VG-Wort Pixel

Schuldnerberater Peter Zwegat im Interview "Reicht nicht eine halbe Nummer kleiner?"


Laut dem neuen Schuldneratlas kann jeder zehnte Deutsche seine Schulden nicht zurückzahlen. RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat erklärt im stern.de-Interview, warum sich so viele überschulden.

Herr Zwegat, 6,4 Millionen Deutsche sind überschuldet - beinahe jeder Zehnte. Wie kommt es dazu?

Verschuldet ist ja sogar jeder zweite Deutsche. Nehmen wir mal an, Sie würden mich zum Kaffee einladen und hätten ihr Portemonnaie vergessen. Sie borgen sich 20 Euro und schon sind Sie bei mir verschuldet. Wenn wir uns wiedersehen und ich bekomme meine 20 Euro zurück, ist die Verschuldung aus der Welt. Es gibt zig Gründe, sich zu verschulden: Wenn ein Zahnarzt eine Praxis aufmacht, braucht er etwa 160.000 Euro - die kriegt er nicht von Mutti. Also nimmt er einen Kredit auf. Das ist eine ganz normale, gesunde Verschuldung. Solange man seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann, ist alles in Ordnung. Das Problem fängt an, wenn sich Menschen überschulden und ihre Schulden nicht zurückzahlen können.

Gibt es ein bestimmtes Muster, warum sich Menschen überschulden?

Es gibt drei große Ursachen: Arbeitslosigkeit, Krankheit und Scheidung bzw. Trennung vom Partner. Denken Sie nur an die Firmenpleiten der vergangenen Jahre: Er arbeitet seit Jahr und Tag bei Quelle, seit die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, arbeitet sie ebenfalls bei Quelle. Plötzlich geht der Laden pleite. Zuvor war alles in Ordnung und nun kann der Kredit nicht mehr beglichen werden. Meist ist es aber kein einzelner Grund, da kommen oft mehrere Dinge zusammen: Arbeitslosigkeit allein wäre eben nicht so schlimm, wenn ich nicht zuvor noch das dicke Haus und das dicke Auto gekauft hätte. Wenn ich zuvor bereits am Limit war, reißt mich das natürlich doppelt und dreifach rein.

Ihre Sendung vermittelt den Eindruck, dass viele keineswegs unverschuldet in die Schuldenfalle geraten.

Vor allem jüngere Leute sind an ihren Schulden oft selbst schuld. Das belegen auch die Zahlen des Schuldneratlas: Da ist die Bereitschaft viel größer, der Verführung durch die Werbung nachzugeben. Der erste Kredit mag ja noch gehen. Vielleicht auch noch der zweite. Spätestens der dritte Kredit ist dann aber zu viel. Das ist dann schon wirtschaftlicher Wahnsinn. Da muss man nur mal nachrechnen: Was verdiene ich im Monat, was gebe ich aus und was kann ich mir leisten?

Stattdessen will man unbedingt den schicken Flachbildschirm, den es ja angeblich zur Nullprozentfinanzierung gibt. Und irgendwann reicht das Geld nicht mehr. Was vielen nicht klar ist: Man kann wegen einer Schuldensituation auch seinen Job verlieren. Wenn ein Lehrling den falschen Handyvertrag unterschrieben hat und deshalb negativ in der Schufa steht, kann es sein, dass ein Arbeitgeber sich dagegen entscheidet, ihn zu übernehmen. Schließlich muss er mit Lohnpfändungen rechnen.

Die Schuldnerquote nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Sind wir heute eher bereit, Schulden zu machen und auf Pump zu leben als früher?

Die Schulden lassen sich zu einem großen Teil auf das geänderte wirtschaftliche Verhalten zurückführen. Wenn irgendein neues Telefon rauskommt, bilden sich ja gleich lange Schlangen, weil jeder meint, das haben zu müssen. Unsere Wirtschaft lebt von konsumfreudigen Menschen. Früher wurde auf ein Auto gespart, heute möchte man es sofort haben. Es ist oft zu einfach, an einen Kredit zu kommen: Da reicht schon ein Handyvertrag mit vereinbarter Ratenzahlung.

Schlimm wird es, wenn man den Überblick über seine Ausgaben verliert. Da sagen sich viele: Was soll's, ist eh alles egal, lass uns noch mal zum Ballermann fahren. Wer dann noch die Reise auf Pump finanziert, handelt schon sehr unvernünftig. Denn die beiden Wochen Urlaub sind hundertmal schneller vorbei als die Zeit, die ich brauche, um den Kredit abzustottern.

Sind Schulden vor allem ein Problem einkommensschwacher sozialer Schichten oder betrifft das alle Schichten?

Das zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Mit dem Unterschied, dass Menschen mit weniger Bildung nicht so gut Bescheid wissen, welche Rechte sie haben. Auch sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten, sich aus Schulden zu befreien, in einkommensschwachen Schichten natürlich nicht so gegeben. Bei einer allein erziehenden Mutter fehlt eben das zweite Einkommen. Ein Paar kann den Ausfall eines Verdieners in der Regel kompensieren. Wenn ich aber allein erziehend bin und vielleicht noch einen schlecht bezahlten Job machen muss, können schon vergleichsweise geringe finanzielle Belastungen schnell zu einem großen Problem werden.

Trotzdem gehen die Menschen nicht sofort zur Schuldnerberatung. Erst wird versucht, sich selbst zu helfen: Da wird der Dispo überzogen, die Oma angepumpt und, und, und. Man versucht, den Kredit zurückzuzahlen. Bis die Schulden den Menschen über den Kopf wachsen. Dann stellen sie häufig alles ein, bis schließlich der Strom abgedreht werden soll.

Machen Männer anders Schulden als Frauen?

Da gibt es natürlich Unterschiede. Männer sind prädestiniert für Autos und Unterhaltungselektronik aller Art. Bei Frauen ist es eher der Wohnbereich - also die neue Schrankwand, der neue Kühlschrank, die neue Küche. Plus natürlich der Versandhandel: Eine Frau guckt eher in den Otto-Katalog als der Mann. Frauen gehen zum Friseur und Männer in die Kneipe - aber die Kneipe ist teurer: Zum Frisör geht's nur alle vier Wochen, in die Kneipe alle paar Tage.

Sie haben schon Hunderte Menschen beraten - gerade erst wurde Ihre 100. Sendung ausgestrahlt, was waren Ihre krassesten Fälle?

Ich hab schon Tausende beraten. Vor der Fernsehsendung ja bereits seit 20 Jahren in der Schuldnerberatung, davor in der Sozialarbeit. Die meisten Fälle ähneln sich. Aber es gibt auch solche, da wundere selbst ich mich noch. Nach dem Einbruch der Telekom-Aktie vor zehn Jahren hatte ich auch zwei, drei Fälle, wo sich jemand mit geliehenem Geld verspekuliert hatte. Aber meistens sind es die immergleichen Geschichten. Die Leute glauben: Mir kann das nicht passieren. Aber Unglück macht nicht beim Nachbarn halt. Da frage ich mich schon: Warum muss es denn unbedingt ein eigenes Haus sein, wenn ich mir das von der Gehaltskategorie her eigentlich gar nicht leisten kann? Reicht es nicht manchmal auch eine halbe oder eine viertel Nummer kleiner?

Interview: Peter Neitzsch

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker