Jugendliche Schulden sind kein Kinderspiel


Noch nie hatten Kinder und Jugendliche so viel Geld zur Verfügung wie heute - und zugleich so viele Schulden. In Nordrhein-Westfalen lernen Jugendliche den Umgang mit Geld jetzt in der Schule.

Whow - so viel Geld. Corinna und ihre fünf Freunde aus der Edison-Förderschule in Köln stürzen sich auf den Haufen Scheine, fangen sofort an zu zählen. Bei der schmächtigen Zehnjährigen sieht das schon ziemlich professionell aus: Mit flinkem Daumen lässt sie die Banknoten durch die Hände gleiten. Bündel für Bündel. Zu dumm, dass alles nur Spielgeld ist. So viel echtes Geld hat Corinna sonst nicht in den Fingern. "Seit ein paar Wochen gibt's weniger Taschengeld", seufzt sie. "Ich glaube, das liegt daran, dass wir drei Geschwister sind." Trotzdem spart Corinna schon für größere Anschaffungen. Meist legt sie etwas von dem zurück, was ihr die Oma sonntags zusteckt. Das Ziel: ein Gameboy. Und, wie viel Euro braucht sie noch? "Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wie viel der kostet. Aber ich will einen haben."

So wie hier in Köln-Ost-heim startet jetzt an 16 Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen das "Money & Kids"-Projekt (MoKi), ein Geldunterricht an der Grundschule. Der Anlass: Noch nie hatten Kinder und Jugendliche in Deutschland so viel Geld - und doch mangelt es an ihnen an Wissen, wie man damit umgeht. "Es ist wichtig, dass wir schon Grundschulkindern beibringen, wie man sein Geld richtig einteilt", sagt NRW-Verbraucherschutzminister Eckhard Uhlenberg (CDU). "Nur so können wir sie vor der Schuldenfalle im Erwachsenenalter bewahren."

Die Gespräche auf dem Schulhof drehen sich auch bei den Kleinsten schon um Konsumwünsche, etwa Computerspiele oder "Baby-born"-Puppen. "Diese Wünsche werden immer extremer", sagt Erzieherin Anke Schmucker. Viele Eltern versuchen, die Sehnsüchte ihrer Kids zu erfüllen - auch wenn das den finanziellen Rahmen sprengt. "Aber das trauen sich die Eltern nicht zu sagen. In vielen Familien ist Geld noch immer ein Tabuthema", sagt Schmucker.

Der Bundesverband Deutscher Banken bestätigt, dass es unter Jugendlichen einen enormen Nachholbedarf beim Wissen rund um die Finanzen gibt: Fast die Hälfte aller 14- bis 24-Jährigen gibt zu, sich in Geldfragen gar nicht auszukennen. Mehr als zwei Drittel beschäftigen sich nur wenn unbedingt nötig mit dem Thema.

Ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Schuldnerberatungen und Sozialverbänden hat zusammen mit der Landesregierung die Initiative "Finanzkompetenz NRW" ins Leben gerufen und die Lernmaterialien erarbeitet. Zweimal in der Woche wird nun Anke Schmucker, die früher Versicherungskauffrau gelernt hat, als Geldspezialistin zur Lehrerin. Sie bastelt etwa mit jedem Schüler einen Taschengeldkalender, eine Art Haushaltsbuch für den Schulranzen. Oder sie geht mit der Klasse zum Supermarkt und zum nächsten Kiosk, um die Preise für Kartoffelchips zu vergleichen.

Anhand von "Familie Muster" erklärt Schmucker, welche Einkommensquellen eine Familie überhaupt haben kann. Neben "Gehalt" kommen dabei auch Begriffe wie "Unterhalt" und "Stütze" vor. Bei vielen Kindern gehören sie längst zum Alltag, doch ihre genaue Bedeutung kennen die wenigsten. "Die soziale Herkunft spielt bei Überschuldung eine wichtige Rolle", sagt Dieter Korczak, Leiter der GPF, einer Münchner Forschungsstelle, die sich auf Geldfragen spezialisiert hat. "Familien mit Sozialhilfe-Vergangenheit geraten schneller in Überschuldungssituationen."

Kinder und Jugendliche sind eine überaus solvente Käufergruppe. 2005 konnten die Sechs- bis Zwölfjährigen knapp 1,5 Milliarden Euro an Taschengeld und Geldgeschenken ausgeben. Mit Nebenjobs kamen die Jugendlichen gar auf 5,1 Milliarden Euro, so eine GPF-Studie. Mit dem Geld wachsen die Wünsche - allerdings meist noch schneller: Zwischen sechs und zwölf Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben sich bereits Geld geliehen, das sie nicht sofort zurückzahlen können. Die Schutzgemeinschaft für Kreditsicherung (Schufa) verzeichnet für die bei ihr gemeldeten 18- und 19-Jährigen bereits Schulden von im Schnitt 3500 Euro.

Weil Jüngere noch keinen Kredit von der Bank bekommen, leihen sie sich Geld vor allem bei Eltern und Freunden. "Zwar sind die meisten Minderjährigen mit weniger als 800 Euro verschuldet. Aber das ist doch schon eine ganze Menge", sagt Helga Springeneer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin. Coole Kleidung, Schuhe, PC-Spiele und Fastfood sind die beliebtesten Kaufobjekte. Mit dem 18. Geburtstag wird es dann brisant: Der Türkeiurlaub mit dem ersten Freund, die tollen Schuhe oder die neue Stereoanlage - all das geht ab jetzt mit einer simplen Unterschrift auch auf Raten. Für viele Jugendliche, die unvorbereitet mit solchen Verlockungen konfrontiert werden, beginnt so eine fatale Schuldenspirale.

Den größten Batzen Geld verschlingt in der Regel das Handy. Rund 250000 junge Erwachsene führt die Schufa bereits wegen Handyschulden. "Manchmal schließen sogar schon Jugendliche mit dem Einverständnis ihrer Eltern einen Handyvertrag ab", kritisiert Helga Springeneer. Ein paar Klingeltöne zu viel geladen, ein paar Flirt-SMS, ein paar Fotos und Filme verschickt: "Schnell sind einige hundert Euro zusammen." Da helfen nicht nur transparentere Tarife. Den meisten Jungschuldnern fehlt einfach das Problembewusstsein. "In den Familien sollte offener über Geld gesprochen werden", fordert Springeneer.

Und genau da setzt MoKi an: Kinder sollen rechtzeitig lernen, was Schulden bedeuten. Der zehnjährige Christian aus der Kölner Edison-Schule trumpft mit Fachwissen auf. "Wenn der Dispo überzogen ist, dann wird's richtig kritisch", erklärt er. "Dann macht man immer mehr Schulden. Das hört gar nicht mehr auf."

Marlies Uken print

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