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Geldanlage: Fuffies im Club - warum die Kneipen-Sparclubs eine Renaissance erleben

Ein Sparschrank hinterm Tresen, in den durch kleine Schlitze Bargeld eingeworfen wird - das klingt nach längst vergangenen Zeiten. Doch das Sparen in Kneipen erlebt eine Renaissance. Zu Besuch beim Kassensturz in St. Paulis "absurdestem" Sparclub.

Sparclubs in Kneipen

Die Kasse stimmt: Die Kassenprüfer Marc Müller und Mara Burmeister bei der monatlichen Auszählung, die Geschäftsführerin ist offizielle Kontrollinstanz. 

Mit den Fingern puhlt Marc Müller in dem Fach herum. Fast wie ein mitgewaschenes Taschentuch haben sich die Geldscheine zu einem Klumpen in dem Kästchen verfangen, das kaum so groß ist wie eine Espressotasse. Vorsichtig wickelt er das Knäuel auseinander. Es sind viele 5-Euro-Scheine, aber auch 20er sind dabei. Am Ende diktiert er: "136,60 Euro in Fach 96". Dann genehmigt er sich einen Schluck Bier.

Mitgeschrieben hat Mara Burmeister. Säuberlich vermerkt sie die Summen und die Fächer im Kassenbuch. Am Ende wird noch einmal nachgezählt. Doppelte Kassenprüfung muss sein, finden die beiden. Bier trinken dabei aber auch. Das sei hier schließlich St. Pauli. Die beiden kümmern sich seit dem Frühjahr um den grauen Kasten, der am Eingang des Kiezclubs "kukuun" hängt. Sie folgen damit einer uralten Tradition, die man so gar nicht in dem Clubhaus mit der leuchtenden LED-Fassade auf der Reeperbahn vermuten würde. Denn Marc und Mara sind Kassenprüfer des "ASCZK", des "absurden-sparkassenclub-zu-kukuun". Hinter dem langen Namen verbirgt sich etwas, was völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Sparen in .

Sparclub in Kneipen

Kassenprüferin Mara Burmeister zählt die Geldscheine. In einigen Fächern kommt ihr ein Schwall Kleingeld entgegen. 

In den 1960er Jahren gab es noch rund 20.000 solcher Clubs in Deutschland, allein in waren es 2800. Sie hingen meist in Gastwirtschaften oder Kaschemmen, manche auch in Kleingartenvereinen. Der Sparer bekam ein Fach und steckte dort Woche für Woche Geld in den kleinen Schlitz. Monatlich wurden die Fächer geleert, der Inhalt wurde bei Banken zu - damals noch - attraktiven Zinsen gespart. Pünktlich zu Weihnachten bekamen die Sparer ihr angehäuftes Geld ausgezahlt. Von den Zinsen oder auch den Mitgliedsbeiträgen wurde ein Fest organisiert. Oder ein Ausflug. Auf jeden Fall wurde kräftig gebechert. Und der Sparzyklus startete von vorn.

"Golden Days Before They End": Ein Hoch auf die Eckkneipe!

Sparclubs, ein Relikt aus alten Zeiten?

Doch in den vergangenen Jahrzehnten ging es bergab mit dieser Sparweise. In den alten, verrauchten Eckkneipen auf dem Kiez bilden die schweren Eisenschränke mit den Schlitzen nur noch eine Kulisse. Das Publikum wird immer älter, die jüngere Generation hat sich längst andere Bars gesucht. Gespart wird in den alten Kaschemmen seit Jahrzehnten nicht mehr. Oder anders gesagt: Lange Zeit wurde hier nicht mehr gespart - denn diese Tradition erlebt eine Renaissance. Auch die Verantwortlichen im "kukuun" setzen auf die alte Spar-Sitte. Ausschlag gab die Dokumentation "Manche hatten Krokodile" von Christian Hornung, in der es um St. Paulis Einwohner, die alten Kneipen - und die Sparclubs geht. "Das wollten wir auch. Einen lebendigen Sparclub, kein Relikt", sagt Julia Starron, Geschäftsführerin des "kukuuns". Sie besorgte sich bei Ebay einen Sparschrank, "der zwar ein paar Jährchen auf dem Buckel" hat, wie sie sagt. Aber der auch 96 Fächer bietet und damit einer der richtig großen Schränke ist. Nun sitzt sie regelmäßig - also alle vier bis sechs Wochen - vor der regulären Öffnung des Ladens als Kontrollinstanz vor dem Kasten und schaut den beiden Kassenprüfern beim Geldzählen zu. 

Von Tagelöhnern und Sparvereinen

In Hamburg als Hafenstadt haben diese Schränke eine lange Tradition. Damit die Heuer - also der Tageslohn der Hafenarbeiter - nicht direkt in den Spelunken versoffen wurde, wurden diese Schränke aufgehängt. Für die Familien der Seemänner waren die Sparsummen oftmals überlebenswichtig. "Kneipensparen hatte hier in der Stadt immer einen hohen sozialen Aspekt", erzählt Staron, die sich als Historikerin auch als Vorstand im Museum engagiert. Viele Kneipen hatten ein zusätzliches Fach, in dem verpflichtend eingezahlt werden musste, so Staron. Aus diesen Einnahmen sei eine Notversorgung für Kranke und Witwen finanziert worden. 

Um Existenzsicherung geht es heute natürlich nicht mehr, sondern vielmehr um Spaß und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, so Staron. Das kommt gerade beim jungen Publikum an. Eckkneipen, die die alte Tradition wieder aufleben lassen, können sich über mangelnde Nachfrage kaum beschweren. Einige Kneipen haben schon größere Sparschränke angebracht - und haben immer noch eine Warteliste. "Im "kukuun" waren die Fächer schnell vergeben, derzeit ist nur noch eine Handvoll frei", berichtet Kassenprüfer Marc Müller. Die größte Sparergruppe bilden die Tresenkräfte und Gastromitarbeiter der Bars und Restaurants auf dem Kiez. Sie sparen dort ihre Trinkgelder. "Was soll mein Geld auf der Bank?", fragt einer dieser Barleute. Hier wisse er, wo sein Geld bleibt. Zinsen gibt es nicht beim "ASCZK", das sei ihm klar. Aber bei Banken eben auch kaum noch. In den Fächern der Tresenleute fischen Marc und Mara die größten Summen aus den Sparfächern. Mehrere hundert Euro stecken dort. Auch Fach 96 gehört einem Barkeeper. Das angesparte Geld wird für den Urlaub ausgegeben.

Ausgezahlt wird im Februar

Die Sparer im "kukuun" müssen auf die Ausschüttung der Beträge noch warten. Anders als bei den meisten Sparclubs wird der jährliche Kassensturz nicht kurz vor Weihnachten gemacht. "Im Dezember haben alle irre viel zu tun", sagt Mara Burmeister. Daher wird Anfang Februar das angesparte Geld ausgezahlt. Natürlich mit einer zünftigen Party. So ist es in den Statuten festgelegt: "Die Sparer verpflichten sich, nach der jährlichen Ausschüttung, eine bis mehrere Runden auszugeben."