HOME

Interview zum Pflegenotstand: "Und morgen bist du dran"

Schlechte Bezahlung, Skandale in den Heimen. Viel zu wenige junge Leute wollen deshalb Altenpfleger werden. stern.de sprach mit dem Chef eines großen Pflegeträgers über das schlechte Image des Berufs und seine ungewöhnlichen Maßnahmen zur Mitarbeitergewinnung.

Herr Peter, gibt es in Deutschland wirklich einen Pflegenotstand?
Den hat es schon vor 20 Jahren gegeben, das ist nichts Neues. Das Problem ist, dass die Bevölkerung immer weiter altert und immer noch niemand ausreichend darauf reagiert.

Wer sollte denn reagieren?


Das Thema Altenpflege muss politisch und gesellschaftlich einen der vordersten Plätze auf der Agenda einnehmen. Wir müssen darüber diskutieren, wie wir mit der immer größeren Zahl von alten Menschen umgehen wollen und was es uns wert ist. Und wir brauchen viel mehr gute Pflegekräfte.

Altenpfleger, das klingt für viele jungen Leute nicht besonders attraktiv.


Stimmt. Genau das ist das Problem. Denn wenn der heutige Jugendwahn garniert wird mit Geschichten über Skandalen in Heimen, dann bekommt der Beruf ein ziemlich schlechtes Image. Obwohl das nicht gerechtfertigt ist.

Aber die Skandale kann man doch nicht einfach ignorieren.


Natürlich nicht. Nicht jedes Heim ist gut und in der Branche wird viel Geld verdient. Da gibt es eben auch schwarze Schafe ...

... die man vom Hof treiben müsste.


Ja. Aber daran sieht man, dass sich Politik und Gesellschaft nicht ausreichend für das Thema interessieren. Denn sonst würden diese schwarzen Schafe gleich vom Markt genommen. Solche Heime gehören geschlossen.

Vielen ist der Beruf als Altenpfleger auch zu anstrengend.


Es ist ein körperlich und psychisch belastender Beruf. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Eine Krankenschwester sieht jeden Tag gesunde Leute nach Hause gehen. Eine Altenpflegerin sieht die Menschen in den Heimen sterben. Damit muss man natürlich umgehen können. Aber dafür bekommt man auch viel zurück von den Bewohnern, Dankbarkeit, ein Lächeln. Deshalb wollen ja auch heute viele gute Leute den Beruf ergreifen.

Offenbar aber nicht genug. Was tun Sie denn, um gutes Personal zu bekommen?
In München ist es extrem schwer, Fachkräfte zu bekommen. Zum einen gibt es so viele Anbieter. Zum anderen kann jeder Altenpfleger, der keine Lust mehr hat, schnell einen anderen Job finden, etwa in der Gastronomie. Wir zahlen deshalb seit einigen Jahren unseren Angestellten bis zu 3000 Euro, wenn sie ihrerseits neue Fachkräfte anwerben.

Warum denn das?


Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Methode mehr bringt als Stellenanzeigen.

Würden Sie auch den Mitarbeitern anderer Häusern eine Prämie zahlen, sozusagen eine Ablösesumme, wie es offenbar einige Heime tun?


Nein, das finde ich nicht in Ordnung. Man muss sich halt auch um die Ausbildung kümmern.

Hier scheint es aber große Defizite zu geben.


Das liegt einerseits an dem angesprochen schlechten Image. Aber auch der Staat tut zu wenig. Bayern zum Beispiel weigert sich, die Umlagefinanzierung in der Altenpflegeausbildung einzuführen. Damit würden alle Heime in einen Topf zahlen und damit die Ausbildung finanzieren. Bisher müssen diese Kosten nur die Heime übernehmen, die auch wirklich ausbilden, so wie wir. Das ist teuer,deshalb sind unsere Preise höher. Davon profitieren Heime, die nicht ausbilden.

Was halten sie von dem Vorschlag, im Ausland verstärkt nach Personal zu suchen?


Das ist keine dauerhafte Lösung. Wir haben zwar auch ausländische Mitarbeiter, etwa aus dem ehemalige Jugoslawien. Aber wenn wir die Suche geographisch immer weiter ausdehnen, landen wir irgendwann im hintersten Kasachstan. Diese Leute sollen dann unsere Alten pflegen, obwohl die kulturellen Unterschiede oft so groß sind. Davon halte ich nicht viel. Wir müssen den Beruf für unsere eigenen Leute attraktiv machen. Das geht über Anerkennung und besser Bezahlung. Und wir müssen jedem einzelnen Bürger klar machen: Eine gute Pflege ist wichtig, denn morgen bist du dran.

Interview: Malte Arnsperger
Themen in diesem Artikel