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Fertighäuser: Bauen nach Plan

Ihr Ruf ist nicht besonders. Das hat historische Gründe. Dabei sind Fertighäuser von renommierten Herstellern vielen Massivbauten inzwischen überlegen. Ein Besuch bei Käufern und Verkäufern.

Von Sven Rohde

Christina, 32, und Daniel Schmitz, 32, kaufen ein Fertighaus. Sie ist Anwältin, er ist Arzt - beide sind es gewöhnt, schnell zu entscheiden. Aber wenn es ums eigene Haus geht, dann wird jedes Detail diskutiert. Beim Ehepaar Schmitz dauert die Bemusterung vier Tage. Damit liegen diese Bauherren so ziemlich an der Spitze. Willkommen im Ausstattungszentrum der Firma Weber-Haus in Rheinau-Linx. Aber es sind auch 230 Quadratmeter Wohnfläche zu bestücken - 200 bis 300 kleine und große Entscheidungen sind fällig: Dachziegel, Fassade, Jalousien, Wintergarten, Fliesen für zwei Bäder und das Gäste-WC, Parkett, Türen und Türdrücker, Armaturen und vieles mehr. Nicht leicht, den Überblick zu behalten. "Das hatte schon was von einer Examensarbeit", sagt Christina Schmitz lachend. Was ist das eigentlich: ein Fertighaus? Im Gegensatz zum konventionellen Haus, das Stein auf Stein an der Baustelle gemauert wird, entsteht es zunächst in der Fabrik. Alle Bauteile, von den Wänden bis zur Dachkonstruktion, werden in Holzständer- oder Holztafelbauweise in der Montagehalle fertiggestellt und auf dem Tieflader zur Baustelle gefahren. Der Aufbau dort dauert ein bis drei Tage, der Innenausbau, wenn ihn der Hersteller erledigt, etwa drei Monate; wenn die Bauherren ihn selbst übernehmen, entsprechend länger. Ist das Haus fertig, kann ein Laie dessen Fabrik-Vergangenheit nicht mehr erkennen. Die Konstruktion verschwindet hinter einer ganz normalen Fassade aus Putz, Klinker oder Holz. "Und die ist aus technischer Sicht nicht weniger beständig als die eines Massivhauses", sagt der Architekt Alwin Muschter, Experte der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Dabei ist die Vielfalt enorm: Allein in den 18 großen deutschen Musterhauszentren stehen 560 Häuser zur Besichtigung, vom einfachen Starterhaus für 95.000 Euro bis zur Millionen-Villa.

Höhere Qualität durch mehr Neubauten

Für ein Fertighaus spricht viel: Die industrialisierte Bauweise dient der Qualität, der Wandaufbau dem Energiesparen, die Größe der Anbieter der Verlässlichkeit des Bauvorhabens. Wer mehrere Hundert Häuser im Jahr baut (und das auch noch weitgehend unabhängig von der Witterung), erreicht in der Regel eine bessere Qualität als ein Bauunternehmer, der nur auf 20 Häuser pro Jahr kommt. Und hat zudem mehr Möglichkeiten und Ressourcen, um sich Innovationen in Konstruktion, Haustechnik und Design zu widmen. So kann die Branche stolz darauf verweisen, dass Niedrigenergiehäuser bei ihr längst zum Standard gehörten, als sie 2002 vom Gesetzgeber zur Norm erklärt wurden.

Die Bauqualität von Fertighäusern sei der von konventionell gebauten Häusern ebenbürtig, belegt denn auch ein Gutachten des Prüfunternehmens Dekra. Offenbar liegt sie nicht selten sogar darüber, hat Peter Dirk, Baureferent der Verbraucherzentrale Berlin, beobachtet: "Wir haben hier viel mehr Reklamationen bei Massiv- als bei Fertighäusern." Was sicher auch am deutlich kleineren Marktanteil der Fertighäuser liegt: 2006 wurden in Deutschland 18.934 Häuser (entspricht einem Marktanteil von 14,2 Prozent) verkauft.

Kunden sehen die Entwicklung nicht

"Bei der Qualität, die wir liefern, müsste unser Marktanteil bei mindestens 30 Prozent liegen", findet Ralph Mühleck, geschäftsführender Gesellschafter von Weber-Haus, mit 700 Häusern pro Jahr einer der Großen der Branche. Warum das nicht so ist, weiß er auch. Der größte Bremsklotz ist die Bezeichnung "Fertighaus". Freimütig formuliert Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Fertigbau: "Aus der Anfangszeit der Fertighäuser, als tatsächlich vieles gemacht wurde, was heute niemand mehr macht, gibt es vor allem bei Älteren Vorurteile." Er meint damit: triste Häuser von mieser Qualität. Auch Dagmar Fritz, Architektin und Geschäftsführerin des Ökohausherstellers Baufritz in Erkheim im Allgäu, attestiert der Branche ein Imageproblem: "Was der Volksmund unter einem Fertighaus versteht, ist das Typenhaus 'Hannelore' ohne großen Qualitätsanspruch. Der Kunde sieht nicht, welche Entwicklung die Branche gemacht hat."

Im Ausland gibt es diese Vorbehalte nicht, und so gehen immer mehr deutsche Häuser in die Schweiz, nach Österreich, Italien und Großbritannien(siehe Seite 32). Noch liegt die Exportquote bei unter zehn Prozent, aber sie steigt. Das Ansehen der Häuser "made in Germany" ist mit dem deutscher Autos durchaus vergleichbar. Die Entwicklung der Baubranche hat tatsächlich viel mit der Automobilindustrie zu tun, findet Johannes Schwörer, Chef des mit 1000 Häusern pro Jahr wohl größten deutschen Herstellers Schwörer-Haus in Hohenstein-Oberstetten auf der Schwäbischen Alb: "Auch in unserer Branche ist gebündeltes Wissen nötig: über Haustechnik, Solartechnik, Elektroinstallation, Energieeffizienz. Es reicht nun wirklich nicht mehr, eine Wand gerade hochziehen zu können." Ein Seitenhieb gegen die Massivhaus-Konkurrenz.

