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Interview

Arbeitszeitbetrug: Detektiv über Home-Office-Betrüger: "Wer sich beschwert, hat Dreck am Stecken"

Marcus Lentz ist Privatdetektiv. Derzeit bekommt er vor allem Aufträge von Unternehmen, die ihre Mitarbeiter im Home-Office überwachen wollen. Was kommt dabei heraus? Und muss das wirklich sein?

Einsatz wegen Corona-Regelungen: Diese Detektive sind Blaumachern im Home-Office auf der Spur

Herr Lentz, viele Kleinunternehmen und Dienstleister kämpfen aktuell mit schwacher Auftragslage. Ihr Detektivbüro hat dagegen gut zu tun. Wie kommt das?

Wir ermitteln auch in normalen Zeiten viel zum Thema Arbeitszeitbetrug. Derzeit haben wir jeden Monat etwa 30 Aufträge im Zusammenhang mit Corona. Ich selbst musste daher bislang keinen meiner knapp 40 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken.

Was für Corona-Betrügereien decken Sie denn auf?

Am häufigsten haben wir Unternehmen, die wissen wollen, ob ihre Mitarbeiter im Home-Office wirklich arbeiten. Dann gibt es Beschäftigte, die während der Kurzarbeit schwarz für die Konkurrenz arbeiten. Und in einigen Fällen sollten wir überprüfen, ob Mitarbeiter sich an bestimmte Quarantäne-Vorschriften halten.

Viele Beschäftigte kämpfen gerade mit besonderen Schwierigkeiten. Tut das wirklich Not, dass man ihnen dann auch noch einen Detektiv auf den Hals hetzt?

Home-Office ist keine Freizeit und es ist eine Vertrauensfrage. Und dass der Arbeitgeber dann überprüft, ob das Vertrauen gerechtfertigt ist, halte ich für legitim. Schließlich wird nicht nur das Unternehmen geschädigt. Auch diejenigen, die loyal sind und sich an die Arbeitszeiten halten, müssen es ausbaden.

Welche Vertrauensbrüche erleben Sie denn?

Wenn die Leute eine halbe Stunde früher frei machen, dann sollte da in der jetzigen Situation kein Arbeitgeber mit der Stoppuhr dastehen. Aber: Wenn ein Mitarbeiter für fünf Tage Home-Office von 8 bis 17 Uhr bezahlt wird und arbeitet in Wirklichkeit nur von acht bis elf und ist den Rest der Zeit mit Freizeitaktivitäten beschäftigt, ist das ein deutlicher Fall von Arbeitszeitbetrug. So einen Fall hatten wir erst letzte Woche und die, die sich da über Detektiv-Einsätze beschweren, sind meist die, die es selbst mit der Arbeitszeit nicht ganz so genau nehmen.

Wie kontrollieren Sie die Arbeit im Home-Office? Durchs Fenster spionieren, ob jemand am Schreibtisch sitzt oder vor dem Fernseher, dürfen Sie aus Privatsphäregründen ja nicht.

Ob jemand auf der Couch liegt und Fernsehen guckt, können wir nicht prüfen. Da gilt: Im Zweifel für den Beschuldigten. Wenn jemand sich zu Hause aufhält, gehen wir davon aus, dass er seiner Home-Office-Tätigkeit auch wirklich nachkommt. Es geht vielmehr um Fälle, wie den, den wir bei einem Automobilzulieferer erlebt haben: Da sollte der Mitarbeiter im Home-Office Telefonakquise für seine Firma machen, aber stattdessen hat er während der Arbeitszeit in der Tankstelle seiner Frau mitgearbeitet - und das annähernd in Vollzeit. Nach einer Woche Observation war das sehr klar.

Marcus Lentz

Marcus Lentz ist Chef einer Frankfurter Detektei mit 40 Mitarbeitern

Und das dokumentieren Ihre Detektive dann mit Protokollen und Fotos?

