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Arbeitsbedingungen: Amazon am Pranger: Mitarbeiter pinkeln in Flaschen, weil der Zeitdruck so groß ist

Für Jeff Bezos zu arbeiten, kann die Hölle sein. Ein britischer Journalist enthüllt den Druck, der in Amazons Lagerhallen herrscht. Die Arbeiter hätten sogar Angst, aufs Klo zu gehen, sagte er. Dafür gibt es Urin-Flaschen.

Lagerarbeiterin bei Amazon

Amazon steht wegen der Arbeitsbedingungen immer wieder in der Kritik.

AFP

Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt. Sein Reichtum baut darauf auf, dass seine Firma Amazon weltweit dem Einzelhandel die Umsätze abnimmt und den Einkauf ins Netz verlagert. Seine Angestellten merken von dem großen Erfolg mitunter nicht so viel. Offenbar müssen sie in einigen Ländern so schlimm schuften, wie es die Landesgesetze eben gerade noch zu lassen.

Und manches Mal ist der Druck in den Lagerhallen von Amazon wohl noch größer. Das enthüllt der Journalist James Bloodworth, der für sein Buch "Hired: Six Months Undercover in Low-Wage Britain" (Angeheuert: Sechs Monate undercover im Billig-Lohnland-Britannien) in einem Amazon-Lager in arbeitete. Dort lernte er, dass die Arbeiter, Flaschen anstelle der Toilette benutzen. James Bloodworth sagte der britischen "Sun": "Für die von uns, die im obersten Stockwerk arbeiteten, lagen die nächsten Toiletten vier Treppen weiter runter." Dieser Weg ist im Laufe einer Schicht nicht wieder einzuholen. "Die Leute haben in Flaschen gepinkelt, weil sie ständig Angst vor Disziplinierungsmaßnahmen haben und fürchten, ihre Arbeit zu verlieren, nur weil sie einmal zum Klo mussten."

Arbeiten bei Amazon

Jeder Arbeiter werde dort von speziellen Vorgesetzten auf Zeitverschwendung permanent kontrolliert. Den Journalisten hat das Lager mehr an ein Hochsicherheits-Gefängnis mit Sicherheitsscannern erinnert als an ein Lagerhaus, in dem Hoodies und Sonnenbrillen ebenso verboten sind wie Mobiltelefone.

Ein Sprecher von Amazon dementierte gegenüber der "Sun": "Amazon stellt sicher, dass alle Mitarbeiter einen leichten Zugang zu Toilettenanlagen haben, die nur einen kurzen Weg von den Arbeitsplätzen entfernt liegen. Amazon bietet einen sicheren und positiven Job füre Tausende von Menschen in Großbritannien mit konkurrenzfähigen Gehältern und weiteren Vorteilen. Wir konzentrieren uns darauf, dass wir allen unseren Mitarbeitern ein großartiges Arbeitsumfeld bieten. Im vergangenen Monat wurde Amazon von LinkedIn zum siebtbeliebtesten Arbeitgeber in Großbritannien gekürt und belegte den ersten Platz in den USA."

Anonyme Umfrage 

Doch die Arbeitnehmerrechtsplattform Organise stützt die Erkenntnisse von Bloodworth in ihrem neuen Report "What's it like working in an Amazon warehouse? The results". Nach diesen Angaben würden 74 Prozent der Amazon-Arbeitnehmer die Toilette aus Angst meiden. Die ständig steigenden Ziele würden dazu führen, dass 55 Prozent der Mitarbeiter angeben, wegen der Arbeit bei Amazon unter Depressionen zu leiden. "Aus Sicht von Amazon haben wir nicht das Recht, krank zu sein", bekannte ein Mitarbeiter in der anonymen Umfrage von Organise.

Eine andere Person sagte: "Ich trinke kein Wasser, weil ich keine Zeit habe, auf die Toilette zu gehen". Eine weitere Stimme aus der Umfrage: "Man muss zwei Produkte pro Minute verpacken. Wir haben keine Zeit, Wasser zu trinken und auf die Toilette zu gehen."

Formal sind die Pausenregelungen bei Amazon in Britannien großzügiger als vielerorts in Deutschland. Die Arbeiter erhalten eine unbezahlte Pause von 30 Minuten und zwei 15-minütige Pausen, die als Arbeitszeit entgolten werden. Die Umfrage von Organise legt allerdings nahe, dass die Wahrheit in Bezos-Lagerhallen anders aussieht. "Meine Ziele lassen sich nicht erreichen. Ich kenne viele Leute, die ihre Pausen nicht nehmen, nur um in der zusätzlichen Zeit das Tagessoll zu schaffen."

Auch die Aussagekraft der anonymen Umfrage bestreitet Amazon.

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