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In der Mitte Deutschlands: An Werra und Fulda: Flüsse, Fachwerk, Fahrrad-Rundtour

Wer die Werra flussaufwärts und die Fulda flussabwärts entlangradelt, erlebt malerische Landschaften, gepflegte Fachwerkstädte – und erfreulich wenige Steigungen. Eine Rundfahrt.

Von Alf Burchardt

Pause bei Radtour an der Werrabrücke in Breitungen

Pause bei Radtour an der Werrabrücke in Breitungen

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Vielleicht sollten wir zunächst einmal über den Namen reden: "Hann. Münden". Er klingt nicht besonders schön; er liest sich auch seltsam mit dem Punkt mittendrin. Bis 1991 hieß die Stadt im Süden Niedersachsens noch Hannoversch Münden. Das führte, wenn man es aussprach, oft zu Missverständnissen: "Schmünden?" Und es passte nur schwerlich auf Bahntickets. Also steht heute auf den Schildern am Ortseingang: Hann. Münden.

Wer dort ankommt, muss sich allerdings keine Gedanken mehr machen über den Namen. Und der Weg lohnt sich: Für den weit gereisten Alexander von Humboldt war die Stadt angeblich eine der sieben schönstgelegenen der Welt, eingebettet in die sanften Hügel am südlichen Rand des Weserberglands, dort, wo Werra und Fulda zur Weser zusammenfließen. Die Straßen im Zentrum sind gepflastert mit Kopfstein, an ihnen reihen sich gut erhaltene Fachwerkhäuser – ein Deutschland wie aus dem Bilderbuch.

Aus der Stadt hinaus führen viele Radwege, eine wunderbare Runde verläuft die Werra flussaufwärts, hinüber zur Fulda und dann wieder zurück. Die Tour ist gut 200 Kilometer lang. Und da sie zwei Flüsse begleitet, kommt sie fast ohne Steigungen aus. Die Ausschilderung ist vorbildlich, der vom Radfahrer wenig geliebte Autoverkehr rollt bisweilen in Sicht-, doch fast nie in Hörweite. Es geht durch viel Natur, da empfiehlt es sich, Proviant einzupacken.

Ulrich Schumann, der "Ritter der Rotwurst"

In einer Schlachterei nahe dem Rathaus von Hann. Münden steht Ulrich Schumann hinter dem Tresen. Nicht weit von hier ist er aufgewachsen, im Norden Hessens. Und wie sein Vater und ein Großvater stellt auch er die nordhessische Ahle (= alte) Wurst her, eine Art Salami, die in jede Satteltasche passt. Auf dem Schild über seinem Geschäft schmückt der 61-Jährige sich aber mit einer anderen Spezialität: "Ritter der Rotwurst". Schumann erzählt: "Als ich las, dass in Frankreich ein Wettbewerb der Rotwurst-Hersteller stattfand, habe ich einfach mal mitgemacht."

Wo  Werra und Fulda zusammenfließen in die Weser entsteht: Luftbild der Stadt Hann. Münden

Wo  Werra und Fulda zusammenfließen in die Weser entsteht: Luftbild der Stadt Hann. Münden

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Gleich bei seiner ersten Teilnahme setzte er sich durch gegen 600 Konkurrenten aus aller Welt, seither gewann er die Weltmeisterschaft sechsmal. "Die Franzosen sind offen für alles", sagt Schumann, das sporne ihn an, das lasse ihn immer wieder Neues probieren. Rotwurst im Lachsmantel etwa, mit Jakobsmuscheln oder mit Schokolade überzogen als Praline. Doch auch mit anderen Würsten holt Schumann Titel: 2017 gewann er die Bratwurst-Europameisterschaften. Die Ware in seinem Geschäft reicht er vorbei an Pokalen.

Die Werra trennt Hessen von Thüringen

Von Ulrich Schumann ist es ein kurzer Weg zur Alten Werrabrücke. Der Radweg führt an Kleingärten entlang aus der Stadt hinaus. Bald weitet sich das Tal für Wiesen und Felder, für Wälder und Dörfer. Bei einer Pause klingt es auf einmal ungewohnt: Hier ist nicht mehr Niedersachsen, die Menschen sprechen weiche Konsonanten und verfärben die Vokale – die Werra trennt nun Hessen von Thüringen. An einer Flussschleife liegt das Dorf Lindewerra, in der DDR war es der innerdeutschen Grenze so nah, dass Personen, die als politisch unzuverlässig galten, umgesiedelt wurden. Erst seit 1999 führt der Weg wieder über die Werrabrücke, die die Wehrmacht zum Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt hatte.

