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Filialsterben bei Banken: Zaster vom Zapfhahn: Wenn man Bargeld nur noch in der Kneipe bekommt

In Heldenfingen auf der Schwäbischen Alb hat die einzige Bankfiliale geschlossen. Wer Bargeld will, muss ins Wirtshaus gehen. Ein Ortsbesuch.

Von Frank Brunner

Zaster vom Zapfhahn – In Heldenfingen trägt man das Geld AUS der Kneipe

Nicht einmal einen Geldautomaten gibt es mehr im Ort, deshalb ist Ochsen-Wirt Bernd Schmid nun gewissermaßen der Banker von Heldenfingen

Bernd Schmid ist seit Jahrzehnten Chef des Ochsen. Vorher führte sein Vater den Landgasthof in Heldenfingen auf der Schwäbischen Alb, davor sein Großvater. Schmid, 60 Jahre, Stiernacken, riesige Pranken, kann nichts erschüttern. "Als Wirt braucht man Gottvertrauen", lautet sein Motto. Aber dass seine Wirtschaft neuerdings auch Kreditinstitut sein soll, hält er dann doch für eine Schnapsidee.

An einem Mittwochabend sitzt Schmid allein im Festzimmer des Ochsen und sagt: "Bei mir können Kunden nur am Tresen abheben, dort herrscht null Diskretion." Am Tresen befindet sich das EC-Kartenlesegerät. Schon bisher beglichen manche Gäste Bier und Braten bargeldlos. Nun bekommen sie auf Wunsch Cash ausgezahlt. Neugierige Blicke gibt es gratis dazu. Denn vorm Zapfhahn stehen die Stammgäste, trinken, rauchen und sehen, wer wann wie viele Scheine braucht. Wo jeder jeden kennt, wird man schnell zum Dorfgespräch.

Mit der Bank verschwand auch der Defibrillator

Doch was soll Schmid machen? Nüchtern betrachtet ist der Ochse die einzige Möglichkeit im Ort, an Bargeld zu kommen, seit vor einem halben Jahr die Volksbank Brenztal ihre Filiale dichtgemacht hat. Allein in Baden-Württemberg haben die Volks- und Raiffeisenbanken in den vergangenen fünf Jahren rund 300 Filialen geschlossen. Ein Problem vor allem für ältere Menschen. Wollen sie ihre Selbstständigkeit bewahren, brauchen sie ein Minimum an Infrastruktur. Doch auf dem Land schließen immer mehr Läden, Arztpraxen und Postämter. Bushaltestellen verwaisen, der Weg zur nächsten Stadt ist beschwerlich.

In Heldenfingen stemmt sich Ortsvorsteher Roland Fetzer gegen diesen Trend. Früher war der 64-Jährige Betriebsrat in einer Gießerei in Heidenheim. Als die Volksbank schloss, bat er, wenigstens den EC-Automaten dazulassen. Kosten für Strom, Miete und Datenleitung wollte ein Heimatverein übernehmen. Doch die Volksbank hatte das Gerät schon anderweitig verplant. Mit der Bank verschwand auch gleich der einzige rund um die Uhr zugängliche Defibrillator im Ort. Das Gerät hing im Vorraum, nachdem im Ort mehrmals Menschen zusammengebrochen waren. Bis Rettungswagen in Heldenfingen eintreffen, ist es manchmal schon zu spät.

Im Frühjahr las Fetzer im Gemeindeblatt, dass die Bank fortan jeden Montag eine Mitarbeiterin mit Geldtasche und Laptop in sein Rathaus schicken wollte – für Kunden, die Geld abheben möchten. "Völlig unverantwortlich", sagt Fetzer. "Es gibt keinen Alarmknopf, keine Kameras, noch nicht einmal einen Pförtner; jeder kann unbehelligt rein und raus." Alles kein Problem, beruhigte die Bank. Der Ortsvorsteher wiederholte seine Bedenken in der "Landesschau" des SWR. Zwei Wochen später beendete die Volksbank Brenztal ihren Bargeldservice. Aufgrund der "extrem ungünstigen Berichterstattung" und der "unklugen Äußerungen des Ortsvorstehers" sei das Angebot nun landesweit bekannt. Man habe Sicherheitsbedenken.

Die Volksbank schickt regelmäßig einen "Zaster-Laster" über die Dörfer

Landesweit bekannt war das Angebot aber auch schon zuvor – durch die Onlinepräsenz der Lokalzeitungen, die ausführlich berichtet hatten. Von der Volksbank will sich niemand dazu äußern. Der Pressesprecher schickt die Broschüre "Das neue Filialnetz 2017", verbunden mit dem Wunsch nach "ausgewogener Berichterstattung".

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Ochsen-Wirt Schmid sagt: "Die älteren Einwohner kommen neuerdings morgens gegen acht zum Geldabheben." Um diese Zeit stehen noch keine Stammgäste am Tresen. Maximal 200 Euro können Kunden mitnehmen. Größere Bargeldbeträge möchte Schmid nicht in seinem Wirtshaus aufbewahren. "Nicht, dass Ganoven auf dumme Gedanken kommen."

Ortsvorsteher Fetzer will sich mit der Situation nicht abfinden. Er sagt: "Wir werden eine Unterschriftenaktion für eine mobile Filiale starten, so wie sie die Volksbank Heidenheim ihren Kunden anbietet." Auch dieses Geldhaus hatte Zweigstellen geschlossen, schickt aber regelmäßig den "Zaster-Laster" über die Dörfer – einen zur Bankfiliale umgebauten Lkw. Die Volksbank Brenztal hingegen hat einen Zettel an die Rathaustür geklebt. "Keine Bargeldgeschäfte möglich." Darunter der Claim: "Wir machen den Weg frei."

Eine gute Nachricht aber gibt es für die Gebrechlichen und die Kneipengänger von Heldenfingen: Auch im Ochsen hängt mittlerweile ein Defibrillator.

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