Zweifelhafte Anlageprodukte Einmal verführt, doppelt abkassiert


Die Banken brauchen dringend Geld. Wie vor der Krise vertreiben sie überteuerte und undurchsichtige Produkte. Kleinanleger zahlen drauf - oft gleich doppelt: als Bankkunden und Steuerzahler.
Von Stefan Schmitz

Als überall die Börsen krachten und die Banken taumelten, gab es eines gratis und reichlich: Versprechen, dass in Zukunft alles besser werde, dass der Bankkunde nicht mehr fürchten müsse, übers Ohr gehauen zu werden. Wir haben verstanden - sagten die Banker.

Ein Dreivierteljahr später wird der Kunde nun auch von Instituten abgemolken, die er gerade noch mit seinem eigenen Steuergeld gerettet hat. "Es ist eben immer besser, Banker zu sein als Bankkunde", sagt der Bamberger Wirtschaftsprofessor Andreas Oehler. "Das ist heute genauso wie vor der Krise."

Der Grund ist diesmal die verzweifelte Lage der Vermögensberater und ihrer Vorstände: Sie brauchen dringend Geld. Das ganz große Kasino ist derzeit geschlossen, und als stabiles Gewerbe erweist sich da der Verkauf von raffinierten Produkten an Privatkunden.

Fragwürdiges Konzept

Commerzbank-Chef Martin Blessing hat das Ziel persönlich ausgegeben: Über 30 Prozent Eigenkapitalrendite soll das Geschäft mit den Privatleuten bis 2012 bringen. Damit das klappt, werden gemeine Steuerzahler schlechter behandelt als gut informierte Profis - und ein wenig an der Nase herumgeführt.

Die Bank offeriert etwa einen "Schatzbrief". Inzwischen hat sie ihn in "Commerzbank Schatzbrief" umgetauft, weil der Etikettenschwindel sonst wohl zu dreist gewesen wäre. Denn rein gar nichts hat dieses Produkt mit dem Bundesschatzbrief zu tun. Trotzdem wirbt die Bank: "Legen Sie jetzt mit dem Commerzbank Schatzbrief Ihr Geld gewinnbringend und sicher an."

Dabei ist das Papier nichts anderes als eine Anleihe der Commerzbank. Man gibt einer angeschlagenen Bank Geld gegen Zins - und muss beten, dass sie am Ende noch zahlen kann. Eigentlich ist das okay. Nur stimmt der Preis so wenig wie der Name. Für Profis hat die Bank nämlich ein anderes Papier ausgegeben. Die Laufzeit, der Emittent, das Risiko - alles ist gleich. Nur gibt es mehr Zinsen, und die Gebühren sind niedriger.

Unbegehrenswerter Schatz

Ein Blick auf den Kurszettel zeigt, dass das Investment der Kleinanleger im Vergleich zu dem der Profis innerhalb von Wochen mehr als fünf Prozent weniger wert war. "Es scheint, als ob das Wort ‚Schatz‘ im Produktnamen nicht nur nutzlos, sondern auch teuer ist", analysiert der Finanzwissenschaftler Daniel Kohlert.

Die Commerzbank sieht das natürlich anders. Sie argumentiert, die Produkte seien "speziell auf die Bedürfnisse bestimmter Anlegergruppen abgestimmt" und eine "angemessene Eigenkapitalrendite" müsse nicht im Widerspruch zu den Kundeninteressen stehen.

Aber was wollen die Kunden? Doch wohl zumindest verstehen können, was die Bank an ihnen verdient. Das aber ist eher die Ausnahme als die Regel.

Vermeintliche Sicherheit

Die BayernLB - auch sie hängt am Tropf des Staates - offeriert Produkte wie die "Zins Lock In II Anleihe". Aufschläge, Gebühren, Provisionen sind in vielfältigen Formen enthalten, von der Bank zum Teil nach eigenem Ermessen festgesetzt und nicht klar erkennbar. Dividenden aus den Titeln des zugrunde liegenden Aktienindexes EuroStoxx50 erhält der Kunde sowieso nicht - die Bank darf sogar den Wert des Kundenvermögens um erst für die Zukunft erwartete Dividenden herabsetzen. Beworben wird das Ganze mit dem Bild eines Sicherheitsgurtes, obwohl bei einem Börsencrash drastische Verluste möglich sind. Auf Fragen zu der Anleihe teilt die Bank unter anderem mit: "Die Produktgestaltung ist marktüblich." Das ist nicht einmal falsch. Gut ist es deshalb noch lange nicht.

Kohlert hält es für realistisch, dass sich die Erfinder solcher Konstrukte runde zehn Prozent des angelegten Vermögens einstecken. Die Finanzexpertin des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Dorothea Mohn, meint dazu: "Die geschilderten Fälle untermauern unsere Forderung, den aktiven Verkauf von Zertifikaten an Privatanleger zu verbieten."

Keineswegs sind es nur renditehungrige Privatbanken, die weiter auf maximale Erträge setzen. Die BayernLB-Papiere werden über Sparkassen vertrieben. Auch vor denen habe "der Zeitgeist nicht haltgemacht", findet selbst Horst Köhler, der jetzige Bundes- und frühere Sparkassenpräsident. Abenteuerliche Anlagen vertreiben nach wie vor sogar Genossenschaftsbanken, die stolz auf ihre Wurzeln als Hüter des Gemeinwohls und Geldgeber kleiner Leute verweisen. Die Anlagefallen verbergen sich gern hinter putzigen Namen wie "Cobold". Das sind Papiere, mit denen der Sparer darauf wettet, dass gleich eine ganze Reihe von Unternehmen in Zukunft ihre Schulden ordentlich bezahlt. Gibt es nur bei einem einzigen davon Schwierigkeiten, tauscht die DZ Bank den Cobold gegen eine Anleihe genau dieses Unternehmens. "Hier wird das Konzept der Diversifikation zuungunsten der Kunden quasi umgekehrt", kritisiert Kohlert.