Wir verfassen schriftliche Berichte und machen Fotos. Wenn rechtlich zulässig auch Videomitschnitte, vor allem bei Lohnfortzahlungsbetrug. Wenn der Mitarbeiter zum Beispiel sagt, er kann wegen Bandscheibenproblemen nicht arbeiten kommen, und dann bei sich zu Hause im Garten Rollrasen verlegt und der Bewegungsablauf dabei völlig normal ist, kann man mit einem Video nachweisen, dass er körperlich nicht eingeschränkt ist. Da gilt immer die Verhältnismäßigkeit der Mittel – einerseits das schützenswerte Interesse des Mitarbeiters auf Privatsphäre und das Recht am eigenen Bild und andererseits das Interesse des Arbeitgebers, eine mögliche Straftat aufzudecken. Denn Lohnfortzahlungsbetrug ist eine Straftat, auch wenn das viele anders sehen.

Sie sprachen auch von Betrug im Zusammenhang mit Kurzarbeit. Was ermitteln Sie da?

Wir sprechen hier nicht von Firmen, die sich mit falschen Angaben Kurzarbeitergeld erschleichen, das deckt der Staat selbst auf. Unsere Aufträge kommen auch hier von Unternehmen, die betrügerische Mitarbeiter enttarnen wollen. Aktuelles Beispiel: Ein Autohaus hatte seine Mechaniker in Kurzarbeit geschickt, auf eine Woche Arbeit folgte jeweils eine Woche frei. Auffällig war, dass einer der Mechaniker im eigenen Teiledienst sehr viel mit Mitarbeiterrabatt für private Zwecke kaufte. Das machte den Chef misstrauisch, zumal einige seiner Kunden kurzfristig abgesagt hatten. Als wir den Mechaniker überprüften, stellte sich heraus, dass dieser in der arbeitsfreien Woche auf eigene Faust die Kunden des Chefs bediente. Abgesehen davon, dass das Schwarzarbeit war, schädigte er damit natürlich auch seinen eigenen Arbeitgeber und alle seine Kollegen, die in Zeiten von Kurzarbeit auch um ihren Job bangen. Das ist daher nicht nur strafbar, sondern auch massiv unkollegial.

In der Zeit des Lockdowns haben Sie sogar überprüft, ob Mitarbeiter Corona-bedingte Quarantänemaßnahmen einhalten. Wer gibt Geld aus, um das herauszufinden?

Das waren Lieferanten aus der Lebensmittel- und pharmazeutischen Industrie. Es ging den Arbeitgebern darum, dass möglicherweise infizierte Mitarbeiter nicht die ganze Belegschaft anstecken, und dann der gesamte Betrieb ruhen muss. Daher lautete der Auftrag: Stichprobenartige Observation der Mitarbeiter, um festzustellen, ob sie noch Kontakt zu Kollegen aus der Firma haben, weil viele in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander wohnen.

Können Sie verstehen, dass Ihre Arbeit auf Kritik stößt, wenn Sie im privaten Bereich von Arbeitnehmern herumschnüffeln? 

Man muss sich immer zwei Seiten vor Augen führen. Zum einen das Recht der Arbeitnehmer auf ihre Privatsphäre. Auf der anderen Seite aber auch die Firmen, die festzustellen wollen, ob Einzelne das gesamte Unternehmen gefährden. Da wir nur ermitteln, wenn es einen begründeten Anfangsverdacht gibt, kommen in der Mehrheit der Fälle auch Betrügereien zum Vorschein. Bei leichten Verstößen raten wir unseren Mandanten aber immer erst einmal, das Gespräch mit dem Mitarbeiter zu suchen und nicht gleich eine Abmahnung zu schreiben oder eine Kündigung auszusprechen.

Dennoch: Es drängt sich der Eindruck auf, dass Firmen hier mit Ihrer Hilfe den kleinen Mitarbeiter in die Pfanne hauen können.

Am Ende kann jeder Mandant selbst entscheiden, ob er mit unseren Berichten und Bildern anwaltlich gegen einen Mitarbeiter vorgeht. Ein häufiges Argument von Kritikern ist: Wenn man einen Detektiv einschalten muss, dann ist das nur ein Beleg, dass die Unternehmenskultur nicht stimmt. Das ist richtig, aber für die Unternehmenskultur ist nicht nur der Chef, sondern auch der Mitarbeiter verantwortlich. Wenn ich meinen Chef betrüge, darf ich mich auch nicht beschweren, wenn der mich überwachen lässt. Meine Erfahrung ist: Wer sich über den Einsatz von Detektiven beschwert, der hat meistens selbst Dreck am Stecken.

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