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Nominiert in der Kategorie "Aufsteiger": Nachtschichten für Hollywood

Ohne Kaffee läuft bei Ableton zurzeit nichts. Latte Macchiato, Espresso, Cappuchino - hauptsache stark. Wer nur Tee mag, ist in der Firma für Musik-Software schlecht aufgehoben.

In der umgebauten Berliner Druckerei flimmern bis spät abends die Monitore. Im Juli kommt eine neue Version ihrer Software auf den Markt, und die Entwickler programmieren, bis die Espressomaschine streikt.

Mit "Live 4", dem neuesten Ableton-Produkt sind die Unternehmensgründer Gerhard Behles und Bernd Roggendorf endlich am Ziel. Vor sechs Jahren sah Behles eine Marktnische - er wollte ein Programm entwickeln, das Kompositions-Ideen ohne technische Hürden in die Tat umsetzt. Deshalb hat er sich 1998 mit Roggendorf zusammengesetzt. Von Berlin aus wollten sie die Musikwelt erobern.

"Wir haben von unserem Vorhaben nicht abgelassen"

Doch zunächst kamen sie gerade mal bis zur Stadtgrenze: Stundenlang spazierten der Informatiker Behles und der Software-Entwickler Roggendorf an der Spree entlang, um endlich Struktur in ihre Vorstellungen zu bringen. Ein richtiger Geschäftsplan und die Teilnahme an einem Gründerwettbewerb brachten dann die nötige Klarheit - die Idee von "Live" entstand. "Wir haben von unserem Vorhaben nicht abgelassen: Unser Ziel war ein improvisationsfreundliches Programm. Musiker sollten ihre vagen Ideen schnell realisieren können und Live dafür die Möglichkeit bieten", sagt Behles.

Abletons Software hat DJs wie Dr. Motte und Komponisten wie Hans Zimmer, der die Musik für Hollywoodfilme wie Gladiator komponierte, überzeugt. Bei Live-Auftritten, egal ob im Wiener Burg-Theater oder beim Sheryl-Crow-Konzert, greifen Musiker auf diese Software zurück. Denn das Programm erlaubt Anwendern, jederzeit auf die Situation und das Publikum zu reagieren. Der Musiker kann die Software wie ein Instrument spielen. "So ist es möglich, jederzeit einer spontanen kreativen Eingebung zu folgen oder auch in einer Konzertsituation auf die Stimmung des Publikums einzugehen", sagt Behles. Live 4 erweitere damit den Ansatz des "Komponierens in Echtzeit" auf die gesamte Musikproduktion.

Der rasche Erfolg wäre ohne Finanzspritze vom Bund kaum denkbar

Ableton bekam als Sieger eines Technologie-Förderprogramms im Herbst 1999 rund 800.000 Euro Startkapital. "Damit konnten wir endlich Mitarbeiter einstellen und unsere Pläne umsetzen", sagt Behles.

Im November 1999 startet die Entwicklung der Software, im Juni 2000 wird Diplom-Kaufmann Jan Bohl Gesellschafter und beginnt mit dem Aufbau eines Vertriebsnetzes. Das Unternehmen expandiert rasch in Länder wie die USA, Japan und Großbritannien. Heute beträgt der Marktanteil des Auslandsgeschäfts rund 90 Prozent.

"Der Standort Berlin war die goldrichtige Entscheidung"

Nach der Markteinführung von Live 1 erreichte Ableton innerhalb von zwei Jahren die Gewinnschwelle - bei einem Umsatz von mittlerweile zwei Millionen Euro. An einen Wechsel des Unternehmens ins Ausland verschwendet das Trio deshalb keine Gedanken. "Der Standort Berlin war die goldrichtige Entscheidung. Diese Stadt bietet genau die Inspiration, die wir für unseren Job brauchen", sagt Behles und verweist auf die ausgeprägte Musiklandschaft und DJ-Kultur.

Auch die Berliner Denkfabrik hat abseits des Kaffeedufts ein besonderes Flair. Die Wände, in den Unternehmensfarben grün-weiß gestrichen, ragen vier Meter in die Höhe. Viel Platz für kreative Köpfe - Unternehmensführung nach dem Leitbild "Die beste Idee gewinnt". Für Hierarchie verwöhnte Schlipsträger sind die Decken zu hoch und die Mitarbeiter zu unverkrampft. Der eher lockere Führungsstil für 20 Mitarbeiter bringt aber auch Probleme mit sich, bekennt Behle selbstkritisch: "Manche Nachtschicht könnte man mit noch besserer Planung wohl vermeiden."

Das sich die vielen Überstunden gelohnt haben, zeigt jetzt die Platzierung unter den letzen drei beim Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Aufsteiger. Behles sieht die viele Arbeit, die hinter einer so erfolgreichen Gründung steht, sowieso überraschend gelassen: "Ich wundere mich jeden Tag, dass ich für eine Arbeit die so viel Spaß macht, auch noch bezahlt werde."

Claas Pieper / print