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Reportage der Woche

Blick von der Containerbrücke: 38,5 Meter über dem Hamburger Hafen – auf Schicht mit einem Mann, der Riesenschiffe belädt

Als Brückenfahrer im Hamburger Hafen hat man einen Arbeitsplatz mit spektakulärem Blick auf die Stadt. Zu Besuch bei einem Kranfahrer, der seinen Kindheitstraum erfüllt hat.

Containerschiff, welches nach Singapur fährt

Jan Bürger bewegt gerade 32 Tonnen durch die Luft, so viel wiegt ein Container. Mit einem Steuerknüppel bedient er einen Greifarm, der unter ihm schwebt. Der sogenannte Spreader greift den mehr als neun Meter langen Container und hebt ihn an. Durch den gläsernen Boden schaut Bürger in die Tiefe. 38,5 Meter über dem Hafen sitzt er im Führerhaus der Containerbrücke. Erste Jobvoraussetzung: Schwindelfreiheit. 

Bürger drückt und zieht den Joystick vor sich zur Seite. Mit der Leichtigkeit eines Computerspielers, der genau weiß, was als Nächstes passieren wird. Durch das kleine, geöffnete Fenster dringt kühler Fahrtwind, als sich das Führerhaus in Bewegung setzt. Bürger wirft einen Blick auf die Signallampen. Sieht gut aus, er darf absenken. Wenige Sekunden später ist die Fracht auf dem Schiff abgeladen. Natürlich nicht irgendwo, sondern exakt an der vorgegebenen Stelle. Bildschirme weisen ihm den Weg.

Hamburger Hafen: Um 6.45 Briefing der Frühschicht

Unter Bürger knallt Stahl auf Stahl, auf dem Terminal-Gelände in Hamburg-Altenwerder herrscht Hochbetrieb. Vor etwa einer Stunde war Schichtwechsel bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA). Um 6.45 Uhr fand das Briefing der Frühschicht im Hauptgebäude statt, wie jeden Morgen.

Jan Bürger, 42, arbeitet als Containerbrückenfahrer auf dem Terminal, seine Kollegen grüßen ihn freundlich – gelegentlich mit der Ghettofaust. Manch einer schaut noch müde aus seinen Augen, doch Scherze oder Sprüche hört man hier auch zu früher Uhrzeit. Viele der Männer kennen sich seit Jahren, das merkt man ihnen an.

Es ist noch frisch in Hamburg an diesem Morgen, die ersten Lichtstrahlen des Tages fallen durch die Glasfenster des Besprechungsraums. Sechs, sieben Grad Celsius Außentemperatur zeigt das Thermometer an, der Wind bläst, der Nebel ist hartnäckig. Der Frühling lässt im Norden Deutschlands noch auf sich warten. Das kennt man so an der Süderelbe. Wer hier arbeitet, braucht warme Klamotten. "Jan Bürger, CB6", hallt es durch den Raum, der Vorarbeiter ruft jeden Kollegen einzeln auf. "Ja", antwortet Bürger. Wenn jeder Anwesende seine Aufgabe kennt, kann die Schicht beginnen. 

Eine Containerbrücke in Altenwerder

CB6 ist eine von 14 Containerbrücken auf dem Terminal in Altenwerder. An diesem Morgen ist sie der Arbeitsplatz von Jan Bürger.

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Der 1400 Meter lange Ballinkai, an dem die Containerschiffe anlegen, befindet sich etwa 500 Meter vom Hauptgebäude entfernt und wäre problemlos zu Fuß zu erreichen. Doch die Arbeiter werden aus Sicherheitsgründen mit Kleinbussen zu ihrem Einsatzort gebracht. Auf die Brücke CB6 gelangt Bürger über Stahltreppen und einen engen, spärlich beleuchteten Weg. Der führt zu einem kleinen Fahrstuhl, der sich in einem der Beine des Krans befindet und ihn nach oben bringt. Es rumpelt und knattert. Alles vibriert. Tageslicht gibt es hier nicht, um ihn herum ist nur Stahl. Für Menschen mit Klaustrophobie wäre das die Hölle.

"Ich fahre gerne Brücke"

Bürger lässt das kalt. Der 1,90 Meter große Mann läuft in Richtung Fahrerkanzel, die Reflektoren an seiner strahlend gelben Dienstlatzhose leuchten um die Wette. Noch ein paar Gitterwege und Treppenstufen, dann ist er angekommen. Der Wind pfeift ihm um die Ohren, trotz Schutzhelm. In dem Führerhaus wird er die nächsten vier Stunden verbringen. "Ich fahre gerne Brücke", sagt er, während er in einem schwarzen Ledersessel sitzt, an dessen Flanken verschiedene Steuerhebel angebracht sind. Er schaut vor sich auf die Bildschirme. Unter ihm sind Gitter, auf denen er seine Füße abstellen kann. Direkt darunter ist der Boden aus Glas.

