen ausgeht.

Im Ergebnis hat unser Normalverdiener je nach Szenario einen lebenslangen monatlichen Betrag von ungefähr 1300 bis 1600 Euro zur Verfügung. Wenn man bedenkt, dass man davon nicht nur Nahrung und Kleidung kaufen muss, sondern auch sämtliche fixen Lebenshaltungskosten wie Miete und Versicherungen begleichen sowie Anschaffungen wie ein neues Notebook begleichen muss, ist das nicht allzu viel.

Komfortabler wird die Situation nur, wenn man entweder mehr verdient und somit auch mehr sparen kann oder auf anderem Wege zu Geld kommt, zum Beispiel durch eine Erbschaft. Daher haben wir alle Rendite-Szenarien noch für zwei weitere Beispielfälle durchrechnen lassen. Für einen sehr gut Verdienenden mit einem Bruttoeinkommen von 7540 Euro sowie für einen Normalverdiener, der mit 30 Jahren 100.000 Euro erbt und somit nicht bei Null anfängt zu sparen.

Die Beispielrechnungen zeigen, dass der Gutverdiener wesentlich mehr Geld sparen kann und einen wesentlich höheren Konsumbetrag zur Verfügung hat. Der Normalverdiener mit der Erbschaft dagegen müsste wesentlich weniger Geld aus seinem laufenden Einkommen zur Seite legen und hätte trotzdem einen höheren Betrag zur Verfügung als sein Kollege ohne Erbschaft. 

Modellrechnungen für Ausstieg mit 50 Jahren

Annahme: Die betrachteten Personen beginnen jeweils im Alter von 25 Jahren zu arbeiten und sparen vom 30. bis zum 50. Geburtstag. Alle Angaben in Euro.

 Einkommen (brutto)Einkommen (netto)Rentenpunkte nach 5 ArbeitsjahrenRente
Normales Gehalt377123247,331254
Hohes Gehalt7542423710,492320

Szenario 1: Rendite 5,65 Prozent (mit 100 Prozent Aktien)

 SparrateKonsumbetraggesparter Betrag mit 50
Normales Gehalt7171607304.915
Hohes Gehalt13172920559.781
Normales Gehalt plus 100.000 Euro Startkapital2032121449.996


Szenario 2: Rendite 4,14% (70% Aktien, Rest Anleihen)

 SparrateKonsumbetraggesparter Betrag mit 50
Normales Gehalt8131511294.882
Hohes Gehalt14972740542.918
Normales Gehalt plus 100.000 Euro Startkapital4131911428.188


Szenario 3: Rendite 2,86% (mit 50 Prozent Aktien)

 SparrateKonsumbetraggesparter Betrag mit 50
Normales Gehalt9021422286.820
Hohes Gehalt16562581526.349
Normales Gehalt plus 100.000 Euro Startkapital5821742405.863


Szenario 4: Rendite 1,38% (30 Prozent Aktien)

 SparrateKonsumbetraggesparter Betrag mit 50
Normales Gehalt9881336270.922
Hohes Gehalt18112426496.506
Normales Gehalt plus 100.000 Euro Startkapital7441580371.958


Szenario 5: Rendite 0,57% (20 Prozent Aktien)

 SparrateKonsumbetraggesparter Betrag mit 50
Normales Gehalt10301294261.164
Hohes Gehalt 18772360475.670
Normales Gehalt plus 100.000 Euro Startkapital8221502352.391

Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels war das monatliche Nettoeinkommen des Modell-Normalverdieners fälschlicherweise mit 2555 Euro statt 2324 Euro angegeben. Wir haben die Rechnungen nachträglich korrigiert.

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