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Kategorie "Visionär": Der Pillen-Aldi

Sieger Kategorie Visionär: DocMorris. Die Internetapotheke ärgert die herkömmlichen Kollegen - und erfreut die Kunden, die kräftig sparen.

Wenn Sie Ihren Apotheker ein bisschen aus der Reserve locken wollen, sollten Sie ihn auf DocMorris ansprechen. Lassen Sie einfach die Bemerkung fallen, dass man bei der Internetapotheke keine Rezeptgebühr bezahlen muss. Ihr Apotheker wird wahrscheinlich anfangen zu jammern über diese Konkurrenz, die ihm mit unlauteren Mitteln das Leben so schwer mache. Möglicherweise wird er auch gleich rot im Gesicht und fluchen, dass der Versandhandel den Tod Tausender Apotheken bedeute. Sie können ihm dann noch sagen, dass Medikamente bei DocMorris zehn Prozent billiger sind - Beruhigungspillen inklusive. Egal, was Ihr Apotheker antwortet, eines wird er ihnen verschweigen: dass sein Jahreseinkommen allein 2001 um elf Prozent gewachsen ist und er dank Arzneimittelverordnung komfortable 27 Prozent auf jedes Medikament draufschlagen darf.

Gereizt reagiert auch Hans-Günter Friese, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, auf DocMorris. 7,7 Millionen Unterschriften sammelten die Verbände gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln, der bisher in Deutschland nur am Rande der Rechtmäßigkeit möglich ist. Wer ihn legalisieren wolle, habe "die Zerstörung des derzeitigen Apothekenwesens im Visier", so Friese. "Das wird katastrophale Folgen vor allem für die Versorgung älterer Menschen in ländlichen Regionen haben." 30 Milliarden Euro Umsatz machen die Apotheker im Jahr. DocMorris, die Versandapotheke, schnappt sich winzige 0,1 Prozent von diesem Kuchen (30 Millionen Euro). Dennoch sieht es so aus, als fürchteten die 21.500 Apotheken in Deutschland nichts so sehr wie diese vor drei Jahren gegründete Garagenfirma kurz hinter der niederländischen Grenze.

Rezeptgebühr und Porto zahlt DocMorris

Der Zwerg der Arzneimittelbranche mit der Macht eines Riesen sitzt im 40.000-Einwohner-Städtchen Landgraaf. Zwischen der DuPont-Lagerhalle und der Spedition Eijfferts steht das eingeschossige, mit Stacheldraht umzäunte Firmengebäude. Jeden Morgen bringt ein Kurier gelbe Postboxen voll rosaroter Rezepte aus Deutschland. Tagsüber werden etwa 4.000 Medikamente in Schächtelchen gepackt, und abends kommen ein paar Kleinbusse, die die Fracht nach Deutschland karren.

Die Kunden von DocMorris sind meist chronisch Kranke, die immer wieder die gleichen Medikamente brauchen und deshalb auch mal fünf Tage auf die Postsendung warten können. Der Vorteil: Die Arzneimittel werden direkt nach Hause geliefert, DocMorris übernimmt nicht nur die Rezeptgebühr, sondern auch die Versandkosten. Die Rechnung geht für das Unternehmen auf, wenn die Lieferung mindestens 80 Euro teuer ist. "Aber wir liefern auch günstigere Medikamente aus, obwohl wir dann draufzahlen", sagt Finanzvorstand Christoph Jennen. Trotz aller Anfeindungen wächst DocMorris in atemberaubendem Tempo: Die Kartei umfasst 300.000 Kunden, und es passiert immer wieder, dass mehr Rezepte ankommen, als bearbeitet werden können. DocMorris schickt sie dann einfach wieder zurück.

Erfolg auf engstem Raum

Eng geht es zu am Firmensitz. Die 140 Mitarbeiter laufen ständig Gefahr, sich gegenseitig auf die Füße zu treten. An den Türen hängt ein Zettel: "Wir erwarten, dass jeder, der hier durchgeht oder etwas zu erledigen hat, sich angemessen ruhig verhält. Die Konzentration ist sehr wichtig für unsere Abteilung." Als Pausenraum dient eine Holzhütte im Innenhof, nebenan in der Speditionshalle sind zwei Garagen angemietet. "Da setzen wir vielleicht die Buchhaltung rein", sagt Jennen.

Auch der Chef von DocMorris, Ralf Däinghaus, sitzt in einem 15 Quadratmeter kleinen Büro, das er sich mit dem Finanzchef teilt. "Wir platzen aus allen Nähten", sagt Däinghaus, "spätestens Ende des Jahres müssen wir umziehen." Seit der 36-Jährige laut nachdachte, den Standort nach Deutschland zu verlegen, stapeln sich die Briefe von Bürgermeistern. "Entscheidend ist aber, ob die deutsche Regierung den Versandhandel erlaubt und die Preisbindung bei Medikamenten aufhebt. Nur dann kommen wir. Sonst nicht." Noch ist die Gesetzeslage so, dass Medikamente in Deutschland nur über Apotheken verkauft werden dürfen - zum festgeschriebenen Preis. Aspirin kostet von Kiel bis zum Bodensee überall dasselbe. Um diese Beschränkungen zu umgehen, startete DocMorris in Holland.

Startschuss mit der Pille und Viagra

Die Idee entstand, als Däinghaus auf einer Party den Apotheker Jacques Waterval kennen lernte. Waterval erzählte, dass regelmäßig Frauen aus Deutschland in seiner Apotheke die Pille kauften, die in Holland teilweise halb so teuer ist. Der quirlige Rotschopf Däinghaus kapierte schnell, dass man Watervals Apotheke mit Hilfe des Internets für jeden Ort in Deutschland erreichbar machen konnte. Weil DocWaterval aber ein schlecht zu merkender Name war, nannten sie die Internetapotheke nach dem Oldtimer, den Watervals Vater fuhr: einem britischen Morris.

