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Arbeit: Japanische "Freeter": Teilzeitjobs und keine Zukunft

Sie wollen sich ihre zeit selber einteilen und springen darum von einem Teilzeitjob in den anderen: Japanische "Freeter". Ein Phänomen, das der hiesigen Regierung Sorge bereitet.

Tomoko Noguchi wollte eigentlich Schönheitsexpertin werden. Die Japanerin absolvierte eine zweijährige Ausbildung an einer Berufsschule und fand anschließend eine Festanstellung in einem Ästethiksalon. Doch bereits nach neun Monaten reichte sie ihre Kündigung ein. "Die Arbeit war ganz anders als das, was ich mir vorgestellt habe", erzählte die junge Frau der Zeitung "Japan Times". Statt Schönheitsbehandlungen vorzunehmen, musste sie am Telefon um Kunden für Beauty-Produkte werben - und das für ein Monatsgehalt von gerade 160 000 Yen (heute 1140 Euro).

Noguchi warf ihre feste Anstellung hin und arbeitete fortan als Barhostess in einem Szeneviertel von Tokio für einen Stundenlohn von 2.600 Yen. Dadurch sei ihr Monatseinkommen nicht nur auf 400.000 Yen gestiegen. "Mir gefällt die Freiheit, zu arbeiten, wann ich es möchte, und das Geld beliebig ausgeben zu können", erzählte sie. Noguchi gehört zu einer wachsenden Zahl von jungen Japanern, die vom traditionellen Berufspfad als Festangestellte abkommen und stattdessen von einer Teilzeitbeschäftigung zur anderen springen.

"Bedrohliches Problem"

"Freeter" werden diese jungen Leute genannt, eine Ableitung vom englischen "free" und dem deutschen "Arbeiter". Das deutsche Wort Arbeit wird auf japanisch "arubaito" ausgesprochen, bedeutet aber in Japan Teilzeitarbeit. Was junge Japaner wie Noguchi auf den ersten Blick glücklich zu machen scheint, beschäftigt Regierungsbeamte, Pädagogen und Kommentatoren als "bedrohliches Problem". Die wachsende Zahl solcher jungen Leute drohe angesichts mangelnder Fortbildung Japans Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen, warnte die Regierung am Freitag in ihrem Jahresbericht zu den Lebensbedingungen mit dem Titel "Deflation und Alltagsleben - Junge 'Freeter' heute".

Der Zuwachs solch niedrig bezahlter Jobs könne zudem den allgemeinen Trend unter Japanern beschleunigen, erst später zu heiraten oder ganz Single zu bleiben. Dadurch könne der Rückgang der Geburtenrate beschleunigt und das Wirtschaftswachstum behindert werden, hieß es. Der Bericht definiert "Freeter" als Teilzeitarbeiter oder Arbeitslose "mit dem Willen, zu arbeiten" im Alter zwischen 15 und 34 Jahren. Zuweilen werden sie zwar als Vorreiter der Befreiung der japanischen Jugend von überkommenen gesellschaftlichen Zwängen gesehen, tatsächlich aber sind "Freeter" Opfer der andauernden Wirtschaftsflaute und verkrusteter Strukturen.

Schon mal dagewesen

Zwar ist ihre Erscheinung an sich nicht neu. In den 80er Jahren, als Japans Wirtschaft boomte, waren es vor allem Frauen, die das Familieneinkommen mit Hilfe von Teilzeitjobs auffrischten. Doch die Lage hat sich geändert: Angesichts der hartnäckigen Wirtschaftskrise sehen Arbeitgeber in Teilzeitbeschäftigten die Möglichkeit zur Senkung ihrer Kosten, da keine Lohnnebenkosten anfallen. Während geregelte Arbeitsplätze abgenommen haben, stieg die Nachfrage nach "Freetern" rasant an. Die meisten von ihnen übten aber nur Routinetätigkeiten und untergeordnete Beschäftigungen aus, so die Regierung. Sie hätten geringere Berufserfahrung und weniger Anreize, ihre Fertigkeiten zu verbessern als Festangestellte ihrer Altersgruppe.

Lösungen schaffen

"Junge Leute werden en masse in den Status sozial Benachteiligter getrieben", befand die Universitätsprofessorin Michiko Miyamoto, Autorin des Buches "Jugend auf ihrem Weg zur Unterklasse", in der Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai Shimbun". Um das Problem anzugehen, betont die Regierung in ihrem Bericht zur Lage der "Freeter" die Notwendigkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Hierzu müsse auch die Zentralbank die Deflation bekämpfen. Außerdem müsse die Erziehung an Oberschulen und Universitäten mittels berufsorientierter Programme stärker dem heutigen Bedarf der Unternehmen an Spitzenkräften angepasst werden, hieß es weiter.

Lars Nicolaysen / DPA