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Regionalgeld: "Haste mal 'nen Chiemgauer?"

Sie heißen "Kann was", "Justus", "Roland" oder "Chiemgauer": In einigen Teilen Deutschlands kann man mittlerweile mit Regionalgeld bezahlen. Der örtlichen Wirtschaft hilft's.

Für rund zwei "Rolands" gibt es einen Laib Brot, und wer genug "Chiemgauer" auf der hohen Kante hat, für den ist auch ein Paar Sportschuhe drin. Gültig sind die so genannten Regionalwährungen - wie der Name schon sagt - allerdings nur örtlich begrenzt.

Währungen sollen örtliche Wirtschaft stärken

"Die Idee ist, dass die Lokalwährungen die Wirtschaftskraft in der Region halten und dort den Mittelstand stärken", erklärt Christian Gelleri, Initiator des 'Chiemgauers', die Idee der Regionalwährungen, die auch schon im Ausland Schule gemacht hat. Die Flucht des Geldes soll verhindert werden, gleichzeitig sollen Arbeitsplätze in der Region entstehen. Außerdem soll die gemeinsame Währung soziale Zwecke unterstützen und das Gemeinschaftsgefühl stärken.

Etwa eine Hand voll Regionalwährungen gibt es derzeit in Deutschland. "Den Anfang hat im September 2002 der Bremer 'Roland' gemacht", erzählt Gelleri. Anfang 2003 folgte dann der "Chiemgauer" aus Prien - und später kamen der "Justus" in Gießen, der "Kann was" aus Bad Oldesloe sowie der "Sterntaler" im Berchtesgadener Land hinzu.

Schon 50 Regionalinitiativen

Und weitere Regionalwährungen - unter anderem in Berlin und im hessischen Witzenhausen - sollen folgen. "Insgesamt gibt es rund 50 Regionalinitiativen in Deutschland", erklärt Klaus Starke vom Regionetzwerk, einer Plattform, über die die zahlreichen Initiativen miteinander verbandelt sind. "Die Tendenz ist stark steigend."

Wie die einzelnen Regionen hat auch jede ihrer Währungen eine Besonderheit. Während beim "Chiemgauer" nur Euro in Regionalwährung umgetauscht werden können, handelt es sich beim "Sterntaler"/Talente-Ring um eine Mischung aus Tausch und Gutscheinsystem, bei dem auch Zeitwährung und Arbeit - so genannte Talente - eingetauscht werden können, wie Starke erklärt.

Nur Tauschmittel

Im Gegensatz zu traditionellen Währungen, die auch als Geldspeichermittel und als Spekulationsmittel dienen, sollen Regionalwährungen vor allem Tauschmittel sein. Einmal eingewechselt - meist im Verhältnis 1:1 - soll das Gutscheingeld unters Volks gebracht werden, um die regionale Wirtschaft zu stärken.

Und damit der Regional-Rubel auch rollt und nicht in den Portemonnaies versandet, haben sich die Erfinder der Währungen eine Besonderheit ausgedacht: Das Geld verliert an Wert, je länger es im Umlauf ist. So hat ein "Chiemgauer" beispielsweise ein Vierteljahr Gültigkeit und muss - um seinen Wert zu behalten - nach Ablauf dieser Frist mit einer Wertmarke für weitere drei Monate verlängert werden - für zwei Prozent seines Wertes. Wer seine "Chiemgauer" in Euro zurücktauschen will, wird mit fünf Prozent des Wertes zur Kasse gebeten.

Bislang keine Fälschungen

Was auf den ersten Blick wie Geldvernichtung aussieht, ist für die Region ein Glücksfall: Mit dem Geld werden nämlich soziale Einrichtungen unterstützt. "Auch kleine Kredite an Gewerbetreibende wurden schon vergeben", berichtet Gelleri stolz, der in Prien an einer Waldorfschule Wirtschaft unterrichtet und zusammen mit seinen Schülern die Regionalwährung am Laufen hält. Gedruckt wird das Geld - in 1-er, 2-er, 5-er, 10-er, 20-er und 30-er Scheinen inklusive Seriennummer und Hologramm mit einem Farblaserducker. Fälschungen beim "Chiemgauer" wurden bislang nicht bekannt.

Rund 150 Geschäfte und Dienstleister - vom Buchgeschäft über den Biosupermarkt bis hin zur Massagepraxis - nehmen den "Chiemgauer" mittlerweile an, wie Gelleri stolz berichtet. Nach Angaben des 30-Jährigen wurden bereits im vergangenen Jahr Waren im Wert von 60.000 Euro mit "Chiemgauern" bezahlt - 2004 soll der Wert schon auf 180.000 Euro steigen. Und möglicherweise soll der "Chiemgauer" auch bald am Geldautomaten verfügbar sein.

Geld für soziale Einrichtungen

Auch für die Geschäfte rechnet sich die Regionalwährung nicht nur ideell, ist Gelleri überzeugt. "Neben dem positiven Image fürs Geschäft bekommen sie Neukunden - und Neuumsatz, da jeder, der Euro in 'Chiemgauer' tauscht, eine Liste mit Geschäften bekommt, die die Regionalwährung nimmt." Als Konkurrenz zum Euro sieht Starke die Regionalwährungen nicht. Schließlich basiere das Regionalgeld auf einer Art Gutscheinsystem und - anders als beim Euro - ist auch niemand zur Annahme und zum Mitmachen verpflichtet.

Bislang ist der Kreis derjenigen, die mit Regionalgeld bezahlen, noch sehr klein - und die Beteiligten sind "politisch aktiver als der Durchschnittsbürger", räumt Gelleri ein. Doch die Regionalgeld-Macher sind vom Erfolg ihrer Idee überzeugt: In zwei Jahren, so ist Regionetz-Sprecher Starke überzeugt, wird es in Deutschland flächendeckend Regionalgeld-Initiativen geben.

Mirjam Hecking, AP / AP / DPA
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