Ganz geheuer war es Däinghaus anfangs nicht, ob es legal ist, was sie da planten. Zunächst dachten er und Waterval nicht daran, sich Arzneien von den Krankenkassen erstatten zu lassen. "Wir suchten uns Medikamente wie die Pille oder Viagra heraus, die man selbst bezahlen musste und bei denen die Kunden einen Preisvorteil gegenüber einer deutschen Apotheke hatten." Doch bereits nach vier Monaten, im Oktober 2000, erklärten sich die ersten Krankenkassen bereit, bei DocMorris erworbene Medikamente abzurechnen - weil sie günstiger waren. "Von da an wuchsen wir wie die Weltmeister", erinnert sich Däinghaus. Das Sortiment wurde vergrößert. Heute stehen in Landgraaf in meterlangen blauen Blechregalen mehr als 10.000 Medikamente - rezeptfreie und solche, die nur gegen ein gültiges Rezept abgegeben werden.

Ärger aus Deutschland

Der Bestseller ist nach wie vor Viagra. Das Potenzmittel lagert in einem extra Schrank, für den nur Stephanie Radtke einen Schlüssel hat. Radtke sitzt am Rand der Lagerhalle, hinter ihr rattern Arzneimittel auf einem Fließband zur Kontrolle. Die junge Apothekerin schaut sich die Rezeptzettel für Viagra genau an. Welche Energien die Pille freisetzt, zeigt ein Leitzordner voll gefälschter Rezepte. Zwölf Pillen Viagra sind bei DocMorris zwölf Euro billiger als in einer deutschen Apotheke. Stephanie Radtke arbeitet erst seit November bei DocMorris. Anfangs habe sie Angst gehabt, hierher zu kommen. "Ich dachte, danach stellt mich kein deutscher Apotheker mehr ein." Als sie kürzlich ihrem früheren Chef in Aachen begegnet sei, habe der die Straßenseite gewechselt.

Ähnlich herzlich geht auch der Deutsche Apothekerverband mit DocMorris um. Kaum hatte Däinghaus seine ersten Medikamente verschickt, beantragte die Apothekerlobby eine einstweilige Verfügung gegen den Winzling. "Das war bitter", erinnert sich Däinghaus. "Da ist man sein Leben lang ein unbescholtener Staatsbürger, parkt sogar immer richtig, und schwuppdiwupp sitzt man auf der Anklagebank." Ende 2000 verbot das Landgericht Frankfurt DocMorris, an deutsche Adressen zu versenden. "Nach dem Urteil dachte ich: O Gott, das war's, such dir wieder einen normalen Job, vielleicht Busfahrer, ist doch auch nicht schlecht." Einer der Investoren, der Hamburger Geschäftsmann Gottfried Neuhaus, ermutigte die Rebellen weiterzumachen. Also veränderten sie ihr Geschäftsmodell ein wenig. Offiziell versendet nun nicht mehr die Versandapotheke an Kunden, sondern die Kunden kaufen bei DocMorris Medikamente und beauftragen einen Paketservice, für sie die Ware abzuholen. "Wir sind aber so nett, die Post über diesen Wunsch des Kunden zu informieren und übernehmen sogar die Kosten für den Versand."

"Robin-Hood-Status"

Der Trick, sagt Däinghaus, funktioniere bis heute. Mittlerweile hat die Apothekerlobby gegen DocMorris 13 einstweilige Verfügungen beantragt - sechsmal bekamen die Niederländer Recht, siebenmal die Kläger. Alle Verfahren ruhen nun, bis der Europäische Gerichtshof im Herbst die Sache grundsätzlich entschieden hat. Die Prozesse waren immer auch Werbung. "Mit den fiesen juristischen Aktionen wuchs unser Robin-Hood-Status", freut sich Däinghaus. "Wenn's uns nicht gegeben hätte, würde heute kein Mensch in Deutschland über Liberalisierung im Arzneimittelmarkt nachdenken." Gerd Glaeske, Gesundheitsexperte an der Universität Bremen, versteht den Ärger der Apotheker. "Als Firma ist DocMorris für die nicht gefährlich, aber sie ist ein Türöffner." Erst seit es den Pillen-Aldi gebe, frage man sich, warum die gleichen Medikamente in Nachbarländern eigentlich viel billiger sind als in Deutschland. "Die Apotheker fürchten, dass es zu einem Apothekensterben kommt, wenn die Festpreise aufgehoben werden - zu Recht." Glaeske findet das aber nicht schlimm. "Von den 21.500 Apotheken in Deutschland ist ein Drittel überflüssig." Allein durch eine Absenkung der Apothekengewinne auf holländisches Niveau würden die Krankenkassen zudem zwei Milliarden Euro sparen.

Ziel: Gewinne und größere Gebäude

In Ländern wie der Schweiz oder den USA, in denen Internetapotheken erlaubt sind, machen diese acht bis zehn Prozent des Arzneimittelumsatzes. Acht Prozent wären in Deutschland gut zwei Milliarden Euro. "Wenn wir als Marktführer 30 Prozent davon bekommen, bin ich schon glücklich", sagt Däinghaus. In diesem Jahr will DocMorris 45 Millionen Euro Umsatz machen - und erstmals Gewinne. Für Däinghaus ist das aber noch lange nicht das Ende. "Das Gebäude, in das wir ziehen, wird zehnmal so groß sein wie jetzt", sagt der ehrgeizige Apothekenchef. "Es soll für die nächsten zwei bis fünf Jahre reichen."

Markus Grill / print