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Steuerskandal: "Wir wollen die blanke Wahrheit"

Im ganzen Land bibbern zurzeit Steuerhinterzieher vor der Steuerfahndung. Die Bundesregierung hat Sündern bereits zur Selbstanzeige geraten. Doch wieviele von diesen beherzigen solche Tipps? stern.de hat sich bei einigen Finanzämtern umgehört.

Von Marcus Müller

"Wir wollen die blanke Wahrheit. Ob mit oder ohne Entschuldigung, das ist uns egal", sagt Michael Dubber, der Leiter des Starnberger Finanzamtes über die Anforderungen an reuige Steuersünder. Dubber spricht von der Selbstanzeige, mit der Steuerhinterzieher um die teils empfindlichen Strafen noch herumkommen können. Voraussetzung ist, dass die Tat noch nicht entdeckt ist und der Betroffene schnell die fragliche Summe plus Hinterziehungszinsen bezahlen kann. Nur in diesem Falle wirkt sich eine Selbstanzeige tatsächlich strafbefreiend aus. Und ehrlich muss sie sein: "Sich scheibchenweise der Wahrheit zu nähern, ist töricht", sagt Dubber. Denn in solch einem Fall würde das Finanzamt dem Delinquenten logischerweise kein Wort mehr glauben.

Zum Schritt der Selbstanzeige hat nach dem Bekanntwerden des Falles um den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel die Bundesregierung auch anderen Betroffenen geraten. Denn stehen die Fahnder erst einmal vor der Tür, kann es für Steuerhinterzieher vielleicht noch hilfreich sein, den Beamten mit den Aktenordnern entgegen zu rennen und außer Atem zu gestehen. Doch das wirkt dann bestenfalls noch strafmindernd aus. Aber in schweren Fällen ist bei Steuerhinterziehung nicht nur eine Geldstrafe vorgesehen, sondern bis zu zehn Jahre Haft.

Nur "einzelne" haben sich bisher gemeldet

Doch wie groß ist derzeit der Ansturm auf die Finanzämter von Steuersündern? Im gesamten Bundesgebiet ist er nach Recherchen von stern.de eher gering. Eine Stichprobe ergab: Es sind bei den deutschen Finanzämtern bisher etwa zehn Selbstanzeigen im Zusammenhang mit dem aktuellen Liechtenstein-Fall eingegangen. Mit fünf offiziell bestätigten Selbstanzeigen steht Hamburg derzeit an erster Stelle. Die Oberfinanzdirektion Koblenz berichtet von dreien, eine ist es in Hannover, nach offiziellen Angaben, "einzelne" sind es in Bremen und Baden-Württemberg.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Bochum hat bisher keine Erkenntnisse über eine ansteigende Zahl der Selbstanzeigen im Liechtenstein-Fall. "Das ist alles Spekulation", sagte Oberstaatsanwalt Bernd Bienioßek gegenüber stern.de.

"Situation kann sich stündlich ändern"

Aus allen Behörden heißt es aber auch: Es ist noch viel zu früh, um eine Bilanz zu ziehen. Ob es doch noch eine Welle von Selbstanzeigen gibt, werde frühestens Ende der Woche absehbar sein. Denn Anwälte und Steuerberater berichten schon davon, dass bei ihnen die Telefone ständig klingeln. Doch bis Steuersünder ihre entsprechenden Unterlagen zusammengesucht haben, dauert es eine Weile. "Die Situation kann sich stündlich ändern", sagte die Sprecherin der Oberfinanzdirektion Koblenz, Wiebke Girolstein. Vermutlich sei in den kommenden Wochen aber mit einem weiteren Ansteigen der Selbstanzeigen zu rechnen, sagte sie.

Im Millionärs-Gebiet rund um den Starnberger See ist die große Reumütigkeit ebenfalls nicht ausgebrochen. "Bisher haben wir keine einzige Selbstanzeige im Zusammenhang mit dem Liechtensteiner Fall", sagte Dubber, dessen Finanzamt es überwiegend mit Besserverdienenden zu tun haben dürfte. Er selbst spricht elegant von einem "überproportional hohen Steueraufkommen". Am Starnberger See leben die meisten Millionäre Deutschlands, die aber, so der Finanzamts-Chef, auch "massiv Steuern zahlen für Geld, das in der Schweiz liegt". Da mag es ins Bild passen, dass Dubber generell nur von einer "einstelligen Zahl" an Selbstanzeigen pro Jahr spricht.

Fahnder sind nicht so "blöd" wie gedacht

Die heiß diskutierte Frage ist derzeit, ob eine Selbstanzeige im aktuellen Liechtenstein-Fall überhaupt noch hilft. Die Antwort werden da wohl erst Gerichtsverfahren geben. Wirkung könnte die große öffentliche Diskussion aber auch für andere Vergehen entfalten: Denn in einigen Behörden wird es für möglich gehalten, dass jetzt auch andere Missetäter in sich gehen und reinen Tisch machen wollen.

Ohnehin weisen die Steuerfahnder selbstbewusst darauf hin, dass die meisten Steuerhinterzieher ihnen durch Ermittlungen ins Netz gehen, nicht durch deren schlechtes Gewissen. "Der Täter rechnet nicht mit der Entdeckung, da ist die Überraschung manchmal ziemlich groß", sagte ein Fahnder aus Norddeutschland, der unerkannt bleiben möchte. "Die halten uns für blöd. Manch einen haben wir da schon vom Gegenteil überzeugt."

Relativ entspannt schaut man sich das ganze Ermittlungs-Treiben zurzeit übrigens in Mecklenburg-Vorpommern an. Im Nordosten der Republik gibt es exakt sieben Einkommens-Millionäre. Im dortigen Finanzministerium ist man sich ziemlich sicher, dass die Liechtenstein-Affäre keine Landeskinder betreffen wird.