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Boris Becker: Dem Star ganz nah

Dass ich Boris Becker einmal persönlich treffen würde, hätte ich nicht gedacht.

1985 kam ich aufs Gymnasium, Alphaville sang »Big in Japan«, und Boris Becker gewann Wimbledon. Von dem Tag an gehörte ich zur »Generation Becker«. Und auch wenn ich meine Eltern nicht überreden konnte, mir Tennisunterricht zu finanzieren, so konnte ich ihnen immerhin weismachen, dass Schweißbänder auch jenseits des Tennisplatzes ein Muss waren. Wochenlang kaufte ich mir die BRAVO, bis ich endlich den Boris-Starschnitt komplett hatte. So verbrachte Boris in Lebensgröße einige Jahre in meinem Zimmer. Und als ich mich irgendwann von ihm trennte, verlor ich ihn doch nie ganz aus den Augen.

Dass ich Boris Becker einmal persönlich treffen würde, hätte ich nicht gedacht. Davon geträumt habe ich damals natürlich ständig! Und heute ist es nun tatsächlich soweit. Ich darf Boris interviewen!

Umgeben von zahlreichen Kamerateams und Fotografen befinde ich mich im »New York Athletic Club« direkt am Central Park. Soeben wurde die Pressekonferenz zu den »Laureus World Sports Awards« eröffnet, und die Akademiemitglieder wurden auf die Bühne gebeten. Alle deutschen Journalisten warten wie ich natürlich nur auf einen. Und nach sieben hochverdienten Sportlern kommt er schließlich: Boris Becker. Augenblicklich setzt ein riesiges Blitzlichtgewitter ein. Ihn scheint das jedoch nicht aus der Ruhe zu bringen. Souverän lächelt er in die vielen Objektive.

Gut sieht er aus, denke ich. Die rotblonden Haare modisch aus dem Gesicht gewachst, das schwarze Hemd bis zum dritten Knopf geöffnet, dazu einen hübschen schlammgrauen Balzer. Sehr lässig die Gesamterscheinung. Zunächst wirkt er jedoch ein wenig verunsichert, schaut manchmal sogar fast schüchtern in die Runde. Doch das legt sich schnell. Nach den ersten Nominierungen, die jeweils von verschiedenen - meist nicht-englischsprachigen - Mitgliedern vorgenommen werden, fängt er herzhaft an zu lachen. Der ganze Trupp hat seine helle Freude an den Schwierigkeiten mit der Aussprache der ausländischen Namen. Als die marokkanische Leichtathletin Nawal El Moutawakel mit absolut französischem Akzent Jennifer Capriati nominiert, erntet sie von den übrigen dafür Standing Ovations und Boris gibt ihr »High Five«. Er scheint sichtlich Spaß an der Veranstaltung zu haben.

Nach der allgemeinen Pressekonferenz über die »Laureus World Sports Awards« und deren Wohltätigkeitsaktionen gibt es einen kurzen Fototermin. In dem Gruppenfoto überragt Boris seine Kollegen eindeutig. Lediglich Leichtathletikstar Michael Johnson - jüngstes Mitglied der Akademie - kann mit ihm mithalten. Wohlwollend erfüllt Boris jeden Fotowunsch.

Ich beschränke mich auf Halbpersönliches

Im Anschluss daran stehen die Einzelinterviews mit der »schreibenden« Presse an, Fernsehteams haben keinen Zutritt. Frühzeitig habe ich mir einen Platz am Tisch von Boris Becker gesichert, was im Nachhinein gar nicht nötig war, denn der Andrang ist hier nicht allzu groß. Boris Becker erscheint, grüßt freundlich in die Runde und legt auch gleich die Regeln fest. Das Interview wird auf englisch ablaufen - aufgrund der Überzahl an englischen Journalisten, die Themen MÜSSEN rein sportlich bleiben. Und dann sagt er doch tatsächlich, dass er über Privates nicht reden DARF. So als wolle er zwar gerne, es wäre ihm aber nicht erlaubt. Wie schade. Daraus kann ich ja nur schlussfolgern, dass er sein Glück gerne geteilt hätte...

Also beschränke ich meine Fragen auf etwas Halbpersönliches. Ob es seit dem 11. September sein erster Besuch in New York sei, möchte ich wissen. Boris erzählt, dass er das letzte Mal sogar im September hier zu Besuch gewesen sei. Wegen der US Open. Abgereist sei er am 10. September, einen Tag vor dem Unglück. Vollkommen schockiert verfolgte er am nächsten Tag die schrecklichen Nachrichten.

Ob sich die Stadt für ihn verändert hat, könne er nicht sagen, da er nie längere Zeit hier gelebt habe, und auch jetzt lediglich drei Tage in Manhattan verbringe. Zu kurz, um sich ein detailliertes Bild zu machen. Jedoch habe ihn der Anblick »Ground Zeros« sehr schockiert. Die Sportler haben gestern am Unglücksort einen Kranz niedergelegt.

Auf meine Frage, wie seine weiteren Pläne für dieses Jahr aussähen, antwortet er, er werde weiterhin für wohltätige Zwecke arbeiten. Darüber hinaus hat er natürlich einige andere Dinge vor - über die er hier allerdings nicht reden DARF. Hier gehe es schließlich um den Sport! Aha. Nun denn, die darauffolgenden Fragen sind also rein sportlich...

Boris sieht den deutschen Tennissport in nächster Zeit auf jeden Fall wieder aufblühen. Mit Tommy Haas als »Leader of the Pack« sei das deutsche Tennisteam für die Zukunft gut gerüstet. Auch, wenn es derzeit keine Wimbledon-Hoffnung gäbe, so seien unter den Juniorenspielern ein paar vielversprechende Talente. Ansonsten lässt er noch seine starke Fußballaffinität durchscheinen. Inständig hoffe er, dass Bayern München Deutscher Meister wird. Und dann wieder dieses unwiderstehliche »Ich-habe-Nutella-aus-dem-Glas-gegessen«-Lächeln...

Patrice, ich versteh dich.

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