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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Warum ich an Freitagabenden alle Einladungen absage

Jeder von uns hat seine ganz persönlichen Rituale, die seinem Leben Struktur geben. Seit ich denken kann, beginnt mein Wochenende am Freitagabend um 20:15 Uhr mit der Folge einer Krimiserie im ZDF: Ein populärer Schauspieler, den ich als Typen sehr mag, begleitet mich seit rund 30 Jahren auf diesem Sendeplatz und feiert jetzt seinen 70. Geburtstag: Happy Birthday, Rainer Hunold.

Rainer Hunold

Rainer Hunold (links) in seiner Rolle als "Der Staatsanwalt"

Picture Alliance

Meine Frau hat ein gutes Händchen, mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten immer eine besondere Freude zu machen: Eine große machte sie mir vor einiger Zeit, als sie mir die alten Folgen meiner Lieblings-Krimiserien auf DVD schenkte. Zum Beispiel "Derrick". Horst Tappert in seiner legendären Rolle als Kommissar fand ich nicht nur wegen dem Kult-gewordenen Ausspruch: "Harry, fahr schon mal den Wagen vor" großartig.

Auch frühe Folgen anderer Lieblingsserien wie "Der Alte" - mit dem kauzigen Siegfried Lowitz - habe ich nun im Regal stehen. Glücklicherweise teilt meine Frau die Passion für Krimiserien und daher ist der Termin am Freitagabend für uns als Wochenend-Kick-Off gesetzt. Trotz der technischen Möglichkeiten, die Folge vorher oder zeitversetzt später gemeinsam anzuschauen, lieben wir es bei der offiziellen TV-Ausstrahlung um Punkt 20:15 Uhr dabei zu sein. Old-School und wahrscheinlich völlig uncool für die Generation-Netflix. Egal, uns gefällt's.

1981 gab es den Pilotfilm für die damals neue Krimiserie "Ein Fall für zwei". Die Protagonisten: ein Rechtsanwalt und ein Privatdetektiv - Josef Matula. Der wurde jahrzehntelang in über 300 Folgen von Claus-Theo Gärtner gespielt. An seiner Seite agierte als Anwalt Dr. Dieter Renz zunächst Günter Strack. 1988 wechselte der Partner und Dr. Rainer Franck tauchte auf - ebenfalls ein "stattlicher Mann", wie meine Großmutter es charmant ausgedrückt hätte. Verkörpert wurde der den kulinarischen Genüssen und guten Weinen zugetane Advokat von Rainer Hunold, der ihn bis 1997 spielte und damit zum populären Serienstar wurde.

Jede Folge habe ich gesehen und ich fand die Kombi aus dem wilden Matula und dem besonnenen Dr. Franck großartig, ein Paradebeispiel für die Kombination von unterschiedlichen Charakteren und Stärken. Gerne habe ich dieses Muster der Erfolgsserie übrigens bei der Besetzung von Teams in meinem realen Arbeitsumfeld übertragen und Doppelspitzen zusammengebracht, die extrem verschieden waren. Funktioniert haben die in den allermeisten Fällen hervorragend. Oft war es so, dass aus einem unorthodoxen Zweierteam später eine verschworene und extrem erfolgreiche Einheit wurde.

Rainer Hunold spielte nach seinem Anwalts-Abschied in der nächsten Serie "Dr. Sommerfeld - Neues vom Bülowbogen" einen außergewöhnlichen Arzt. Ich bin ehrlich, diese ARD-Vorabendserie habe ich mir damals auch reingezogen, auch wenn ich das früher niemals öffentlich zugegeben hätte. Heute bin ich da gelassener. Wahrscheinlich hat mich dieser "Peter Sommerfeld" als Führungskraft sogar beeinflusst. Denn er war bei seinen Patientinnen und Patienten extrem beliebt, weil er außer medizinischen gern auch mal einen ganz persönlichen, menschlichen Rat parat hatte. Das fand ich sympathisch und so ein menschlicher Chef wollte ich auch sein.

Seit 2005 schaue ich Rainer Hunold in seiner Rolle als "Der Staatsanwalt" zu. Darin verkörpert er Oberstaatsanwalt Bernd Reuther, der eher selten am Schreibtisch anzutreffen ist, sondern gerne persönlich ermittelt. In diesem Jahr wurde bereits die 14. Staffel ausgestrahlt und ich hoffe, es gibt noch die eine oder andere weitere. Meinen Freitagabenden würde ohne einen meiner Lieblingsschauspieler schließlich etwas fehlen.

Rainer Hunold hat mich aber auch abseits der Schauspielerei als Mensch beeindruckt. Seit vielen Jahren engagiert er sich für die SOS-Kinderdörfer und besuchte die entstandenen Einrichtungen in Afrika oder in Indien. In einem SOS-Tagebuch berichtete er eindrucksvoll von seinen Erlebnissen vor Ort und schrieb: "Leuchtende Augen, Offenheit, Neugier auf ein neues Leben - diese Kinder sind glücklich, weil sie in ihrer tiefen Not aufgefangen wurden von Müttern und Pädagogen des SOS-Kinderdorfs, die sie angenommen haben wie ihre eigenen Kinder und von denen sie das bekommen, was ihnen lange vorenthalten wurde: Liebe, emotionale Wärme und Bildung."

Hunold liest an Vorlesetagen, hat als Bildhauer Kunstwerke geschaffen und sie für einen guten Zweck versteigern lassen. Und er unterstützt wie viele andere tolle Menschen den Verein "GesichtZeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.", der sich bundesweit gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Gewalt einsetzt. Ziel ist die Stärkung des gesellschaftlichen Engagements und die Sensibilisierung für jede Art von Diskriminierung. Workshops an Schulen sind nur ein Feld der vielfältigen Aktivitäten. Geburtstagskind Rainer Hunold erklärt seinen Einsatz auf der Homepage www.gesichtzeigen.de mit einem Satz: "Ich zeige Gesicht, weil ich nicht eines Tages von meinen Kindern gefragt werden möchte: Warum hast du nichts getan, Papa?" Ein klasse Typ, nicht nur als Schauspieler und nicht nur am Freitagabend.