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Kategorie Konzept: Unkrautvernichter ohne Gift

Die meisten Unkrautvernichtungsmittel sind seit über 20 Jahren auf dem Markt und nicht besonders umweltfreundich. Das will das AmbAgon-Team ändern - mit einem neuen Wirkstoff.

Von Philipp Eins

Auf den beiden Schreibtischen von Christian Ottmann stehen vier Computerbildschirme, beklebt mit Familienfotos und gelben Notizzetteln. Ein simuliertes Molekül dreht sich auf einem der Displays um seine Achse. Daneben stapeln sich Loseblattsammlungen, chemische Skizzen und Organigramme. "Es sieht noch stark nach akademischem Betrieb aus", sagt Ottmann. Er entschuldigt sich für die Unordnung des Wissenschaftlers, denn eigentlich möchte der 34-jährige Chemiker ein Unternehmer sein. In den Räumen des Max-Plank-Instituts Dortmund bereitet er gerade mit drei Kollegen den Sprung in die Selbstständigkeit vor. Mit Unkrautvernichtern, so genannten Herbiziden, soll die Firma AmbAgon in naher Zukunft Millionenumsätze einspielen.

"Gewöhnliche Herbizide sind für Menschen absolut giftig", sagt Ottmann. "Trinken Sie mal ein Glas von einer gängigen Substanz. Dann sind Sie tot." Die Mengen der toxischen Rückstände in Gemüse und Früchten sind zwar verschwindend gering. Doch die Dosis muss ständig erhöht werden. Das Unkraut entwickelt eine Resistenz gegen Herbizide. "Landwirtschaft und Umweltschutz sind bislang ein Gegensatz in Deutschland. Wir glauben, das muss nicht sein." Christian Ottmann und seine 12 Mitarbeiter arbeiten an einem Totalherbizid, dass ohne toxische Substanzen Beifuss, Löwenzahn, Klatschmohn und anderes Unkraut bekämpft. "Wir haben uns an einer Pilzkultur aus dem Mittelmeerraum orientiert", so der Wissenschaftler. "Wo dieser Parasit auftaucht, haben Pflanzen keine Chance." Nachteil: Es gibt zwar einen fermentierten Stoff dieses Pilzes, doch ein Gramm davon kostet rund 5000 Euro. "Wir sind also gezwungen, eine preiswerte chemische Substanz zu entwickeln, die genauso funktioniert", sagt er.

Ein Glas Pflanzenwaffe

Ottmann forscht seit seiner Diplomarbeit 1998 an dem Projekt. "In unserer Gesellschaft können wir auf Herbizide nicht verzichten", sagt er. "Bio-Erzeugnisse sind Nischenprodukte. Sie eignen sich nicht für die Ernährung von über sechs Milliarden Menschen weltweit." Deswegen versucht AmbAgon, eine chemische Kopie des Kampf-Pilzes herzustellen. "Wir haben ein Ziel, jetzt brauchen wir nur noch den Weg dorthin", sagt er.

Den Standort Dortmund, bisher nicht bekannt als Biotech-Hochburg, findet Ottmann klasse: "Die Infrastruktur ist gut und wir können mit dem Max-Plank-Institut zusammenarbeiten." Rund 200 Wissenschaftler arbeiten dort in wissenschaftlichen Laboren, die bestens ausgestattet sind. "Besonders Großgeräte wie Röntgengeneratoren könnten wir uns sonst nicht leisten. Da sind wir froh, dass uns das Institut unter die Arme greift." Wie viele seiner Kollegen beschwert sich Ottmann über die schlechten Voraussetzungen im Biotech-Standort Deutschland. Es sei schwierig, die Kapitalgeber von den Projekten zu überzeugen. "Trotzdem würde ich nicht in die USA übersiedeln", sagt er. "Ich sehe eine moralische Verpflichtung dem Land gegenüber, von dem ich mein Doktorandengehalt bekommen habe. Ohne diese Unterstützung hätte ich nicht forschen können. Es ist Zeit, sich zu revanchieren." Den Standort stärken, das Gleichgewicht zwischen Ökologie und Wirtschaft verbessern - Christian Ottmann hat sich viel vorgenommen.

Dass die biologische Pflanzenwaffe tatsächlich für Menschen unschädlich ist, steht für den zweifachen Familienvater außer Frage. Ob er von der Pilzsubstanz einen kräftigen Schluck nehmen würde? "Klar", sagt er. "Davon kann ich sogar ein ganzes Glas trinken. Es würde nichts passieren."