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Arbeitslosigkeit: Trübe Aussichten am "Tag der Arbeit"

Noch kein spürbarer Aufschwung auf dem US-Arbeitsmarkt. Mehr als neun Millionen sind in den USA ohne Job.

Die Pleite des Telekommunikationsriesen WorldCom hat die Karriere der Computertechnikerin Vicky Kitzman jäh beendet. Vor rund einem Jahr verlor die 34-Jährige ihren gut bezahlten Job und die sozialen Absicherungen. Jetzt hält sie sich als Aushilfe in einem Freizeitpark über Wasser, für sieben Dollar pro Stunde, ohne soziale Leistungen. Am "Tag der Arbeit“ am (morgigen) Montag hat sie in diesem Jahr keinen Grund zum Feiern: Er ist für sie nur eine bittere Erinnerung an das, was sie verloren hat.

Das Geld "reicht eigentlich für nichts“, sagt Kitzman. Ihre Eltern, beide Rentner, helfen ihr bei der Rückzahlung der Hypothek auf ihr Haus. Im Dezember, wenn der Colorado-Springs-Vergnügungspark in die Winterpause geht, steht Kitzman wieder ganz ohne Arbeit da. All ihre Bewerbungen blieben bislang erfolglos: Entweder konnte Kitzman die Voraussetzungen nicht erfüllen, oder sie wurde als überqualifiziert abgelehnt. "Ich finde seit mehr als einem Jahr keinen Job - wie kann man da sagen, dass ich überqualifiziert bin?“ fragt sich Kitzman.

Mehr als neun Millionen Arbeitslose sind in den USA registriert, 700.000 mehr als vor einem Jahr. Zwar erholt sich die amerikanische Wirtschaft seit dem Ende der Rezession vor knapp zwei Jahren langsam wieder - auf den Arbeitsmarkt schlägt sich das aber noch nicht durch. So langsam habe sich der Arbeitsmarkt nach Krisen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie gefangen, erklärt das Institut für Wirtschaftspolitik (EPI) in Washington.

"Die Menschen haben das Recht, sich unsicher zu fühlen“, sagt EPI-Ökonom Jared Bernstein. "Dieser Tag der Arbeit unterscheidet sich von denen der letzten Jahre. Es gibt weniger Jobs. Die Einkommen wachsen langsamer.“

Zwar sei die Arbeitslosenquote - derzeit liegt sie bei 6,2 Prozent - im Vergleich zu anderen Wirtschaftskrisen noch relativ niedrig geblieben, sagt David Wyss, Analyst bei Standard and Poor. "Das Schlimme aber ist, dass auch kaum eine Erholung spürbar ist.“ Seit Beginn der Rezession im März 2001 gingen 2,7 Millionen Stellen verloren.

Wettlauf mit der Zeit für Bush

Analysten erwarten eine weitere Erholung in den kommenden Monaten. Vor allem im sozialen Bereich sollen neue Stellen entstehen. Schlecht sieht es aber weiterhin für die verarbeitende Industrie aus.

Dass der Aufschwung sich schnell mit neuen Jobs zurückmeldet, hoffen nicht nur die Betroffenen. Die Regierung von George W. Bush treibt die Sorge um, dass die Entspannung nicht rechtzeitig vor den Wahlen im November 2004 spürbar wird.

John Sweeney, Präsident der Gewerkschaft AFL-CIO, bezweifelt, dass die Arbeitsstatistiken der derzeitigen Regierung in die Hände spielen. "Die Leute sind sehr unzufrieden damit, wie sich das Land entwickelt“, sagt er. "Sie wollen Arbeitsplätze und ein Auskommen. Sie wollen eine erschwingliche Gesundheitsversorgung.“ Im Wahlkampf wollen sich die Gewerkschaften mit Nachdruck hinter diese Forderungen stellen: Mehr als 40 Millionen Dollar (37 Millionen Euro) stecken sie in ihre Kampagne für mehr Arbeit und gegen die Bush-Politik.

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