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Immobilienmakler auf dem Land: "Wir müssen für unser Geld richtig arbeiten"

In den Städten reißen sie sich um jedes Wohnungs-Loch, auf dem Land stehen ganze Häuser leer. Andrea Ernst, Maklerin im Weserbergland, erzählt im Interview, wie das Gegenteil von Wohnungsnot aussieht.

Andrea Ernst, 53, ist selbstständige Immobilienmaklerin in Beverungen, einer 14.000-Einwohner-Stadt zwischen Paderborn und Göttingen

Andrea Ernst, 53, ist selbstständige Immobilienmaklerin in Beverungen, einer 14.000-Einwohner-Stadt zwischen Paderborn und Göttingen

Frau Ernst, in der Großstadt muss ein Makler häufig nur einen Besichtigungstermin ansetzen, 20 Interessenten durch die Wohnung schleusen und sich am Schluss für einen entscheiden. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Da bin ich schon etwas neidisch auf die Kollegen in der Stadt. Auf dem Land läuft das anders. Wir haben deutlich mehr zu kämpfen und müssen für unser Geld richtig arbeiten: Ein ordentliches Exposé schreiben, hübsche Fotos machen, inserieren - und dann teilweise unzählige Einzelbesichtigungen.

Wie oft müssen Sie da ran?


Für einen 60er-Jahre-Bau musste ich 48 Besichtigungen machen, bis sich jemand erbarmt hat, den zu kaufen. Dabei war das ein großes Haus in einer guten Wohngegend und kostete nur 60.000 Euro.

Was war der Haken an dem Haus?


Man musste nochmal 60.000 Euro reinstecken, um das auf Stand zu bringen. Neuer Anstrich, Wände einreißen, Leitungen sanieren, solche Sachen. Der Zustand der Häuser ist hier oft ein großes Problem. Die Vorbesitzer kommen meist aus der älteren Generation und haben die Einstellung "Komm, das geht doch noch". Da wurde Jahrzehnte nichts gemacht, sodass es einen richtigen Instandhaltungsstau gibt.

Gibt es Häuser, die komplett unverkäuflich sind?


Wir hatten mal ein hübsches Fachwerkhaus, da wohnte nur noch der Holzwurm drin. Einen Wasserschaden hatte das auch noch. Das haben wir für 18.000 Euro praktisch verschenkt. Wir sprechen hier von zwei Wohneinheiten mit tollem Blick übers Wesertal und einen Dornröschengarten gab's noch dazu.

Blick vom Weinberg auf Höxter, die Nachbargemeinde von Beverungen

Blick vom Weinberg auf Höxter, die Nachbargemeinde von Beverungen

Die Idee vom Landleben als Gegenpol zur lauten, stressigen Großstadt finden viele gut. Aber wer zieht denn tatsächlich noch aufs Land?
Die Jüngeren ziehen meistens weg. Nur solche, die wirklich tief verwurzelt sind und einen festen Job haben, bleiben. Es gibt durchaus auch Leute, die weggegangen sind und jetzt wieder zurückkommen wollen mit ihrer Familie. Die sind aber wählerisch bei der Immobilie und nehmen nicht alles, so wie in der Stadt. Und moderne Objekte gibt es wenige. Geplant werden hier derzeit nur barrierefreie Wohnungen, Seniorentagesstätten und Pflegeeinrichtungen. Bald können wir aufs Ortsschild "Seniorenheim" schreiben.

Wie geht es Ihnen selbst? Bereuen Sie es, aufs Land gezogen zu sein?


Als ich vor 30 Jahren aus München hergezogen bin, habe ich mich ein Jahr lang geweigert die Kisten auszupacken, weil ich dachte, dass ich hier schnell wieder weg bin. Mittlerweile fühle ich mich heimisch in Beverungen und mein Mann auch. Ich bin zwar nach wie vor gerne unterwegs, freue mich aber immer, wieder nach Hause zu kommen.

Die Mietpreisbremse, die nächstes Jahr kommen soll, beinhaltet auch eine Neuregelung für Makler. Künftig soll derjenige bezahlen, der den Makler bestellt. Wird Sie das auch treffen oder nur die Kollegen in den Städten?


Ich fürchte, dass uns das auch trifft. Im Moment lassen wir uns jeweils zur Hälfte von Käufer und Verkäufer bezahlen, das geht ja dann nicht mehr. Manche werden wohl künftig versuchen, ohne Makler auszukommen und alles selbst zu machen. Die werden sich aber wundern, wieviel Arbeit das ist.

Einen Immobilien-Report über Leerstand und Verfall auf dem Land lesen Sie im aktuellen stern

Interview: Daniel Bakir

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