HOME

Luftverkehr: ver.di-Chef im Visier der Lufthansa-Aktionäre

Weder alter, noch neuer Chef des Kranich-Carriers bewegten auf der Lufthansa-Hauptversammlung die Aktionärs-Gemüter - dies blieb ver.di-Chef Bsirske, zugleich stellvertretender Chef des Lufthansa-Aufsichtsrats, vorbehalten.

Der feierliche Moment war schnell verflogen. Gerade hatte Jürgen Weber in seiner letzten Rede als Lufthansa-Chef das Steuer symbolisch an seinen Nachfolger Wolfgang Mayrhuber übergeben. Den kräftigen Applaus der Aktionäre nahm der langjährige Kapitän am Mittwoch bei der Hauptversammlung in Köln fast regungslos entgegen und erhob sich nur kurz von seinem Platz. Doch schon mit der ersten Wortmeldung rückte ein anderer ins Visier der Aktionäre, der nur wenige Stühle neben Weber auf dem Podium saß. Über ver.di-Chef Frank Bsirske, zugleich stellvertretender Chef des Lufthansa-Aufsichtsrats, entlud sich ein Gewitter scharfer Vorwürfe.

"Gezielt geschädigt"

"Herr Bsirske hat die Lufthansa gezielt geschädigt", wetterte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapier-Besitz, Ulrich Hocker, unter lautem Beifall. Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatanleger griff den ver.di-Chef schroff an: "Ihr persönliches Machtspiel machen Sie woanders, aber nicht in diesem Aufsichtsrat." Mit einem "Bsirske go home!" forderte er ebenfalls den Rückzug des Gewerkschafters aus dem Aufsichtsrat. In mehreren Anträgen wollten die Aktionärsschützer erreichen, Bsirske in einer Einzelabstimmung die Entlastung als Aufsichtsrat verweigern zu können.

Aktionäre verweigerten Entlastung

Mit dieser Taktik schafften die Aktionäre dann Außergewöhnliches: Nur knapp 42 Prozent stimmten bei der Hauptversammlung für Bsirske, dem die Entlastung damit nicht erteilt wurde. Ein derartiger Vorgang ist ausgesprochen außergewöhnlich. Nach Angaben der Lufthansa hat eine Nicht-Entlastung allerdings keine juristischen Folgen und auch grundsätzlich keine Auswirkung auf Bsirskes Aufsichtsratsmandat. Da jedoch mit dem geplanten Wechsel des früheren Lufthansa-Chefs Jürgen Weber an die Spitze des Aufsichtsrates die Führung des Gremiums neu geordnet wird, könnte es geschehen, dass Bsirske nicht wieder zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wird.

Bisrske im Interessenskonflikt

Der hitzige Streit entzündete sich an den Streiks im öffentlichen Dienst, mit denen ver.di im vergangenen Dezember auch Flugausfälle bei der Lufthansa bewirkt hatte. Dadurch entstand dem Konzern, auf dessen Wohl Bsirske als Aufsichtsrat doch verpflichtet sei, ein Millionenschaden, schimpften etliche Aktionäre. Dies sei ein massiver Interessenkonflikt, argumentierte Aktionärsschützer Hocker. Nur ein Anteilseigner verteidigte den ver.di-Boss in der Debatte, es liege nun einmal im Wesen der Mitbestimmung, dass ein Gewerkschafter seine Interessen vertrete. Den ver.di-Chef wie von einigen Aktionären gefordert auf Schadenersatz zu verklagen, lehnte Weber ab, da die Streiks nicht rechtswidrig gewesen seien. Bsirske selbst schwieg.

Moderate Kritik an Erhöhung der Bezüge

Vergleichsweise moderat fiel die Kritik an den im Vorfeld umstrittenen Pläne aus, die Bezüge der Aufsichtsräte deutlich zu erhöhen. Unsensibel zum jetzigen Zeitpunkt sei das, meinten viele Aktionäre. Schließlich übten die Beschäftigten wegen der schweren Krise mit kürzerer Arbeitszeit Gehaltsverzicht. Die Aufsichtsräte würden wie First-Class-Passagiere behandelt, Aktionäre und Beschäftigte wie Reisende in einem Billigflieger, schimpfte ein Anteilseigner. Vorgesehen war unter anderem, die Grundbezüge der Aufsichtsräte auf 20.000 Euro zu verdoppeln.

Wenig Rampenlicht für Mayrhuber

Kaum im Rampenlicht stand derweil der künftige Konzernlenker Mayrhuber, der die Lufthansa nach dem Ende der Ära Weber durch die schwerste Branchenkrise Krise steuern soll. Im ersten Quartal hat Europas zweitgrößte Fluggesellschaft 415 Millionen Euro operativen Verlust eingeflogen und erwartet rote Zahlen für 2003. Nur auf einige Fragen bekamen die Aktionäre eine Antwort des "Neuen". Meist ergriff Weber das Wort und versicherte, dass Mayrhuber die Lufthansa weiter auf dem Weg der Stabilität halten werde.