VG-Wort Pixel

Protest gegen Kündigung Vermieter will WG mit dementen Senioren kündigen


Sieben an Demenz erkrankte Senioren leben in Berlin zusammen in einer WG - nun sollen sie ausziehen. Der Eigentümer hat ihnen ohne Begründung gekündigt. In einer Petition protestieren 71.000 Menschen gegen den Rauswurf.
Von Alica Müller

Eine Wohngemeinschaft in Berlin zu finden ist schon für Studenten ohne große Ansprüche nicht immer einfach. Wie soll das erst aussehen, wenn die Wohnungssuchenden zu siebt sind, alle um die 90 Jahre alt und dement? In Berlin wurde einer WG aus dementen Senioren nun gekündigt. Im November sollen sich Käthe, Rosemarie, Hildegard, Otto, Barbara und noch mal Barbara eine neue Wohnung suchen, wie die "Berliner Morgenpost" schreibt.

Die Senioren wohnen in einer alten Fachwerkvilla in Berlin-Steglitz. Mieter ist der Berliner Verein "Freunde alter Menschen". Er hat in Berlin mehrere Wohnungen angemietet und vermittelt die Zimmer an Senioren, die dort zusammenleben und von externen Pflegediensten betreut werden, statt ihren Lebensabend im Heim zu verbringen.

Bewohner wissen noch nichts von der Kündigung

Der Fall in Steglitz ist der erste, in dem eine der Senioren-WGs gekündigt wurde, und kam gerade deshalb unerwartet, weil das Haus ein Jahr lang leer stand, bevor der Verein es anmietete. "Die damaligen Eigentümer waren froh, uns als Mieter gefunden zu haben. Jetzt will man uns offenbar loswerden", sagte der Vereinsgeschäftsführer Klaus Pawletko der "Morgenpost".

Das war 2006. Seitdem vermietet der Verein die sieben Zimmer immer wieder an demente Senioren – eines steht momentan leer. Der ehemalige Bewohner ist verstorben und wegen der Kündigung darf der Verein keinen neuen Mietvertrag mehr abschließen. Das Schreiben erhielten die Berliner am 29. Juli dieses Jahres. Die Bewohner wissen noch nichts von ihrem Schicksal. "Es würde sie nur beunruhigen", sagte Pawletko der Zeitung .

71.000 unterzeichnen Petition 

Er wehrt sich gegen die Kündigung und hat mit dem Verein eine Petition gestartet. Schon über 71.000 Menschen haben "Kein Rauswurf von Käthe!" unterschrieben. "Dieses Haus ist ein Ort, an dem Menschen trotz ihrer demenziellen Erkrankung ein würdevolles und auch häufig fröhliches Leben als Wohngemeinschaft der besonderen Art leben", schreibt der Verein darin – auf Deutsch und auf Dänisch. Eigentümer der Wohnung ist die Esplanaden Berlin Holding A/S mit Sitz in Dänemark. Diese habe die Kündigung unbegründet geschickt, heißt es vom Verein, "und offensichtlich ohne sich Gedanken um den Verbleib der dort lebenden alten Menschen zu machen."

Fall geht vor das Amtsgericht

Rechtlich gesehen ist der Fall noch nicht geklärt. Entscheidend ist wohl, ob der Verein als anerkannter privater Träger der Wohlfahrtspflege angesehen wird. In diesem Fall würde der übliche Kündigungsschutz wahrscheinlich nicht gelten – der Eigentümer dürfte die Senioren also ohne Begründung vor die Tür setzen. Das wird bald vor dem Amtsgericht Schöneberg verhandelt. Selbst wenn die Entscheidung gegen die Senioren ausfällt: Pawletko will nicht klein beigeben, wie er in der "Morgenpost" ankündigte: "Wir werden die alten Menschen nicht vor die Türe setzen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker