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Nominiert in der Kategorie Visionär: "Funktionalität ist uns am wichtigsten"

Nach Internet-Firma sieht das nicht aus. Statt Designersofas Schreibtische aus hellem Holz, keine Espressomaschine, statt Plakaten mit lässigen Sprüchen ein paar Pflanzen in der Ecke. Erster Eindruck: aufgeräumt - im doppelten Wortsinn.

Nach Internet-Firma sieht das nicht aus. Statt Designersofas Schreibtische aus hellem Holz, keine Espressomaschine, statt Plakaten mit lässigen Sprüchen ein paar Pflanzen in der Ecke. Erster Eindruck: aufgeräumt - im doppelten Wortsinn. Nichts ist zu viel, und nichts zu wenig in den Mainzer Büroräumen von Otop, und vielleicht wirkt deshalb alles so freundlich.

"Funktionalität ist uns am wichtigsten" sagt Dirk Flug, einer der beiden Vorstände. Funktionalität in den Büros, vor allem aber auf dem Internet-Marktplatz, den Otop entwickelt hat. Der Chef holt den Laptop aus dem Nebenraum und demonstriert mit ein paar Klicks, wie alles funktioniert. Otop handelt mit medizinischen Hilfsmitteln: Braucht eine Krankenkasse für einen Versicherten einen Rollstuhl, einen Badewannenlift oder ein Pflegebett stellt sie online eine Anfrage in das Otop-System. Sanitätshäuser, die an dem Auftrag interessiert sind, geben ihre Gebote ab - die Kasse kann dann aus diesen Angeboten das günstigste auswählen. Otop kassiert dafür Provision - wieviel, wollen sie nicht verraten.

Klingt wie eine Geschäftsidee aus der Hochzeit der Internet-Euphorie - und tatsächlich kam Dirk Flug der Einfall schon 1999. Der Diplom-Kaufmann hatte vorher mehrere Jahre als Geschäftsführer eines großen Sanitätshauses gearbeitet, bis ihm auffiel: "Internet ist irgendwie gutW. Da lag es nahe, beides miteinander zu verbinden, das Sanitätshaus und das Netz.

Krankenkassen ließen sich nur mühsam überzeugen

Als Firmensitz genügte zuerst das eigene Wohnzimmer, gegründet wurde Otop im Juni 2000, gleich als AG. Im Unterschied zu Dutzenden anderer typischer Internet-Marktplätze, die schnell wieder verschwanden, geht es bei Otop jetzt erst richtig los: Zehn Mitarbeiter sind derzeit beschäftigt, Ende des Jahres soll das Unternehmen in den schwarzen Zahlen sein.

Allerdings: "Wir hatten uns nicht vorgestellt, dass es so schwierig sein würde", sagt Ralph Grobecker, zweiter Vorstand neben Flug und zuvor Unternehmensberater bei McKinsey mit Schwerpunkt Gesundheitsweisen. Dabei fing es vielversprechend an. Trotz der Internet-Krise übernahm die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz die Hälfte der AG-Anteile, damit war die Finanzierung erst einmal gesichert; die Otop-Software lief stabil, ein Gutachten bescheinigte ihnen auch, juristisch einwandfrei zu arbeiten.

Dennoch ließen sich die Krankenkassen nur mühsam überzeugen, dass Otop ihre Arbeit einfacher und günstiger machen würde - doch auf die Kassen kam es an, damit der Internet-Marktplatz florieren konnte. "Es gibt Kassen, an denen sind wir seit zweieinhalb Jahren dran", sagt Vorstand Grobecker, der promoviert Physiker. Immer wieder landeten sie in der Schublade "Internet StartUp" - und stießen auf Skepsis und Vorsicht. "Wir haben die Trägheit der Sozialsysteme zu spüren bekommen", sagt sich Flug - obwohl sie den Kassen ein Einsparvolumen von angeblich mindestens 250 Millionen Euro jährlich versprechen.

Doch dann, nach fast zwei Jahren Hartnäckigkeit und Verhandlungen schlossen die beiden 35-jährigen im März vergangenen Jahres den ersten Vertrag mit einer Krankenkasse: die IKK Niedersachsen traute sich, mit dem Internet-Marktplatz zu arbeiten. Seither läuft es. Die Kassen verbreiten die Kunde von Otop untereinander weiter, Ende des Jahres sind sechzehn Kassen dabei, so Grobecker, die Hilfsmittel für ihre rund 14 Millionen Versicherte über Otop handeln können.

"Und es geht doch"

Die ersten beiden Jahre seien schon hart gewesen. "Aber irgendwann war da auch der Reiz, allen Skeptikern zu zeigen: und es geht doch", sagt Grobecker. Seit kurzem können die Kassen auch Fahrtdienste über Otop ausschreiben, weitere Marktplätze sind in Planung. Die karge Zeit, so zeigt sich heute, war ein Überlebensvorteil: "Weil wir von Anfang an extrem auf das Geld schauen mussten, fielen Eskapaden weg."

Vermisst haben sie nichts. Sie seien ohnehin eher Zahlenmenschen, eher konservativ im Führungsstil, auch wenn sich alle duzen. So wurde nach dem heiß ersehnten ersten Vertrag auch nicht gefeiert. Fast empört verneinen die beiden die Frage: "Wir haben geschlafen, im Zug, auf dem Weg nach Hause."

Eva-Maria Schnurr / print
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