Bestenauslese Schwierige Ausbildungssituation für Ausländer


Bei einer kritischen Ausbildungssituation kommt es zur Bestenauslese und da bleiben immer dieselben Ausbildungsgruppen auf der Strecke: Ausländer und Kinder aus der Unterschicht.

Vor knapp acht Jahren sind die heute 19-jährige Esme Kartal und ihre Mutter dem Vater aus der Türkei nach Deutschland gefolgt. Der Grund: Bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Aber ihre Hoffnungen wurden bitter enttäuscht, als vor zwei Jahren eine Bewerbung nach der anderen um einen Ausbildungsplatz für Esme abgelehnt wurde. Die Hauptschule hatte sie wegen Sprachproblemen nicht bestanden.

"Es ist sehr, sehr schwierig, einen Ausbildungsplatz zu finden, vor allem für Ausländer. Ich habe so viele Bewerbungen losgeschickt - zu Lidl, Aldi, zu verschiedenen Ärzten - und alle wurden abgelehnt. Es war so frustrierend", erinnert sich Esme.

Besonders schwierig ist die Situation in Ballungszentren

Die bundesweit angespannte Ausbildungssituation hat besonders ausländische Jugendliche vom Ausbildungsmarkt verdrängt. "Die Nachfrage übersteigt das Angebot einfach himmelhoch. Bei einer kritischen Ausbildungssituation kommt es zur Bestenauslese und da bleiben immer dieselben Ausbildungsgruppen auf der Strecke: Das sind hauptsächlich Ausländer und Kinder aus der Unterschicht", sagt Dagmar Beer vom Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen. Besonders schwierig ist die Situation nach Ansicht von Beer in Ballungszentren wie Berlin oder Hamburg.

"Mein Cousin aus Sizilien wartet schon seit einem Jahr auf einen Ausbildungsplatz. Er hat eigentlich ganz gute Noten. Aber er schickt eine Bewerbung nach der anderen los und es hilft alles nichts. Inzwischen hat er so gut wie aufgegeben", erzählt der 18-jährige Giuseppe Crapa-Sanz. Seine Mutter ist Spanierin, sein Vater Sizilianer. Er selbst ist in Deutschland aufgewachsen. Giuseppe hat Glück gehabt. Nach nur ein paar Bewerbungen hat er eine Ausbildungsstelle in einem Lebensmittelgeschäft in Hamburg - "Unser Markt" - bekommen. Hier macht jetzt auch Esme eine dreijährige Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau - eine ihrer unzähligen Bewerbungen hatte dann doch Früchte getragen.

Vorbehalte und diffuse Befürchtungen

Laut Beer ist der jährliche Anteil ausländischer Jugendlicher in Ausbildung in den letzten zehn Jahren überproportional zurückgegangen. 2002 haben nach ihrer Aussage zwei Drittel der Einwanderer keinen Ausbildungsplatz bekommen (1994: 56 Prozent), bei den Deutschen waren es 36 Prozent (1994: 30 Prozent). Ein Drittel der Ausländer bleiben demnach ihr Leben lang ohne Ausbildung. Bei den Deutschen waren es in den letzten Jahren nur acht Prozent, sagte Beer.

Vorbehalte der Betriebe gegenüber eingewanderten Jugendlichen sind ihrer Ansicht nach einer der Hauptgründe für die Ausbildungsmisere: "Viele ausländische Jugendliche haben einen guten Schulabschluss und trotzdem Probleme, eine Ausbildung zu finden. Das liegt einfach an Vorbehalten und diffusen Befürchtungen der Unternahmen."

Bei den Unternehmen ansetzen

Zur Bekämpfung des Problems haben die Länderregierungen bundesweit BQMs - Beratungs- und Koordinierungsstellen zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migrantinnen und Migranten - gebildet. Die Zusammenschlüsse von Politikern, Gewerkschaften und großen Betrieben sollen vor allem bei den Unternehmen ansetzen. "Wir versuchen, Unternehmen über Migranten als Ausbildungsgruppe zu informieren", sagt Wilfried Kominek von der Hamburger BQM, die sich 2001 gebildet hat. "Migranten haben selten wahrgenommene interkulturelle Kompetenzen, die immer wichtiger werden."

Die Organisation schreibt regelmäßig 2.300 Betriebe an. Ein Erfolg ist laut Kominek statistisch nicht nachweisbar: Einwanderer, die einen deutschen Pass haben, werden in die Bildungsstatistik nicht gesondert aufgenommen, haben aber "dieselben Probleme".

Maria Bondes, dpa


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