"Als Erstes wird das Feederschiff beladen", sagt er, während er mit einer Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde zurücksetzt. Drei Meter pro Sekunde, das sind 180 Meter pro Minute oder knapp elf Kilometer pro Stunde. Klingt nicht sonderlich beeindruckend. Doch hier oben, irgendwo zwischen Hamburger Himmel und der Elbe, ist das anders. Jede Bewegung ist wackelig. Und es ist laut. Sehr laut. Bürger stoppt abrupt bei einer Zwischenplattform, wo bereits ein Container darauf wartet, verladen zu werden. Vom Feederschiff, das lediglich als Zulieferfrachter unterwegs ist, wird die Ladung später im Hamburger Hafen auf andere Terminals verteilt werden.

Jan Bürger sitzt auf einem schwarzen Ledersessel in der Hauptkatze der Containerbrücke

Jan Bürger sitzt in der Hauptkatze, von der aus er die Containerbrücke steuert

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Bürger ist ein Urgestein bei der HHLA. Er arbeitet seit 2004 auf dem Terminal, der seinen Standort seit 2002 in Altenwerder hat, zusätzlich zu den beiden HHLA-Terminals am Tollerort und am Burchardkai. "Als ich hier anfing zu arbeiten, gab es zehn Lagerblöcke. Inzwischen sind es 26." Wenn es gut läuft, braucht Bürger eine halbe Stunde, um die insgesamt 20 Container auf das Schiff zu laden. "Mein Rekord liegt bei 55 Stück pro Stunde", sagt er mit ein wenig Stolz. Und schiebt hinterher: "Hier geht es aber nicht um Schnelligkeit, sondern um Präzision." Bürger trägt viel Verantwortung. Von oben betrachtet wirkt es, als spiele er auf dem Schiff Tetris mit Containern. Es darf nichts schiefgehen, sonst kippt das Schiff. Daher gibt es einen festen Ablauf: "Ich fange an der Wasserseite an und arbeite mich zur Landseite vor – dann drückt das Gewicht des Schiffes gegen den Kai und es kann nicht kippen." Ein Kollege an Deck des Schiffes hat jeden seiner Arbeitsschritte im Blick. Mit ihm hält er permanent Funkkontakt. Den anderen Arbeitern auf seiner Brücke kann er über einen Außenlautsprecher Instruktionen geben.

2000 Tonnen setzen sich in Bewegung

Als die Beladung des Feederschiffes abgeschlossen ist, kommen per Funk neue Anweisungen: Bürger setzt die 2000 Tonnen schwere Containerbrücke in Bewegung. Ziel ist das Heck eines viel größeren Schiffes, das ein paar hundert Meter rechts von ihm liegt.

Pro Woche legen in Altenwerder ungefähr zehn Großschiffe an, die rund 24 Stunden im Hafen liegen. Schiffsplaner bestimmen, wo auf einem Schiff welche Ladung steht. "Ganz oben gelagerte Container werden meistens im nächsten Hafen vom Schiff geholt", erklärt Bürger. Die ganz großen Containerschiffe, auf die bis zu 22.000 Container passen, fahren zu den Terminals am Tollerort und am Burchardkai. Der Terminal in Altenwerder ist dafür nicht ausgelegt, weil die nahe gelegene Köhlbrandbrücke den Zuweg versperrt, sie ist nicht hoch genug.

Während der Fahrt mit der Containerbrücke sieht Bürger auf einem seiner Bildschirme die Straße unter sich. Ist der Weg frei, setzt er sich mit der kompletten Brücke in Bewegung. Die Fahrt ist kaum spürbar, weil es auf Schienen nur langsam vorwärts geht. Nach wenigen Minuten sagt Bürger: "Wir sind da." Jetzt bietet sich unter der Fahrerkanzel eine neue Sicht: Tausende verschiedenfarbige Container liegen unter ihm. "Es gibt Container, die sind sehr selten: 30-Fuß-Container mit Überlänge oder 25er High Cubes – die sind höher. Das ist dann schon etwas Besonderes", sagt er. Eines allerdings weiß er nicht: Was die Container enthalten. "Ich sehe nur, wo sie herkommen. Hier landet Fracht aus der ganzen Welt."