Wie vor der Krise

Im fast 250 Seiten langen Produktprospekt, dessen Lektüre sich kaum ein Kunde antun dürfte, heißt es: Die Bank könne Beziehungen zu den Unternehmen unterhalten, an die das Papier gekoppelt ist, und "Maßnahmen ergreifen, die sie zum Schutz ihrer daraus entstehenden eigenen Interessen ohne Berücksichtigung etwaiger Folgen für die Anleihe gläubiger für notwendig und angemessen erachtet".

Die DZ Bank kann darin nichts Ungewöhnliches oder Verwerfliches entdecken. Im Gegenteil: Es sei ihre Pflicht, auf Interessenkonflikte und deren Folgen hinzuweisen. Auch die Gebühren der Cobolde entsprächen "den bei vergleichbaren Wertpapierkäufen üblichen Kosten". Wie viel des Kundengeldes dabei in die Kasse des Instituts fließt, will die Bank nicht sagen. Transparenz wird zwar immer beschworen, ist aber so weit entfernt wie vor der Krise.

Wie es um die Beratungsqualität bestellt war, hat Kohlert in seiner Dissertation untersucht. 90-mal ließ er sich beraten - mal in der Rolle des unbedarften Kleinverdieners, mal getarnt als kundiger Lehrer. Das Ergebnis lautet, leicht verkürzt: Verkauft wird letztlich immer das Gleiche, und beraten wird am intensivsten, wer schon viel weiß und Fragen stellt. Anscheinend ist das ein unabänderliches Naturgesetz des Gewerbes.

Falsche Zeit für Moral

Als im vergangenen Oktober die Banken am Abgrund standen, warnte der Privatkundenvorstand der Commerzbank, Achim Kassow: "Der größte Fehler wäre, jetzt abzutauchen und nur das schnelle Geschäft zu suchen." Man müsse langfristig denken und das Kundenvertrauen stärken. Die Commerzbank-Tochter Dresdner Bank verspricht gar, man könne ihr "in jeder Hinsicht vertrauen". Und zwar: "Nicht zuletzt, weil wir uns einem Ziel ganz besonders verpflichtet haben: dem nachhaltigen Wachstum Ihres Vermögens." Auch in der Leitlinie des Bankenverbandes ist davon die Rede, dass der Kunde im Mittelpunkt stehen müsse. Derartige Versprechen sind mittlerweile Standard.

Aber Aktionen wie die der Gewerkschaft Verdi in Nordrhein- Westfalen lassen daran zweifeln, dass die Praxis mit den Bekenntnissen mithält. Unter www.verkaufsdruckneindanke.de sammelt Verdi Klagen von Bankmitarbeitern darüber, dass der Zwang, den Kunden provisionsträchtige Produkte anzudrehen, noch zugenommen habe. Dabei stehen nicht nur sie unter Druck - sondern auch ihre Chefs. Renditevorgaben wie die von Blessing erfüllen sich eben nicht von selbst. Eigentlich keine gute Zeit, um die Moral zu entdecken.

Da liegt es nahe, nach dem Staat zu rufen. Der kann schließlich nicht nur Banken retten, sondern auch deren Geschäft regulieren. Bei der Commerzbank ist er zudem der größte Aktionär. Nur wird das nichts ändern. "Wir nehmen keinen Einfluss auf das operative Geschäft", erklärt das Finanzministerium. Fragen nach dem "Schatzbrief" solle man daher gleich an die Kommunikationsabteilung der Bank richten, die sicher eine gute Begründung liefern könne.

Mogelpackungen erlaubt

Tatsächlich ist es klug, dass sich die Politiker und Beamten jetzt nicht als die besseren Banker präsentieren. Sie müssen keine Anlageprodukte erfinden. Aber sie sollten dafür sorgen, dass Kunden nicht über den Tisch gezogen werden.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) verspricht gern: "Mogelpackungen bleiben verboten." Große Packung, wenig Inhalt? Nicht mit ihr. Leider bezieht sich das nur auf Chipstüten und Waschmittel. Bei der Bankberatung sind die Ziele der Regierung vorerst bescheidener: Ein bisschen wird an den Verjährungsfristen gedreht, ein wenig an den Dokumentationspflichten, ein Leitfaden für Kunden soll helfen und die Ausbildung von Finanzvermittlern verbessert werden. Ansonsten bleibt alles beim Alten.

Nur zur Erinnerung: Zur Rettung der Banken hat der Staat bis zu 500 Milliarden Euro bereitgestellt; das ist fast das Doppelte des jährlichen Bundeshaushalts. Nur um die Commerzbank zu stützen, setzte er 18 Milliarden ein. Allein hier ist jeder Deutsche, vom Baby bis zum Greis, statistisch mit mehr als 200 Euro beteiligt.

Und wenn er den "Commerzbank Schatzbrief" kauft, trägt er zur Gesundung der Bankbilanz noch ein wenig mehr bei als der Rest und mehr, als er selbst erkennen kann. Aber das gilt in der Branche nach wie vor als marktüblich.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker