Kategorie "Visionär" Das Wuchern stoppen


Forscher aus Regensburg erzielten erste Heilerfolge bei Patienten mit Hirntumoren. Das Wort "Wundermittel" hören sie genauso ungern wie die anderen Wissenschaftler, die jetzt ausgezeichnet wurden.

Die Diagnose, die Ärzte jährlich etwa 5.000 Patienten in Deutschland mitteilen, ist niederschmetternd: Ein bösartiger Gehirntumor wuchert in ihrem Kopf, ein so genanntes Glioblastom. Damit sind sie einem raschen Tod geweiht, die Erkrankung gilt als unheilbar. Zwar versuchen die Mediziner durch Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien die Geschwulst zu bekämpfen, doch das gelingt nur für kurze Zeit. Im Schnitt sind die Betroffenen nach eineinhalb Jahren tot.

Jetzt will ein kleines Biotech-Unternehmen die Therapie verbessern. Die Firma Antisense Pharma aus Regensburg hat einen Wirkstoff entwickelt, der den nüchternen Namen AP 12009 trägt und Erstaunliches bei einigen Gehirntumor-Patienten vollbracht hat. Zum Beispiel bei Bernhard Koller: Der Österreicher hatte schon zwei Operationen, etliche Bestrahlungen und eine Chemotherapie hinter sich, als er an der Neurologischen Universitätsklinik Regensburg AP 12009 verabreicht bekam. In einem dünnen Schlauch wurde dem 45-Jährigen im Februar 2002 der Wirkstoff mehrmals durch die Schädeldecke gepumpt - direkt an die verbliebenen Krebsherde. Nach einigen Monaten machten die Radiologen eine verblüffende Entdeckung, als sie die neuen Aufnahmen von Kollers Gehirn begutachteten: Die Krebsherde, die in den älteren Bildern deutlich zu sehen waren, gab es nicht mehr. Bernhard Koller lebt heute noch, zwei Jahre, nachdem das erste Mal AP 12009 in seinen Körper floss und mehr als drei Jahre, seit er die Diagnose Gehirntumor mitgeteilt bekam.

Wagniskapitalgeber sind von Antisense Pharma überzeugt

"Wundermittel" - das Wort hören die beteiligten Forscher nicht gerne. Sie drücken es pragmatischer aus. "Anders als früher sage ich inzwischen nicht mehr, dass es unmöglich sei, Gehirntumore zu heilen", erklärt Reimar Schlingensiepen, einer der Gründer von Antisense Pharma, der selbst als Krebsspezialist an einer Klinik gearbeitet hat. "So etwas habe ich vorher noch nie gesehen: Erst wächst und wächst etwas Bösartiges im Gehirn, und dann verschwindet es völlig", formuliert Professor Ulrich Bogdahn, Chefarzt der Neurologischen Uniklinik Regensburg.

Für ihre ersten Erfolge hat das Medizin-Startup jetzt den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Visionär bekommen, in der in diesem Jahr Firmen prämiert werden, die neue Therapien für Krankheiten entwickeln. Allein die Hoffnung, dass die ersten Behandlungserfolge nicht nur Zufall sind, sondern sich eine Sensation anbahnt, hat auch schon diverse Wagniskapitalgeber überzeugt: Antisense Pharma hat für die kommenden Tests eine gesicherte finanzielle Zukunft.

Mediziner finden die Resultate der ersten kleinen Studie ermutigend

Alle Beteiligten aber wissen: Noch handelt es sich bei Bernhard Koller und einem weiteren Patienten mit ähnlich guten Ergebnissen um Einzelbeobachtungen. Doch auch die Resultate der anderen Probanden der ersten kleinen Studie finden die Mediziner ermutigend. Nun muss AP 12009 in einer großen kontrollierten Untersuchung, die bereits seit einem Jahr läuft, zeigen, was es leisten kann.

Die Wirkung des Mittels erklärt Reimar Schlingensiepen so: Normalerweise produzieren die Tumorzellen ein spezielles Eiweiß, das den Tumor wie ein Schild abschirmt. So ist er sicher vor den Attacken des Abwehrsystems, das versucht, die bösartigen Herde zu vernichten. AP 12009 hindert die Tumorzellen daran, dieses schützende Eiweiß herzustellen - der Tumor wird verwundbar, sein Wachstum geht zurück, und es können sich nicht mehr so leicht Krebsherde ansiedeln.

Die Idee kam in der Büfettschlange beim Kongress

Die Idee zur Firmengründung kam den Brüdern Karl-Hermann, 44, und Reimar Schlingensiepen, 39, in der Büfettschlange bei einem Kongress. Die beiden Mediziner trafen dort den Neurologen Ulrich Bogdahn und unterhielten sich mit ihm über die bislang aussichtslose Prognose bei bösartigen Hirntumoren. Könnte man da nicht versuchen, neue Wege zu gehen? 1998 gründeten die beiden Brüder Antisense Pharma in Göttingen, kurz darauf zog das Unternehmen nach Regensburg, ganz in die Nähe der Universitätsklinik.

Inzwischen hat Antisense 28 Mitarbeiter, die daran arbeiten, AP 12009 auch gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs einzusetzen und zudem Wirkstoffe gegen Lungen-, Haut- und Dickdarmkrebs zu entwickeln.

Anika Geisler print

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