Leidet trotz des hohen Arbeitstempos die Konzentration, muss sich Bürger etwas überlegen: "Frische Luft und Bewegung helfen mir, um wieder wach zu werden", sagt er. Zu lange kann und darf man den Job ohnehin nicht machen. Alle vier Stunden werden die Aufgaben getauscht, damit die Fahrer sich bewegen können. Nach einer halben Stunde Pause in der Kantine wird er später den Part an Deck des Schiffes übernehmen und die Arbeit des auf ihn folgenden Containerbrückenfahrers überwachen. Für den Wechsel spricht auch ein ganz pragmatisches Anliegen: Hoch oben in der Luft gibt es keine Toiletten. Wer zwischendurch mal muss, muss Alarm schlagen. "Das muss man sich rechtzeitig überlegen", sagt Bürger. Denn es dauert einen Moment bis die Kollegen kommen, um ihn per Bus ins Hauptgebäude zu bringen. Doch heute drückt die Blase nicht, er kann oben bleiben.

Containerschiff, welches nach Singapur fährt

Wenn das Containerschiff "Seaspan Thames" komplett beladen ist, wird es nach Asien fahren

Nebel zieht auf – und es ertönt Musik

Die Aussicht aus der Kabine macht das Toiletten-Prozedere mehr als wett. "Bei schönem Wetter ist das die geilste Sicht, die man in Hamburg haben kann", sagt Bürger. Und beginnt zu schwärmen. Vom Blick, den Sonnenaufgängen, dem Hafen. Aus seinem kleinen Radio erklingt "It's My Life" von Dr. Alban, als hätte er's bestellt. Der Nebel wird dichter, die Spitzen der Kräne sind kaum noch zu erkennen. Auch das kennt man in Hamburg. Wenn die Sichtverhältnisse richtig schlecht sind, muss die Arbeit auch mal unterbrochen werden: "Es kam schon vor, dass der Nebel so dicht war, dass ich unter mir das Schiff nicht mehr gesehen habe. Bei Nebelschwaden kann es passieren, dass eine Containerbrücke arbeiten kann und die andere nicht, obwohl sie nicht weit auseinander liegen." Bei richtigem Sturm ist sowieso Schluss. "Bei Windstärke 10 klappen wir die Arme der Containerbrücken hoch, da sonst die Gefahr besteht, dass die Kräne umkippen", sagt Bürger. So windig ist es heute nicht und auch der Nebel beeinträchtigt seine Arbeit nicht. Bürger ist erleichtert, er hat keine Zeit zu verlieren. "Es gibt schon mal Stresssituationen, wenn ein Schiff schnell fertig werden muss, aber da komme ich mit klar. Sonst würde ich den Job nicht schon seit 15 Jahren machen." Und schon knarzt das Funkgerät wieder. Die nächsten Anweisungen.

Die Containerbrücken sind durch Nebel schwer zu erkennen

Wird der Nebel zu dicht, ist Pause. Die Arbeiter müssen dann warten, bis wieder klare Sicht herrscht. 

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Als Bürger einen weiteren Container vom Schiff holen möchte, kneift er beim Blick nach unten die Augen ein bisschen zusammen. Dann sagt er in sein Funkgerät: "Da ist noch etwas fest, alter Mann!" Ein paar Twist Locks zwischen den Containern sind nicht geöffnet worden. Nach einem kurzen Moment antwortet sein Kollege: "Du hast recht, du Adlerauge." Bürger entgegnet trocken: "Holzauge, sei wachsam. Was meinst du, wozu ich eine Brille habe?" "Damit du nicht ganz so blöd aussiehst!" Bürger lacht. "Ohne Spaß geht hier nichts, das brauchen wir bei der harten Arbeit." Denn Stillstand gibt es hier nicht. Frühschicht, Spätschicht und Nachtschicht, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Bei fast jedem Wetter.

Ein Traum ist wahr geworden

Bevor Jan Bürger als Containerbrückenfahrer angefangen hat, war er bei den Festmachern und hat Schiffe im Hamburger Hafen vertäut. Wenn der Vater zweier Töchter von seiner eigenen Kindheit spricht, zeigt er plötzlich eine ganz weiche Seite: "Früher hat mein Vater uns Kinder manchmal mit zur Arbeit genommen. Er war auch bei den Festmachern." Bürger erinnert sich: "Bei den Brücken am Tollerort habe ich immer zu den Kränen aufgeschaut und gestaunt. Damals habe ich mir vorgenommen, dass ich später Kranfahrer werde." Sein Traum ist wahr geworden. "Das erfüllt mich mit Stolz", sagt Bürger, als der Feierabend näherkommt. Morgen wird er wieder zum Terminal fahren und seinen Job erledigen. 38,5 Meter über dem Hafen. Wie er das als Hamburger Urgestein eben gerne macht.

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