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Doc Morris vs. Apo: Krieg der Billig-Apotheker

Frank Riemer, Chef einer Dorfapotheke bei Hannover, hatte eine kluge Idee: Er tat sich mit DocMorris zusammen, die Zahl seiner Kunden stieg um 400 Prozent. Dann eröffnete die Apo AG ihren Arznei-Bestellshop - und zwar direkt nebenan. Nun kämpft "Billiger" gegen "Günstiger".

Von Inga Niermann

Es ist halb zehn Uhr morgens, und in einer kleinen Apotheke in dem niedersächsischen Örtchen Wedemark-Mellendorf herrscht bereits Hochbetrieb. Seit sich die Wedemark-Apotheke vor zwei Monaten mit der Versandapotheke DocMorris zusammengetan hat, läuft das zuvor schleppende Geschäft wie am Schnürchen. "Der Name DocMorris steht für günstige Arzneien und lockt deshalb Kundschaft an. Wir können Mitnahmeeffekte nutzen", freut sich die Angestellte Uschi Piroutek. Doch kaum ist das Geschäft aufgeblüht, braut sich Unheil zusammen. Uschi Piroutek und die anderen Mitarbeiter der Wedemark-Apotheke bemerkten es erstmals gestern, als eine junge Frau mit langen blonden Haaren auf einer Leiter die gesamte Glasfront des gegenüber liegenden Ladens plakatierte. Uschi Piroutek kann immer noch nicht richtig fassen, was auf den Plakaten steht: "Hier Rezeptgebühr sparen!" Oder "Preisvergleich: Aspirin, 40 Brausetabletten kosten bei DocMorris 12,25 Euro, bei der Apo AG nur 11,60 Euro. Ersparnis: 5,3 Prozent." Oder: "Voltaren Schmerzgel kostet bei DocMorris 9,95 Euro, bei der Apo AG nur 6,80 Euro. Ersparnis: 31,7 Prozent."

Die Plakate stammen von der Apo AG, ein Zusammenschluss von rund zwei Dutzend deutschen Apothekern mit Sitz in Zürich. Die Apo AG betreibt über eine eigene Website Versandhandel für Arzneimittel. Sie arbeitet mit der niederländischen Versandapotheke Europa Apotheek Venlo zusammen, die ebenfalls auf den deutschen Markt drängt. Wie DocMorris bietet sie im Versand Medikamente günstig an und gewährt Rabatte auf Rezeptgebühren.

Die Apo-Apotheke: ein Terminal

Mit Internet-Bestellshops in Deutschland will die Apo AG nun auch Kunden anlocken, die nicht oder nur selten das Internet für Medikamentenbestellungen nutzen. Für ihren ersten Shop hat sich die Apotheker-Initiative den Laden neben der Doc-Morris-Apotheke in Wedemark ausgesucht. "Wir wollen hier den Publikumsverkehr der Doc-Morris-Apotheke abschöpfen", erläutert der Vorstand der Apo AG, Jens Apermann, seine Strategie. Die Apo AG biete nahezu das gleiche Sortiment wie Doc Morris an. "Zu garantiert und dauerhaft niedrigeren Preisen", versichert Apermann.

Noch sind die Regale in dem rund 20 Quadratmeter großen, mit einem knallroten Teppich ausgelegten Internet-Bestellshop leer. "Da kommt auch nur Informationsmaterial rein. Wir haben hier ja keine Ware, sondern nur einen PC mit Internetanschluss für die Bestellungen", sagt die blonde Mitarbeiterin des Bestellshops, Karin Schmieta. "Wir funktionieren nicht wie eine Apotheke, sondern eher wie ein Quelle-Shop."

Schmieta ist Quereinsteigerin, vorher hat sie unter anderem in einem Reisebüro gearbeitet. Zusammen mit einer Kollegin will sie das Geschäft vor Ort betreiben. Eine besondere Ausbildung benötige sie nicht, weil sie mit Medikamenten nicht in Berührung komme. "Es geht ja auch darum, dass vielen Kunden das Internet für den Medikamentenkauf zu anonym ist. Wir liefern ihnen das Gesicht dazu", sagt sie.

Auch für den Vermieter "kitzlig"

Die strategisch eher ungünstig gelegene Wedemark-Apotheke könnte es kaum härter treffen. Gerade erst hatte sie sich aus ihren Existenznöten herausgekämpft. Erst seit Mai erstrahlt die Außenfront der Apotheke in den Doc-Morris-Farben hellgrün und weiß und mit dem Logo der Versandapotheke. Kamen vorher etwa 45 Kunden pro Tag, strömen seit Kooperationsstart mit Doc Morris täglich rund 250 in die Apotheke. Der Internet-Bestellshop der Apo AG droht dem neuen Besitzer Frank Riemer kräftig das Wasser abzugraben. "Das Ganze hat mich überrollt", sagt Riemer tonlos. "Für mich ist das ziemlich übel."

Der Gebäudebesitzer Hans-Jürgen Oleski, der den Laden gegenüber der Apotheke an die Apo AG vermietete, war zuvor auch Besitzer der Wedemark-Apotheke. Erst im April hatte Riemer die Apotheke von ihm übernommen. "Die Sache ist in der Tat etwas kitzelig", räumt Oleski ein, der mit seiner Frau über der Apotheke wohnt und noch hin und wieder beim Notdienst aushilft. "Ich war aber heilfroh, dass ich den Laden wieder vermietet bekommen habe. Da habe ich nicht so genau nachgefragt, was der Mieter genau vorhat", sagt der Rentner.

Sieben Apotheken für 30.000 Einwohner

Oleski atmet tief durch, bevor er weiter spricht: "Mich hat ja auch keiner gefragt, wie ich damit klar komme, dass ich von immer mehr und größeren Apotheken an die Wand gedrückt werde." Zurzeit buhlen sieben Apotheken um die Käuferschaft in der Region, die etwa 30.000 Einwohner zählt. "Die anderen Apotheker in der Wedemark sind sowieso schon sauer, dass ich mit Doc Morris kooperiere", berichtet Riemer. "Denen laufen die Kunden davon." Was mit der Eröffnung des Bestellshops passiere, sei noch gar nicht absehbar. "Ich werde auf jeden Fall etwas unternehmen müssen."

Auch die Apothekenmitarbeiter sind fassungslos: "Ich verstehe ja, dass Internetkäufe verlockend sind, zumal wir einige Rentner haben, die sich das Geld für Medikamente und Rezeptgebühren vom Munde absparen müssen", sagt Pitourek. "Aber auf der anderen Seite bin ich auch manchmal enttäuscht, wenn ich merke, dass die Leute nur noch über das Internet bestellen wollen. Schließlich beraten wir ja auch."

Mit dem Bestellshop will die Apo AG einen ersten Testlauf machen. "Für uns ist das Wichtigste, dass die Kunden unser Angebot annehmen", sagt Apermann, der einst Doc Morris mitgegründet hat und 2002 aus dem Unternehmen ausgestiegen war. "Wenn ja, werden wir das ausweiden."