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Konjunktur: Haitis Wirtschaft hofft auf einen Neuanfang

In Haiti sorgt eine UN-Truppe für Sicherheit, die internationale Gemeinschaft hat auf einer Geberkonferenz im Juli in Washington Hilfen von 1,4 Milliarden Dollar zugesagt. Jetzt hoffen viele Unternehmer auf wirtschaftlich bessere Zeiten.

In der Textilfabrik P.B. Apparel S.A. in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince standen zehn Monate lang alle Nähmaschinen still. Auch jetzt wird erst in einer halben von insgesamt drei Fabrikhallen wieder gearbeitet. Statt bis zu 800 Näherinnen und Näher wie im vorigen Jahr hat Fabrikbesitzer Charles-Henri Baker derzeit nur 125 Beschäftigte auf der Lohnliste. Bei einem monatlichen Umsatz von 30.000 US-Dollar (23.000 Euro) schreibt sein Betrieb in der Wiederanlaufphase noch rote Zahlen.

Neuanfang im karibischen Armenhaus

So wie Baker hoffen die Unternehmer in Haiti nach den politischen Umwälzungen Anfang des Jahres auf wirtschaftlich bessere Zeiten im karibischen Armenhaus. In den Tagen vor und nach dem Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide, der Haiti am 29. Februar verließ, hatten Plünderer und Brandstifter Geschäfte, Fabriken und Lager heimgesucht und Schäden von schätzungsweise 300 Millionen Dollar angerichtet. Baker, ein entschiedener Gegner Aristides, war Ende vorigen Jahres für 18 Tage ins Gefängnis gesperrt worden.

Jetzt sorgt in Haiti eine UN-Truppe für Sicherheit, und die internationale Gemeinschaft hat auf einer Geberkonferenz im Juli in Washington Hilfen von 1,4 Milliarden Dollar zugesagt. Premierminister Gérard Latortue hofft, dass nun auch wieder ausländische Investoren kommen. "Haiti bietet den Vorteil, ein recht jungfräuliches Land zu sein. Wir haben große Landreserven für die touristische Entwicklung. Außerdem hat Haiti viele und billige Arbeitskräfte und den Zugang zum amerikanischen Markt", sagt Latortue.

Hoffnung lastet auf Textilbranche

Die Textilindustrie ist der wichtigste Exportsektor Haitis. Große Hoffnungen setzen die Fabrikanten auf den so genannten Haiti Economic Recovery Act (HERO), der vom US-Kongress verabschiedet werden soll. Er würde den Haitianern erlauben, Kleidungsstücke auch dann zollfrei in die USA zu exportieren, wenn der Stoff aus Drittländern eingeführt wurde. "Dann könnten in den kommenden Jahren mehr als 100.000 neue Arbeitsplätze in Haiti entstehen", glaubt Baker. Derzeit beschäftigt die Branche 25.000 Menschen zu Löhnen von 3,00 bis 4,50 Euro pro Tag. Der gesetzliche Mindestlohn in Haiti liegt bei 1,50 Euro pro Tag.

Als Folge der Unruhen rechnet die UN-Wirtschaftkommission für Lateinamerika (CEPAL) in diesem Jahr mit einem Schrumpfen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um bis zu fünf Prozent. Auch in den zehn Jahren davor war die Wirtschaft nur um durchschnittlich 0,8 Prozent pro Jahr gewachsen. Das gewaltige Handelsbilanzdefizit Haitis wird vor allem mit den privaten Überweisungen der Auslands-Haitianer ausgeglichen, die im vorigen Jahr 744 Millionen Dollar erreichten. Mit einem BIP pro Kopf von 485 Dollar ist Haiti das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents.

Kaum mehr Tourismus

Die Tourismusindustrie ist in Haiti wegen der politischen Unsicherheit schon in den 80er Jahren zusammengebrochen. An seinem schlechten Image dürfte das Land auch nach einer Stabilisierung noch einige Jahre zu tragen haben. Chancen sieht Baker aber auch in der Landwirtschaft. "Wir können hier fast alles das ganze Jahr über anbauen", meint er. Er hatte eine Familienfarm im Umland von Port-au-Prince wegen der häufigen Militärrevolten Ende der 80er Jahre aufgegeben, träumt aber von einer Rückkehr aufs Land. "Meine große Liebe ist die Landwirtschaft", sagt der Textilfabrikant.

Klaus Blume, dpa / DPA