Hier verlief einst die innerdeutsche Grenze: das Dorf Lindewerra liegt an einer Flussschleife

Hier verlief einst die innerdeutsche Grenze: das Dorf Lindewerra liegt an einer Flussschleife

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Auch Eschwege ist eine Pracht im Fachwerk. "Holz und Lehm waren die Baustoffe in der Gegend", erklärt Schreinermeister Thomas Eichholz, 47. Die Sanierung alter Fachwerkhäuser mache ein Fünftel seiner Arbeit aus, gern dürfe es mehr sein. Eichholz liebt die alte Bauweise, ihm kommen die Tränen, wenn er bei der Arbeit entdeckt, wie mit Bauschaum und Silikon schnell, aber schlampig renoviert wurde.

Sein Betrieb liegt im alten Gerber- und Weberviertel. Bei einem Gang zeigt er die Bausünden: hier die Balken zu breit übermalt, dort die Fugen zugespachtelt. Vor einem kleinen, schmucken Gebäude am Fluss bleibt Eichholz stehen. Es ist das sogenannte Bügeleisenhaus, das in der Tat ein wenig nach dem Haushaltsgerät aussieht. "Eine Frau hat privat die Sanierung bezahlt, weil sie das Haus erhalten wollte." Bei so viel Engagement, erzählt Eichholz, hätten dann auch die Handwerker auf einen Teil ihres Geldes verzichtet.

Rotenburg an der Fulda

Von Eschwege führt der Werra-Radweg rund 240 Kilometer weiter flussaufwärts zur Quelle am Rennsteig; die Rundtour aber schwenkt ab nach Südwesten, vorbei an einer Kneipp-Anlage am Ortsausgang, die Gelegenheit, noch einmal die Füße zu kühlen, denn auf dem Weg durch eine Gegend, die Waldhessen heißt, geht es 250 Höhenmeter bergauf. Dann wieder hinab zur Fulda; an der engsten Stelle ihres Tals liegt das schöne Städtchen Rotenburg.

Fachwerkhäuser am Marktplatz von Eschwege im Werra-Meißner-Kreis

Fachwerkhäuser am Marktplatz von Eschwege im Werra-Meißner-Kreis

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Wenige Kilometer weiter hört hinter dem Kloster Haydau der Radweg auf, weiter geht er am anderen Ufer. Übers Wasser spannt sich ein Seil, an ihm hängt eine Gondel, leider gerade auf der anderen Seite. Die Gebrauchsanweisung sagt: kurbeln. Was sie nicht sagt: sehr viel kurbeln. Zentimeter für Zentimeter schwebt der Stahlkorb herüber. Als er angekommen ist: Tür auf, Rad und Radler rein, Tür wieder zu und erneut kurbeln – ein Stück Radweg für die Arme.

Vor einem Haus in Guxhagen leuchten Bänke in bunten Farben, es ist das Atelier von Rainer Schunder, 58. Früher war er Bildhauer. "Aber was man da fertigt, steht einfach nur rum in einem Raum, da gucken wenige Leute hin", sagt er. Deshalb habe er sich auf funktionale Kunst verlegt, heute fertigt er Bänke aus gefallenen Stämmen. Die Idee kam Schunder nach dem Orkan "Kyrill". Wer eine Bank kauft, bekommt dazu eine Wanderkarte von der Gegend, wo der Baum gestanden hat. "Auch eine gute Methode, um den Kindern den Begriff Nachhaltigkeit zu erklären", sagt er.

Bis Kassel sieht man immer wieder Bänke von Schunder am Wegesrand. Die Fulda wird breiter, weiter. Bei Wilhelmshausen dann bremst eine erste Schleuse den Fluss, es folgen sieben weitere, die ihn um 19 Meter auf das Niveau der Werra herabsenken. Am Weserstein treffen sich beide Flüsse. Zurück am Start, zurück bei Schumann, darauf eine Wurst.

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