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Herausforderung für Hochschulen "Stellen Sie sich vor, wir würden täglich 500.000 Studierende testen"

Herausforderung für Hochschulen: Gähnende Leere: Seit einem Jahr finden Vorlesungen nur noch virtuell statt
Gähnende Leere: Seit einem Jahr finden Vorlesungen nur noch virtuell statt
An den deutschen Unis geht im April das dritte Online-Semester los. Der Frust darüber ist groß: Auch weil die Hochschulen im neuen Stufenplan der Regierung nicht einmal erwähnt werden. HRK-Präsident Alt spricht mit dem stern über die Versäumnisse der Politik und das Studium der Zukunft.

Im Februar 2020 dürften die meisten Studierenden ihre Hörsäle und Seminarräume zuletzt von innen gesehen haben. Und das wird auch erst einmal so bleiben, sagt der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Prof. Peter-André Alt. Von der Politik zeigt sich der HRK-Präsident enttäuscht. Während an Öffnungsplänen für Schulen und Kitas gefeilt wird, wurden die Hochschulen im neuen Stufenplan der Regierung nicht einmal erwähnt. Im Gespräch mit dem stern erklärt Alt, was sich alles ändern muss, damit Studierende und Dozenten wieder in die Hörsäle zurückkehren können.

Herr Prof. Alt, vor knapp zwei Wochen haben Regierung und Ministerpräsidenten den neuen Stufenplan aus dem Lockdown vorgestellt. Während Lösungen für Schulen und Kitas diskutiert und vorgestellt wurden, wurden Hochschulen nicht einmal erwähnt. Enttäuscht Sie das?

Das ist sicherlich ein Versäumnis. Es geht nicht darum, einen kompletten Öffnungsplan für die Hochschulen vorzulegen. Aber es sollte mehr darüber nachgedacht werden, wie man diese unterstützen kann, damit wenigstens Kleingruppen bald wieder auf den Campus zurückkehren können.

Was hätten Sie sich konkret von den Ministern und der Bundesregierung gewünscht?

Ein größeres Bewusstsein dafür, dass die Hochschulen seit zwölf Monaten einen sehr guten Job machen. So haben sie in einem beispiellosen Kraftakt ihre Lehre in kürzester Zeit nahezu vollständig digitalisiert. Gleichwohl leiden Lehrende wie Studierende unter der Situation. Es gibt Studienanfänger, die ihre Hochschule noch nie von innen gesehen haben. Damit das anders werden kann, bräuchten wir eine praktikable Teststrategie. Massenveranstaltungen verbieten sich zwar bis auf Weiteres, aber Laborkurse und kleine Übungsgruppen könnten mit der passenden Strategie wieder verstärkt in Präsenz organisiert werden. Das heißt, wir benötigen Hilfe bei der Organisation der Testkapazitäten und bei der Auswertung.

Im April beginnt das dritte Online-Semester in Folge. Hätte man nicht spätestens jetzt eine schrittweise Öffnung erwarten können? Wenigstens für die Erstsemester?

Davon halte ich nichts. Wir müssen bedenken, dass selbst kleine Hochschulen um die 3000 Studierende haben, bei vielen anderen sind es weitaus mehr. Wenn wir an eine Öffnung für Erstsemester denken, würde das zu viele Kontakte bedeuten – das wäre riskant. Wir müssen angesichts der dynamischen Pandemielage realistisch bleiben. Denkbar wären eher maßvolle Öffnungen etwa für die Arbeit in Kleingruppen.

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Nachdem der Stufenplan veröffentlicht wurde, haben Sie sich erstmals für die Selbsttests ausgesprochen. Hätte sich die Hochschulrektorenkonferenz nicht schon viel früher öffentlich einsetzen müssen?

Wir haben während der Pandemie immer wieder auf die Situation der Hochschulen und ihre Bedürfnisse aufmerksam gemacht. Vom Bund haben wir eine Verlängerung der Überbrückungshilfen gefordert. Aber wir wollten nicht nur lautstark Forderungen stellen. Schnelltests kann man schließlich nicht jeden Tag durchführen. Das wäre höchstens einmal pro Woche für einen Kurs machbar.

Stellen Sie sich vor, wir würden täglich 500.000 Studierende – das ist nur ein Sechstel aller Immatrikulierten – in ganz Deutschland testen. Die Ressourcen könnten wir gar nicht aufbringen. Zudem müssten die Konsequenzen für das Gesamtsystem etwa bei der Nachverfolgung auch bei falsch-positiv Getesteten bedacht werden. Für uns ist daher wichtig, dass die Hochschulen überhaupt thematisiert werden.

Seit einem Jahr gibt es keine Präsenzveranstaltungen auf dem Campus mehr: Wie ist Ihre Bilanz?

