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Nominiert in der Kategorie "Aufsteiger": Tante Emma im Internet

Während Investoren in deutschen Großstädten riesige Einkaufszentren aus dem Boden stampfen, träumt Thomas Heßler unbeirrt vom Tante-Emma-Laden.

"Die Zeit ist reif für eine grundlegende Innovation im Einzelhandel", sagt der Zanox-Chef und erweckt nicht den Eindruck eines einsamen Spinners. Wer Erfolg hat, argumentiert eben gerne mal gegen den Strom. Und Heßlers Internet-Vertriebsunternehmen zählt in Europa zu den Aufsteigern der Branche. Zanox war als einer von drei Finalisten für den Deutschen Gründerpreis in der gleichnamigen Kategorie nominiert.

Immerhin schwören selbst Handelsriesen wie Karstadt und Quelle mit ihren Internet-Shops auf die Zanox-Philosophie vom Einzelhandel: Ein weltweites Netz aus virtuellen Läden, betrieben von Händlern, die durch ihre weiteren Angebote – ob nun real oder im Internet - jeweils eine ganz spezielle Kundschaft anlocken. Finanziert wird das ganze durch die Provisionen der Hersteller der verkauften Waren. In diesen Tante-Emma-Laden finden Kunden alles, von der Margarine über Handys bis zu Dessous und das ganze - so das Kalkül von Heßler - maßgeschneidert für ihre Bedürfnisse. Millionen verschiedene Güter - und an jedem neuen Käufer verdient Zanox mit.

Konsequentes Zusammenführen einzelner Medien und Vertriebspartner

"Wir helfen Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen im Internet erfolgreich zu verkaufen", erklärt Heßler schlicht. Das klingt noch nicht nach Revolution im Einzelhandel. Doch zu Ende gedacht stellt sich Heßler die Innenstädte als Ein-Mann-Betriebe vor. Statt ins Kaufhaus schlendern Familien schnurstracks zum nächsten PC-Kiosk und lassen sich beim Einkauf von einer Ich-AG beraten.

Neu an dieser Idee ist das konsequente Zusammenführen einzelner Medien und Vertriebspartner. Heßler nennt das neudeutsch "Multichannel Commerce". Zu den Kanälen zählt er Fernsehen und Radio, Handys, Internet-Suchmaschinen und Mail-Programme. Sie alle sollen Computernutzer als Einkaufs- oder Informationsmöglichkeit nutzen. Der Vorteil für die Verbraucher: Mit Hilfe von Zanox vertreiben diese Internet-Läden mehr Produkte, als selbst in das größte Kaufhaus passen. Der Vorteil für die Unternehmen: Zanox vermittelt den Kontakt zu mehr als 200.000 anderen Geschäftspartnern und ihren Angeboten.

Mit jedem einzelnen Neukunden klingelt bei Zanox die Kasse

Die Geschäfte laufen dabei über die vorhandene Homepage der Unternehmen. Lediglich die Nachfrage soll erhöht werden. Die Berliner Firma berät Groß-Konzerne deshalb bei der Kundengewinnung. "Zanox ermöglicht eine reichweitenstarke Werbung und die Erschließung neuer Zielgruppen im Internet. Das Partnerprogramm ist ein sehr erfolgreiches Instrument, um neue Mitglieder zu werben", sagt Meike Sieweke, Managerin vom Club Bertelsmann. Und mit jedem einzelnen Neukunden klingelt auch bei Zanox die Kasse. Denn statt einer pauschalen Bezahlung lässt sich das Unternehmen erfolgsabhängig entlohnen.

Die Strategie von Zanox geht auf. Und deshalb kann der Mittelständler erfolgreich mit Konkurrenten wie Value Click oder Trade Doubler mithalten. Fast in allen europäischen Ländern verwenden Unternehmen inzwischen Zanox-Technologie. Ein Grund warum Heßler mittlerweile ein zufriedenes Unternehmerlächeln zeigt.

Klares Bekenntnis zum Standort Deutschland

Zeitweise schien ihm das eingefroren. Denn als es 2001, im Jahr nach der Gründung, mit seinem Unternehmen endlich aufwärts gehen sollte, ging es mit der schönen neuen Internetwelt erstmal bergab. Und das so kräftig, dass Zanox vor dem Aus stand. Das Eigenkapital aufgezehrt, zog der Vorstand die Notbremse. Statt auf Fördermittel und Börse zu spekulieren, tingelten die Unternehmenschefs über Messen um Kunden zu gewinnen. Mit dieser konservativen Strategie drehte sich das Jahresergebnis in Richtung Null. Immerhin.

Seitdem geht es wieder bergauf. Über Zanox-Plattformen werden mittlerweile über eine Millarde Euro Umsatz erwirtschaftet. Der Umzug im April Richtung Potsdamer Platz, mitten ins neue Berliner Herz, war ein Aufbruch-Signal nach Heßlers Geschmack. Bis 2006 soll die Zahl der Mitarbeiter von heute 40 auf dann 100 steigen. Ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland. "Wir wachsen hier", sagt Heßler. Und während die Mitarbeiter nach Feierabend zum Shoppen durch Berlins größte Einkaufsstraße, die Arkaden am Potsdamer Platz, schlendern, träumt Heßler weiter seinen Traum von der virtuellen Tante-Emma-Laden-Welt, der mit jedem neu gewonnenen Kunden realer wird.

Claas Pieper / print
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