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Deutschland: Über die Sargnägel der Mittelschicht

Die deutsche Mittelschicht ist eine bedrohte Spezies. Diverse Studien warnen davor, dass Millionen Deutschen in den nächsten Jahren der soziale Absturz droht. Aber warum eigentlich? stern.de erklärt, was falsch gelaufen ist in Deutschland - und weshalb es noch Hoffnung auf Rettung gibt.

Von Marcus Gatzke

Deutschland, Wirtschaftswunderland, im Jahr 2008. Es ist wie in den goldenen Fünfzigern: Der Aufschwung ist da, seit nunmehr drei Jahren. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind prall gefüllt, die Gewinne explodieren - und die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist drastisch gesunken. Nur einen, wenn auch gewaltigen, Unterschied gibt es zwischen dem Boom der Ludwig-Erhard-Jahre und dem Boom der Gegenwart: Der gemeine Bürger hat nichts davon. Von der positiven Entwicklung kommt nichts bei ihm an.

Im Gegenteil. Die Mittelschicht, in Deutschland stets gepriesen, schrumpft. Und zwar in einem rasanten Tempo. Nicht nur die noblen Unternehmensberater von McKinsey warnen davor, dass in den nächsten Jahren Millionen Deutsche abstürzen können, auch die Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin stießen im März in das gleiche Horn.

Ähnelte die Verteilung der Einkommen in Deutschland bislang der Form einer Zwiebel - in der Mitte dick und oben und unten schmal - könnte sich schon bald eine Birne zum Vergleich anbieten: unten ist die dick und an der Spitze ganz schmal. Wie konnte es soweit kommen im Land, in dem die soziale Marktwirtschaft erfunden wurde?

Mehr Jobs, aber auch mehr Armut

Es konnte soweit kommen, weil die Politik es so wollte. Sie hat Deutschland scharfe Reformen verordnet, eine Abkehr vom Sozialstaatsmodell der 50er und 60er Jahre, das schlicht nicht mehr bezahlbar war. Die Agenda 2010 hat in Deutschland viel reformiert und dereguliert. Der Spitzensteuersatz wurde gesenkt. Für vieles, was es früher umsonst gab, muss jetzt bezahlt werden - angefangen von der Praxisgebühr bis hin zu Studiengebühren.

Dabei erwuchs der Reformwillen keineswegs Schröderscher Hartherzigkeit oder Willkür. Auch andere europäische Länder hatten früher oder später, mehr oder minder radikal, erkannt, dass sie ihre Sozialstaatsmodelle umbauen müssen. Als besonders drastisches Beispiel dient Großbritannien. Margaret Thatcher, die "Eiserne Lady", krempelte die Wirtschaft in den 80er Jahren komplett um. Die Märkte wurden geöffnet, die Wirtschaft liberalisiert und die Macht der Gewerkschaften gebrochen. Das Ergebnis: Zwar sank die Arbeitslosigkeit, aber gleichzeitig verarmten immer mehr Menschen - und die Mittelschicht schrumpfte.

In Deutschland folgten die Reformen fast zwei Jahrzehnte später, die Agenda war viel moderater als die Thatcherschen Eingriffe. Und dennoch sind die Folgen ähnlich. Zwar hat die Agenda 2010 für mehr Beschäftigung gesorgt, aber gleichzeitig steigt der Anteil der so genannten Working Poor an der arbeitenden Bevölkerung. Der Begriff bezeichnet Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, aber vom erzielten Einkommen nicht leben können. Das durchschnittliche Einkommen sinke, sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Alles nur Kosmetik

Entscheidend ist, dass die Qualität der Arbeit, die Qualität der Jobs, sich in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Zwar haben die Hartz-Reformen dafür gesorgt, dass die Talsohle bei der Beschäftigung mit rund fünf Millionen Arbeitslosen im Jahr 2005 durchschritten wurde. Aber gleichzeitig handelt es sich bei dem Großteil der neuen Jobs um so genannte atypische Beschäftigungsverhältnisse: Teilzeitkräfte, geringfügig Beschäftigte und Selbständige. Trotz Aufschwung hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen noch nicht das Niveau von 2000 erreicht. Die Mehrzahl der Mini-, Midi- und Teilzeitjobber würde am liebsten mehr arbeiten und auch mehr verdienen - die Möglichkeit dazu haben aber nur wenige.