Viele Details lassen sich nur im Werk realisieren

Auch Dagmar Fritz kann sich den nicht verkneifen. "Das normale massive Haus ist immer wieder ein Prototyp", sagt sie mit feinem Lächeln. "Wenn Sie einmal eine Kreissäge über Kopf benutzt haben, dann wissen Sie, wie gerade der Schnitt wird. Und vergleichen Sie den mal mit einem in unserer computergesteuerten Fertigung. Viele Details können wir nur hier bei uns im Werk realisieren, auf der Baustelle wäre das schlichtweg unmöglich."

Wer die Werke von Baufritz, Weber oder Schwörer besichtigt, kann sich von der Präzision der Verarbeitung überzeugen. Bei Baufritz und Weber hat sich der Charakter einer Manufaktur erhalten, der noch an den Ursprung der Unternehmen als Zimmerei erinnert. Bei Baufritz werden Balken sogar ausschließlich von Hand gestrichen. Bei Schwörer ist die Industrialisierung am weitesten vorangeschritten. Da werden nicht nur die Wände komplett mit Wärmedämmung, Leerrohren für die Installation, Putz, Klinker oder Holzverkleidung versehen, sondern sogar gefliest.

Gutes Geld für ein gutes Haus

Freilich ist auch beim Fertighaus ein entscheidender Zusammenhang des Bauens nicht außer Kraft gesetzt: dass man für ein gutes Haus auch gutes Geld zahlen muss. Fertighäuser sind nicht etwa billiger als massiv gebaute. Und bei Billigangeboten wird - wie beim massiven Haus - der niedrigere Preis mit Abstrichen an der Leistung erkauft. Dumm nur: Bei einem so komplexen Objekt wie einem Haus wird das häufig erst offenbar, wenn es zu spät ist. Verbraucherschützerin Corinna Merzyn, Geschäftsführerin des Verbandes privater Bauherren, beschreibt das Verfahren so: "Die Verträge mancher Fertigbaufirmen sehen so aus, als kaufe man ein Auto mit dem Hinweis "gegen Aufpreis bauen wir auch einen Motor ein"."

Ein anderer Trick, der nicht selten vorkommt: Um Häuser möglichst günstig anbieten zu können, besteht die Standardausstattung an Türen, Treppen, Bodenbelägen und Sanitärobjekten aus Ramsch - und bei der Bemusterung muss der Bauherr kräftig draufzahlen, damit er ein Haus bekommt, in dem er wohnen mag. "Es ist ganz leicht, einem Laien vieles zu verschweigen", räumt Baufritz-Chefin Dagmar Fritz freimütig ein. "Deswegen kann ich jedem nur raten: Bauen Sie niemals - niemals! - ohne einen unabhängigen Fachmann. Und unterschreiben Sie keinen Vertrag ohne eine Vorbemusterung." Wo dann klar wird, welcher Standard dem Angebot zugrunde liegt.

Viele Bauherren besichtigen das Werk

Umso wichtiger ist ein Besuch beim Hersteller. Bei einer Werksführung kann man sich nicht nur zeigen lassen, welche Fliesen und Armaturen im Preis mit drin sind. Da kann man auch sehen, wie die Wände aufgebaut werden und welche Materialien verarbeitet sind. "Immer mehr unserer Bauherren kommen schon vor Vertragsabschluss zu uns", berichtet Johannes Schwörer, "die Leute sind durch die vielen Baupleiten sensibilisiert und wollen sich selbst überzeugen, ob das Unternehmen, mit dem sie bauen möchten, seriös ist." Die "World of Living", wie Weber-Haus sein Kundenzentrum genannt hat, ist sogar als Freizeitangebot beliebt: 90.000 Besucher kamen vergangenes Jahr, um zumindest mal vom eigenen Haus träumen zu können.

Bei so einem Besuch wird auch die Philosophie eines Hausherstellers spürbar. Baufritz, mit 250 Häusern pro Jahr eines der kleineren Unternehmen, setzt bei seiner Präsentation besonders auf Ökologie und Baubiologie. Die Auswahl ist vorsortiert und in Stilwelten aufgeteilt: Jeder Interessent sucht sich im Ausstattungszentrum zunächst den Eingang aus, durch den er sein Haus am liebsten betreten möchte. Und steht dann im passenden Ambiente zwischen Landhaus, Stil junge Familie, Edelstahl mit Schiefer und modernem Design-Mix. Volker, 29, und Diana Wagner, 29, haben spontan das Landhaus betreten, wegen der großen Veranda davor. Drinnen ist es ihnen aber dann doch zu traditionell. Sie hätten es gern "amerikanisch", mit umlaufender Veranda, Kamin, und großen Fenstern.

"Kann man das vererben?"

Wie tief in Deutschland das Vorurteil gegen Fertighäusern sitzt, zeigen die Bedenken, die Diana Wagner zunächst hatte. Es sollte zwar ein Holzhaus sein, weil das eben etwas Besonderes ist, aber wie steht es mit Lebensdauer, Schalldämmung und der Traglast der Wände? "Ist das ein vollwertiges Haus, das man vererben kann?", fragte sich die Stewardess. Der Bauberater konnte sie offenbar davon überzeugen, denn schließlich unterschrieben sie und ihr Mann den Vertrag. Es war ihr vierter Besuch im Allgäu, jedes Mal eine Tour von 350 Kilometern hin und zurück. Die Mühe, finden sie, hat sich gelohnt.

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