Positiv ist, dass wir es in kürzester Zeit geschafft haben, die Online-Veranstaltungen von 10 Prozent auf mehr als 90 Prozent zu erhöhen. Technisch ist vieles erfreulich reibungslos verlaufen. Damit haben wir sichergestellt, dass man auch während der Pandemie weiter studieren konnte; in engen Grenzen zeitweise auch in Präsenz. Aber wir sind in einer Krise und es ist klar, dass sich nicht alle Probleme lösen lassen. Die digitale Welt hat ihre Grenzen, und Präsenz bleibt weiterhin unersetzbar. Gut ist eine Kombination von virtueller Lehre mit Präsenzveranstaltungen. Die wollen wir nach dem Ende der Pandemie realisieren.

Dass nicht alles reibungslos verlief, konnte man an der Prüfungsphase in diesem Semester sehen: Kurz vor den Semesterferien war nicht klar, ob, wie und wann mündliche Prüfungen überhaupt stattfinden. Wie kann das im nächsten Semester besser werden?

Bei den Prüfungen müssen wir flexibler werden. Manche Länder haben Freischussregelungen eingeführt, sodass Prüfungen ohne Anrechnung des Fehlversuchs wiederholt werden konnten. Das ist ein guter Ansatz neben der erweiterten Regelstudienzeit, um den Druck von den Studierenden zu nehmen, und auch eine gute Empfehlung für die Länder, die das jetzt noch nicht tun.

Wobei das aber nicht denen hilft, die Bafög beziehen.

Wir müssen hier unterscheiden. 15 von 16 Bundesländern haben aktuell die Regelstudienzeit für die zwei Corona-Semester verlängert. Bafög-Empfänger können demnach auch eine längere Förderung erhalten. Das ist aber bisher eine Ausnahme. Im Normalfall gilt weiter, dass das Bafög nur für die Regelstudienzeit gezahlt wird – sechs Semester beim Bachelor, vier beim Master. Im anstehenden Reformprozess will die HRK auf eine Änderung dieser Bestimmung hinwirken. Künftig sollte die Bafög-Förderung für die Regelstudienzeit plus zwei weitere Semester gelten, sofern das im individuellen Fall nötig ist, wenn das Examen noch nicht vorher erreicht wurde.

Also mehr Freischussregelungen, eine Verlängerung der Regelstudienzeit: Wie kann man sich das Studium der Zukunft sonst noch vorstellen?

Seminare und Laborkurse werden weiterhin auf dem Campus stattfinden. Statt Vorlesungen in voll besetzten Hörsälen könnte es mehr Hybridveranstaltungen mit einer Mischung aus virtueller Lehre und Präsenzlehre geben. Präsenzvorlesungen würden weiterhin angeboten, könnten aber auch alternativ gestreamt werden

 Dass Veranstaltungen ausschließlich online stattfinden werden, glaube ich nicht. Ich weiß, dass viele Lehrende den Hörsaal gern weiter nutzen und auch gern unmittelbar mit Studierenden sprechen. Umgekehrt gibt es viele Studierende, die Präsenzveranstaltungen schätzen. Aber hybride Formate bringen natürlich den Vorteil, dass sich die Veranstaltungen variabler gestalten lassen. Auch für kleinere Veranstaltungen kann ich mir gut vorstellen, dass sich das digitale Angebot halten wird. So könnte das Studium flexibler werden.

Stichwort Räumlichkeiten: Besteht jetzt auch der Druck, die Hochschulen zu sanieren? In manchen Hochschulen gibt es Räume ohne Fenster mit Belüftungssystemen aus den 70er-Jahren...

Die Annahme, Hochschulen bräuchten wegen der Digitalisierung künftig weniger Räume, ist ein absoluter Fehlschluss. Wir brauchen mehr Räume für kleine Arbeitsgruppen, die man etwa auch mit flexiblen Wänden teilen kann. Gerade stehen wir vor einem riesigen Sanierungsumfang in allen Bundesländern. Wir brauchen ein nachhaltigeres Campusmanagement und energiesparendere Gebäude. Das ist eine große Zukunftsaufgabe, bei der ich mir wünsche, dass Bund und Länder sich gegenseitig unter die Arme greifen und uns helfen.

Wann können die Studierenden wieder mit Präsenzveranstaltungen rechnen?

Lange Zeit war ich sehr zuversichtlich, dass wir das im Sommer schaffen. Aber wir wollen auch keine falschen Hoffnungen wecken. Jetzt haben wir die Virusmutanten, die Inzidenzen steigen wieder. Die Hoffnung, dass alle bis zum Herbst geimpft sind, scheint zu optimistisch. Die Studierenden gehören zur letzten Gruppe. Sollten wir wirklich alle bis zum Herbst geimpft sein, dann ist es auch möglich, dass wir wieder an die Hochschulen zurückkehren können. Das ginge recht schnell, denn die Hochschulen stehen ja bereit.

Es heißt aber nicht, dass sich die Politik einfach aus der Diskussion verabschieden darf. Was ich von ihr fordere, ist kein einheitliches Konzept, das wahrscheinlich gar nicht umgesetzt werden kann, sondern Unterstützung, damit die Hochschulen punktuell und schrittweise wieder Präsenzunterricht einführen können.


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