Erfahrungsbericht "Organisation ist alles"


Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, das weiß auch Hella Strepp. Sie war ein dreiviertel Jahr lang arbeitslos. Nun hat sie einen Halbtags- und einen Zweitjob.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, das weiß auch Hella Strepp. Sie war eine von mittlerweile über vier Millionen Arbeitslosen und hat nun wieder einen Job. Weil die Halbtagsstelle der 55-Jährigen nicht zum "Leben" reicht, geht sie Samstags auf 325-Euro-Basis in einem Copy-Shop jobben.

Damit ist Hella Strepp Trendsetterin in Sachen Arbeit: immer mehr Deutsche bauen auf den Zweitjob. Die allein erziehende Mutter von zwei Kindern muss für den Lebensunterhalt der kleinen Familie sorgen. Das bedeutet im Klartext: Von Montag bis Freitag Dienst in einer Redaktion als Textsekretärin, Samstags den ganzen Tag Büroarbeiten im Copy-Shop. "Freizeit bleibt da nicht übrig", stellt Strepp fest. "Sonntags bleibt auch keine Zeit zum Ausspannen: da muss ich Wäsche waschen, vorkochen und diesen ganzen Quatsch erledigen. In der Woche bin ich abends meist zu erschöpft, um noch etwas zu veranstalten."

"Man muss heute mit allem zufrieden sein"

Wünschenswert wäre für sie eine Ganztagesstelle, denn auch mit ihren beiden Jobs kommt sie nicht auf das Gehalt einer ganzen Stelle. "Man muss heute mit allem zufrieden sein", stellt die zierliche Frau fest. Alternativ bliebe nur die Arbeitslosigkeit. Und das hat sie schon hinter sich. "Neun Jahre habe ich bei 'Die Woche' als Sekretärin gearbeitet. Dann wurde die Zeitung eingestellt und ich hatte keinen Job mehr." Ein dreiviertel Jahr lang suchte sie Arbeit: "Ich habe 80 oder 90 Bewerbungen geschrieben. Es gab aber immer nur Absagen. Und über das Arbeitsamt kam nur Mist." Schon während ihrer Festanstellung bewarb sie sich auf ihre heutige Stelle und bekam nach einem Jahr endlich die Zusage für diese Halbtagsstelle. Über Beziehungen kam sie an ihren Zweitjob.

Anstrengend findet Strepp es, auf zwei Hochzeiten tanzen zu müssen. "Man ist immer aufgeteilt: in dem einen Büro macht man das eine und in dem zweiten etwas völlig anderes. Ich arbeite dauernd auf unterschiedlichen Computersystemen. Das erfordert eine hohe persönliche Flexibilität." Dass sie flexibel ist, beweisst sie sechs Tage pro Woche, dennoch: "Mir wäre es natürlich lieber, wenn ich mich auf eine Sache richtig konzentrieren könnte."

Doppelbelastung Familie und Job

Strepp hat schon immer viele unterschiedliche und häufig auch mehrere Jobs gleichzeitig gemacht. "Vor 20 Jahren habe ich aufgehört in meinem Beruf als Reiseverkehrskauffrau zu arbeiten. Ich wollte etwas Soziales machen, doch das Arbeitsamt zahlte keine Umschulung." Es folgten ein paar Jahre als Haushälterin und Kindererzieherin, eigene Kinder kamen und eine fünfjährige Babypause. Das war vor zehn Jahren. Sie hatte zwei kleine Kinder zu versorgen, der Mann war weg. "Ich musste wieder arbeiten gehen, wollte wieder einen Bürojob. Also habe ich damals eine Halbtagesstelle angenommen und mich nebenbei um meine Kinder gekümmert."

Ihren Kids hat es nicht geschadet: "Sie sind selbständiger, weil ich nicht immer zu Hause bin. Außerdem sehen sie an mir, dass einem nichts geschenkt wird und dass die Arbeit eine Mischung aus Vergnügen und Pflicht ist. Sie haben auch gemerkt, dass es kein Spaß ist, arbeitslos zu sein."

Positives Denken

Und was sagen die Kollegen? "Wie machst du das? Wie geht das? Nervt dich das nicht? Sie nehmen eher Anteil, als dass sie mich bewundern", erzählt Strepp lächelnd. Und sieht schließlich doch noch etwas Positives an ihrer heutigen Situation: "Je länger man im Arbeitsleben ist, desto organisierter ist man, um so mehr Kompetenzen hat man entwickelt." Auch wenn sie lieber konstant in einem Job arbeiten würde, gilt für sie dennoch: "Es kommt letztendlich nicht darauf an, in welcher Branche man arbeitet, sondern auf die Organisation im Job - und dann kann man alles machen!"

Katarina Rathert

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