Wohnen im Denkmal Aufbau Rost


Einen Bunker, eine Mühle oder eine alte Fabrik herrichten? Wer in einem Denkmal wohnt, will nie mehr ausziehen.

Max Dans hat ein besonderes Verhältnis zu Bunkern. Für ihn sind die grauen Riesen aus Beton und Stahl kein Symbol für Angst und Schrecken - er fühlt sich in ihnen geborgen. Das mag daran liegen, dass Dans Mitte Januar 1945, knapp vier Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in Bottrop in einem Bunker zur Welt kam.

Inzwischen ist der 58-Jährige zu seinen Anfängen zurückgekehrt. Dans kaufte sich einen Bunker. 40.000 Mark zahlte er für den Betonklotz in bester Innenstadtlage von Hannover. In dem Kriegsdenkmal, hat er Wände eingerissen und Löcher für Fensteröffnungen geschlagen. Heute ist der Bau mit seinen sonnigen Balkonen und den hellen Räumen ein Millionenobjekt. "Viele denken ja, es lebt sich in einem Bunker wie in einem Keller, dunkel, feucht und kalt, aber das stimmt nicht", sagt Dans. "Im Winter ist es richtig warm hier drin - 1,40 Meter dicke Wände sind hervorragende Wärmespeicher."

Mit dem Bunker in die Individualität

Wie Max Dans wollen viele Deutsche in alten Gemäuern wohnen. Sie verzichten auf das komfortable Einfamilienhaus im Grünen und ziehen in verlassene Kirchen und aufgegebene Pferdeställe. Sie tauschen vorgefertigte Bauschablonen von heute gegen liebevoll verzierte Bauernkaten und Arbeiterhütten aus der Zeit unserer Urgroßeltern ein. Sie kämpfen gegen Schwamm und Holzwurm, opfern Wochenenden und Urlaub für eine alte Scheune oder leer stehende Fabrik. "Gesucht wird das Persönliche und Einzigartige, mit dem man aus der Masse hervorstechen kann", beobachtet Jörg Haspel, Vorsitzender der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger.

Das Angebot an bewohnbaren Altertümern ist groß. Weil die Kassen der Kommunen leer sind, freuen sich die Stadtkämmerer, wenn sie ihre Sanierungsfälle loswerden. Und so warten in ganz Deutschland ausgediente Schulen, Gerichtsgebäude, Kasernen, Mühlen und Spitäler auf neue Eigentümer - in allen Preis- und Wohnlagen. In Halle etwa steht eine Zuckerfabrik zum Verkauf, im Raum Stuttgart ein Bahnhof. Das Angebot reicht von Luxusvillen für mehrere Millionen bis zum Tagelöhnerhaus, das zu verschenken ist. Gelockerte Vorschriften für den Umbau zu Wohn- oder Arbeitsstätten machen Industriebauten aus der Gründerzeit auch für Privatpersonen attraktiv. Und ein prima Geschäft mit dem Finanzamt sind die alten Gebäude allemal. "Die Investition in ein denkmalgeschütztes Haus ist eines der letzten Steuersparmodelle für Immobilienkäufer in Deutschland", weiß Hans-Joachim Beck, Vorsitzender Richter am Finanzgericht Berlin.

Wahre Schätze im Angebot

Mit Glück und Geduld findet sich in dem riesigen Angebot auch ein kleines Kronjuwel - wie es Lutz und Anne Andres entdeckt haben. An einem nasskalten Sonntag vor fünf Jahren spazierte das Musikerehepaar durch Potsdam. Der Lärm hin und her schlagender Fensterläden ließ sie aufhorchen. Als sich die beiden durch dichtes Gestrüpp und hohe Hecken zwängten, standen sie vor einem Holzhaus aus dem 17. Jahrhundert. Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. hatte das Haus einst für russische Kriegsgefangene bauen lassen. Eine königliche Laune, weil er Gefallen an dem Gesang der Russen gefunden hatte. 14 Häuser umfasste die "Sängerkolonie", allesamt mit kunstvoll geschnitzten Holzfassaden, verzierten Veranden und reichem Dachschmuck.

Lutz und Anne Andres standen im Hof von Haus Nummer 12 und hatten nur noch einen Gedanken: "Wenn wir das bekommen könnten, hätten wir den Mut, noch einmal bei null anzufangen." Mit einem befreundeten Architekten entwickelten sie ein Konzept für die Sanierung und bewarben sich bei der Stadt. Nach sieben Monaten Warten, Ringen und Beten erhielten sie den Zuschlag und wundern sich heute noch: "Wir ganz normale Leute, ohne dickes Konto, bekommen ein Haus, das die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hatte." So glatt, wie sie es sich an dem nasskalten Sonntag gedacht hatten, lief es dann natürlich nicht. Trotz 125.000 Euro Fördersumme von der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz und Krediten von der Bank war die Sanierung für die beiden ein Kraftakt. Lutz Andres hatte kaum noch Zeit für seinen Beruf als Musiker. Um Kosten zu sparen, legte er selbst Hand an. Er hobelte Holzdielen, schliff Türen ab, reparierte Fensterläden. Seine Frau Anne streifte durch die Stadt von Abrisshalde zu Sperrmüllcontainer und sammelte Fensterbeschläge, Ofenteile, Klinkersteine.

