Italien "Dolce far niente" wird zu teuer


Die Italiener stöhnen: Da haben sie nun tausende Kilometer Strand, quasi direkt vor der eigenen Haustür, doch sie können die lauschigen Plätzchen immer seltener genießen. Der Grund ist leider so banal wie bitter.

Gesegnet ist "Bella Italia" mit mehr als 7000 Kilometern Küste, mit feinen Sandstränden und lauschigen Plätzchen am Meer von Ligurien bis an Siziliens Südspitze. Doch immer öfter bremst der Kassensturz in der warmen Jahreszeit so manchen Italiener in seinem Drang zum "dolce far niente" am Wasser. Denn der Strand ist für ihn zu einem teuren Pflaster geworden, und der Ausflug ans Meer wird in dieser Saison zu einem noch kostspieligeren Vergnügen: Für Liege und Sonnenschirm müssen pro Tag 21 Euro berappt werden, und der Eintritt in ein Strandbad ist auf 7 Euro hochgeschnellt. Das ist happig, viele können sich das schon längst nicht mehr leisten.

Strandbesuch für 60 Europ

Finanzieller Aderlass in Zeiten schwindsüchtiger Kaufkraft, um doch sonnengebräunt im Büro auftrumpfen zu können? "Das geht ganz schön ins Geld, ich kann mir das mit meiner Freundin nicht mehr leisten", klagt der römische Angestellte Giuseppe und macht die Rechnung auf: Das in Italien übliche Strandbad mit den Duschen, Umkleidekabinen und sonstigen Service-Leistungen summiert sich nur zu einem Drittel der Kosten für einen klassischen Strandtag. Denn mit einem kleinen Mittagessen, wie es für einen Italiener sein muss, einer Flasche Mineralwasser, dem Benzin und den Parkplatzgebühren kommen schon mehr als 60 Euro zusammen - ohne Gelato und Espresso!

Auf die Strandbarrikaden gehen Italiens Verbraucherverbände wie Federconsumatori und Codacons, denn die Preise haben sich seit 2001 praktisch verdoppelt. Und die galoppierende Teuerung der jüngsten Zeit mit der Spirale der Tankstellenpreise samt der in diesem Jahr um 13 Prozent höheren Leihgebühr für die Sonnenliege und den Schirm treffen in Zeiten stagnierender Wirtschaft extrem hart. Eine Woche am Meer kostet für eine vierköpfige Familie, die im Auto in Urlaub fährt, in diesem Jahr alles in allem 3100 Euro, errechneten Experten - das sind fast 200 Euro mehr als im heißen Sommer 2007. Was also tun? Die Temperaturen steigen, und da drängt es doch alle ans Meer!

"Bleichgesichter" in Roms Gassen

Immer mehr "Bleichgesichter" dürften also durch die römischen Gassen laufen, meint zumindest die Hauptstadtzeitung "La Repubblica" - und ist sicher, dass die Italiener den beliebten Strandausflug zwar niemals ganz abschreiben, aber deutlich verkürzen müssen. Zumal doch auch Pasta, Pane und Pizza im Preis abheben. Schon jetzt nimmt fast jeder zweite Italiener nicht seine ganzen Ferien, oder genauer: er kann gar nicht so viel verreisen. Und jeder Siebte arbeitet auch in seiner Urlaubszeit. Touristinnen aus dem hohen Norden müssen also hoffen, dass wenigstens der legendäre "Latin Lover" noch genügend Zeit und Kleingeld hat, um an der Adria oder auf Capri aufzutauchen.

All den verlockenden Traumstränden fernab zum Trotz bleibt, wer sich Urlaub leisten kann, doch am liebsten im Land. Gebucht wird erst nach akribischen Preisvergleichen, berichten Reisebüros. Und dann peilen sie Sardinien und Sizilien an, die Toskana, Kampanien und Apulien - alles mediterrane Spitzenregionen mit viel Strand.

Von Hanns-Jochen Kaffsack/DPA DPA

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