Genau aus diesem Grund halten Experten manch' positive Arbeitslosenstatistik für reine Kosmetik. "Der ausschließlich auf Beschäftigung ausgerichtete Ansatz der vergangenen Jahre löst allenfalls ein Statistikproblem, aber nicht die Probleme wachsender Armut", sagt etwa Steffen Mau von der Graduate School of Social Sciences an der Universität Bremen. Arbeit um jeden Preis sei volkswirtschaftlich gesehen Unsinn und führe zu hohen sozialen Folgekosten. "Wenn ein Arzt sechs Monate als Pförtner arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er nie wieder als Arzt arbeiten wird." So werde Humankapital schnell vernichtet.

Und so schrumpft auch in Deutschland die Mittelschicht. Und damit nicht genug. Der Prozess vollzieht sich auch auch noch in einem ungeheuren Tempo. "Wir sehen in allen OECD-Staaten, dass die Einkommensunterschiede zunehmen", konstatiert Grabka. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Entwicklung in Deutschland vollziehe, sei aber "besonders hoch".

Die Mär von der Lohnzurückhaltung

Dabei hat nicht allein die Politik zur aktuellen Misere beigetragen - auch die Tarifpolitik ging in die falsche Richtung: Die Arbeitnehmer hatten wegen der Lohnzurückhaltung lange Jahre schlicht zu wenig in der Tasche, um die Konjunktur ausgabefreudig anzukurbeln. Das geht auf das Konto der Unternehmen - und, ja, auch der Gewerkschaften.

Zwischen den Tarifpartnern hatte Anfang des Jahrtausends ein unausgesprochener Konsens vorgeherrscht, ein niedriger Lohnzuwachs sorge für mehr Beschäftigung. Eine Mär, wie sich später herausstellte: Irgendwann brummte die Konjunktur, aber die Realeinkommen sanken. Die Arbeitnehmer guckten in die Röhre. Die hohe Arbeitslosigkeit und die Ängste, die daraus erwuchsen, taten ihr Übriges, um den Menschen die Kauflaune zu vermiesen. Für die Wirtschaft bedeutete das, dass es nicht die Binnenkonjunktur war, die für den Aufschwung sorgte. Allein der boomende Exportsektor rettete die Konjunktur.

DIW-Experte Grabka findet, dass die diesjährigen Lohnforderungen der Gewerkschaften vor diesem Hintergrund mehr als nachvollziehbar sind. "Dass die Gewerkschaften jetzt wieder ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, ist nur zu verständlich", urteilt er. Aber auch den Gewerkschaften ist klar, mit hohen Lohnabschlüssen allein können strukturelle Ungerechtigkeiten nicht abgebaut werden.

Die Skandinavier machen es vor

Dass man beim Umbau der Wohlfahrtsstaaten auch behutsamer vorgehen kann, belegen die Länder im Norden Europas. Sie haben es offenbar geschafft, einen Kompromiss zu finden zwischen dem Bedürfnis des Arbeitsmarktes an Flexibilität und dem Bedürfnis der Mittelschicht nach Sicherheit. "Flexicurity" heißt das Zauberwort im arbeitsmarktpolitischen Fachjargon. "In Skandinavien wird Flexibilität mit Sicherheit kombiniert", sagt auch Mau. Ab dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit werde dort versucht, den Menschen wieder in Lohn und Brot zu bekommen. "Der Arbeitslose soll aber einen Job finden, der seinen Qualifikationen entspricht." In Deutschland sei dagegen der soziale Abstieg oft vorprogrammiert, da fast jeder Job als zumutbar gelte, unabhängig von der Qualifikation des Joblosen, urteilt der Sozialwissenschaftler.

Zur langfristigen Rettung der Mittelschicht in Deutschland verordnen die Experten ohnehin ein im Kern einfaches Rezept. Neben einer besseren Förderung Arbeitsloser hilft nach Meinung von Mau und Grabke nur eins: Bildung, Bildung, Bildung. "In kaum einem Land schafft das Schulsystem eine so große soziale Ungleichheit wie in Deutschland", sagt Mau. Im Vergleich der OECD-Staaten investiert Deutschland vergleichweise wenig in die Zukunft seiner Bürger.

2006 haben nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) 7,9 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. "Das ist eine Verschwendung ungeahnten Ausmaßes, so etwas kann sich kein Sozialstaat leisten", kritisiert DIW-Experte Grabka. Die Pisa-Studie hat gezeigt: Auch hier hat Skandinavien das Problem frühzeitig erkannt und erfolgreich gegengesteuert.

Eine bessere und umfassendere Bildungspolitik in Deutschland hat aber erst langfristig positive Wirkungen: "Als kurzfristige Lösung bleibt nur, einen Niedriglohnsektor zu alimentieren, der sich für große Gruppen als Sackgasse erweisen könnte", resümiert Sozialwissenschaftler Mau. Und genau das passiere gerade in Deutschland.

  • Marcus Gatzke