Viele Bauten warten auf ihre Retter

Für die alten Bauten sind Menschen wie das Ehepaar Andres oft die letzte Rettung. Viele sind seit Jahren unbewohnt. Ohne Lüftung und ohne Heizung fangen die Mauern an zu modern, die Dielen beginnen zu faulen, und bald gibt es nur noch die Wahl zwischen Planierraupe oder Abrissbirne. Eine offizielle Statistik über alle ungenutzten Zeugen aus der Vergangenheit gibt es nicht. Aber allein in Berlin stehen einige hunderttausend Denkmal-Quadratmeter leer, bundesweit sind rund 2000 Kirchen ungenutzt.

Auch die Mühle aus dem 17. Jahrhundert im schleswig-holsteinischen Meldorf war todgeweiht. Seit sechs Jahren stand das nach holländischem Vorbild errichtete Bauwerk leer. Das Fundament ein Haufen loser Steine, die Flügelblätter verfault, in der Dachkrone fraß sich der Holzwurm durchs Gebälk, und die letzten heilen Fensterscheiben hatten spielende Kinder kaputtgeschlagen. "Viel hat nicht mehr gefehlt", sagt Retter Gert Penner, "und die Mühle wäre eingestürzt und nur noch ein Haufen Schutt gewesen." Der pensionierte Reedereikaufmann aus Hamburg suchte damals für sich und seine Frau eine neue Aufgabe, die sie auch im Alter fit halten würde: "Uns einen Hund zu kaufen oder in Spanien in der Sonne zu schmurgeln, das war uns zu wenig."

Gewollte Privatisierung des Denkmalschutzes

Die kaputte Mühle schien das Richtige zu sein. Nach knapp einem Jahr hatte er sie mit Hilfe eines alten Mühlenbauers von außen wieder in den Originalzustand versetzt - inklusive funktionstüchtiger Flügel, auf denen der rüstige Renter mit seinen 77 Jahren regelmäßig umherklettert, um sie in Schuss zu halten. Innen entstand eine moderne Wohnung: 200 Quadratmeter mit dem Komfort eines Neubaus. Gebremst wurden die Penners nur von den Behörden. Über ein Jahr dauerten die Vorbereitungen des Umbaus. Gert Penner musste unzählige Bauanträge stellen, sich jedes neue Fenster und jede Tür genehmigen lassen. Immer wieder fuhr er nach Kiel, redete auf die Denkmalschützer ein, die erst einlenkten, als er drohte, die Mühle verrotten zu lassen.

Dabei ist die Privatisierung des Denkmalschutzes politisch gewollt. Die Zeiten, in denen sich Denkmalpfleger als oberste Vollstrecker starrer Gesetze gebärden konnten, sind passé. Die Einsicht kam mit den leeren Kassen der Kommunen. Ohne das Geld privater Investoren würden Tausende historische Objekte verfallen. "Den Sitz auf dem hohen Ross können sich die Behörden heute nicht mehr leisten", sagt Deutschlands oberster Denkmalschützer Jörg Haspel. Er und seine Kollegen entwickeln sich immer mehr zu Beratern - klären über Probleme bei der Sanierung auf, erstellen Gutachten, schätzen anfallende Reparaturkosten und informieren über Fördermittel. "Schließlich ist auch keinem geholfen, wenn sich einer übernimmt und ihm auf halber Strecke die Luft ausgeht", sagt Haspel.

Finanzielle Hilfen

Klar, hinter den alten Mauern verbergen sich oft teure Überraschungen. Deshalb kann es gerade bei größeren Objekten sinnvoll sein, sich mit Gleichgesinnten die Kosten zu teilen. So wie die Berliner Architektin Petra Kahlfeldt. Sie baute zusammen mit ihrem Mann Paul ein ausrangiertes Umspannwerk in Berlin-Wedding zum Mehrfamilienhaus um. Die Voraussetzungen waren ideal: fünf Etagen von 110 bis 140 Quadratmetern, großzügige Räume ohne störende tragende Wände, drei Meter hohe Decken und ein großer, ruhiger, zugewucherter Hintergarten.

Allein konnte sie sich den ehrwürdigen Backsteinbau nicht leisten. Warum also nicht eine Eigentümer-WG gründen? Interessenten fanden sich schnell. Jede Partei kaufte eine Etage, und jetzt wohnt in dem Haus, in dem einst die Trafos summten, eine bunte Mischung: von der Familie mit zwei Kindern über Studenten bis zum Tontechniker und Architekten. In den Schacht des ehemaligen Lastenaufzugs haben sie Wintergärten gebaut. Die einstigen Verbindungsgänge für den Notfall dienen heute als Balkone fürs Sonnenbad oder Frühstück.

Und es gab auch noch Geld vom Finanzamt. Wer eine Bauruine wieder in Schuss bringt, kann sich einen Großteil seiner Ausgaben über gesparte Steuern zurückholen. Die Rechnung bei Petra Kahlfeldt war ziemlich simpel. Rund 60.000 Euro hat ihre Etage im Berliner Umspannwerk gekostet. Für den Umbau kamen 84.000 Euro hinzu. Macht 144.000 Euro. Nicht viel für eine 120-Quadratmeter-Wohnung mit Gartenzugang mitten in der Stadt. Aus eigener Tasche zahlt sie davon rund 110.000 Euro. Der Rest kommt vom Finanzamt. "Das hat sich nun wirklich gelohnt", freut sich die Bauherrin.

Silke Gronwald

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